Es könnte interessant werden am Samstag in der Bayerischen Staatsoper in München. Andreas Kriegenburg bringt dort "Das Rheingold" auf die Bühne und gibt den Startschuss für seine neue Interpretation von Richard Wagners Opernzyklus "Ring des Nibelungen". Was Kriegenburg vorhat, dürfte Wagnerianer kurz vor dem großen Jubiläumsjahr 2013 aufhorchen lassen.

Beeindrucken könnte seine Inszenierung vor allem durch die schiere Menschenmasse auf der Bühne. Denn ein festes Bühnenbild gibt es so gut wie nicht. So wird die Burg Walhall von Menschen dargestellt. Unzählige Statisten werfen ihre Gewänder ab, beschmieren sich gegenseitig mit blauer Farbe - und werden zum Rhein. Für Kriegenburg, der Wagner vor drei Jahren noch nicht einmal besonders gemocht hat und sich eher in den "Klangwelten Händels" zu Hause fühlte, ist das eine Form, den "Ring" zu demokratisieren. Bei ihm soll sich nicht alles nur um einige wenige Sänger drehen.

"Wir versuchen sicher nicht, eine mit sich selber prahlerische Inszenierung des "Rings" zu machen. Derer gibt es genug", sagt er. Stattdessen will er sich dem Erzähler Wagner widmen und seine Figuren zeigen, ohne sie mit Einordnungen oder gar Labels zu versehen. Wotan als Zuhälter, Industrieller oder General? "All diese Zuordnungen versuchen wir zu vermeiden."


Regisseur will Zuordnungen unterlaufen



Wotan (Johan Reuter), Woglinde (Eri Nakamura), Wellgunde (Angela Brower) und Floßhilde (Okka von der Damerau) will er im "Rheingold" anders zeigen: "Sobald ich als Zuschauer Zuordnungen sehe und verstehe, habe ich große Schwierigkeiten, emotionale Nähe zu den Figuren aufzubauen. Wir versuchen, das zu unterlaufen, und wollen die Figuren in ihren psychologischen Details wahrnehmbar machen." Frei nach dem Motto: Kopf aus, Wagner an. Kurz vor der Premiere muss Kriegenburg noch eine unerwartete Änderung in der Besetzung vornehmen. Die Rolle des "Alberich", eigentlich vorgesehen für Wolfgang Koch, übernimmt nun Johannes Martin Kränzle, denn Koch ist erkrankt.

Opernintendant Nikolaus Bacher nennt den Ring einen "Blockbuster". Wagner, so sagt Kriegenburg, habe mit dem "Ring" auch ein psychologisches "feines Kammerspiel" geschaffen. Als das will der Regisseur das Werk nun zeigen - mit einer Inszenierung, die auf einer zeitweise fast leeren Bühne alles andere als klassisch-opulent ausfallen dürfte. "Wir wollen der Musik nicht mit einem visuellen Overkill begegnen, sondern Wagner sowohl als Tonkünstler als auch vor allem als Erzähler begreifen", sagt Kriegenburg.

Das ist ein nicht ganz ungewagtes Unterfangen in einer Stadt wie München. Die Aufführung von Wagners "Ring" dürfte für jedes Opernhaus der Welt eine große Sache sein. In München aber, wo der erste Teil der Tetralogie am 22. September 1869 uraufgeführt wurde, ist es etwas ganz besonderes.


"Ich werde auch Erwartungen enttäuschen"



Kriegenburgs "Ring" ist der erste in München seit zehn Jahren. Und der Zyklus stand damals - im Jahr 2002 - unter keinem guten Stern. Regisseur Herbert Wernicke starb kurz nach der Premiere des "Rheingolds", die "Walküre"-Inszenierung, für die sein Nachfolger Hans-Peter Lehmann Wernickes Konzept übernahm, wurde schnell verworfen. David Alden inszenierte die "Walküre" neu und vollendete den Zyklus mit "Siegfried" und "Götterdämmerung". Der letzte Vorhang für diesen "Ring" fiel 2006.

"Als Regisseur weiß ich ja genau, dass ich auch Erwartungen enttäuschen werde", sagt Kriegenburg. "Ich versuche, dem ein anderes, überraschendes und sinnliches Erlebnis entgegenzusetzen. Das eine nehme ich weg, um für das andere Platz zu schaffen." Sein Plan, den er "radikal" nennt: "Wir versuchen, soweit wie es möglich ist, uns zum Kern durchzuarbeiten." Geschichte statt Rezeptionsgeschichte heißt seine Strategie. Er versucht auszublenden, wie der "Ring" bislang auf die Bühne gebracht wurden.

Was er jetzt aufführen will, ist "ein szenisches Äquivalent auf der Bühne zu dem, was im Orchester passiert". Wenn Wagner von einer Felslandschaft schreibt, will Kriegenburg eine zeigen - "und kein Parkhaus". Wenn Wagner von der Kröte schreibt, will Kriegenburg eine zeigen. Sein Publikum aber soll sagen: "Wie die Kröte war, das war überraschend."