Die Diskursstrategie der Berliner Alice Salomon Hochschule war offensichtlich: Der konkrete Einzelfall sollte ins versöhnlich Abstrakte gehoben werden. In der vergangenen Woche trafen der 93-jährige Dichter Eugen Gomringer und die Vertreter der Berliner Hochschule zum ersten Mal öffentlich aufeinander.
Wo es um Gomringers von Studierenden als sexistisch gebrandmarktes Gedicht "Avenidas" hätte gehen müssen, arbeiteten sich die Berliner an der Kunst, ihrer Freiheit und ihren Grenzen ab. Diese Grundsatzfragen sind jeder Beschäftigung wert. Nur wirkten sie an diesem Abend auf verdruckste Art vorgeschoben, wo die Studierenden und die Hochschulleitung doch längst Tatsachen geschaffen haben: Noch im Herbst wird Gomringers Gedicht überpinselt.
Die Diskussion in Berlin verfolgt hat Nora Gomringer. Sie ist nicht nur die Tochter Eugen Gomringers, sondern selbst eine bedeutende Stimme im deutschen Kulturbetrieb. Seit 2010 leitet die Lyrikerin und Bachmann-Preisträgerin das Bamberger Künstlerhaus Villa Condordia.

Sind Sie einverstanden mit der Art und Weise, wie über das Gedicht Ihres Vaters diskutiert wird?
Nora Gomringer: Das Gedicht wird angeklagt, in seiner Grundhaltung sexistisch zu sein. Ich verstehe die Debatte als zu emotional geführt. Das greift zu kurz, macht die Debatte haltlos und die Auseinandersetzung letztlich unkritisch. Manchmal wünschte ich mir fast, einer hätte einen Farbbeutel auf das Gedicht geworfen.

Welchen Eindruck haben die Kritiker Ihres Vaters auf Sie in Berlin gemacht?
Sie waren alle sehr ... jung, engagiert, hielten zusammen und standen einander bei, zeigten Loyalität. Fand ich alles gut. Leider waren sie auch in Teilen noch völlig unwissend, was Lyrik oder gar Konkrete Poesie und ihre Hintergründe angeht, und den Dichter haben sie isoliert. Als drehe es sich darum, "dem Alten" den Anbruch der neuen Zeiten ordentlich beizubringen. Das finde ich einen Affront.

Warum?
Wer sich mit Eugen Gomringer unterhält, stellt fest, dass es sich um einen sehr modernen Menschen handelt. Himmel! Dass ist einer, der schon in den 1950ern gesagt hat: Das ist mir alles zu eng. In Kategorien wie "männlich/ weiblich" hat der eh nie gedacht. Dass per se angenommen wird, dass ein Mensch und Schriftsteller, der schon in den 1950er Jahren hervorgetreten ist, sexistisch eingestellt war und sein musste in Werk und Wirken, ist irre borniert und kurzsichtig. Als hätten "unsere Zeiten" den Feminismus erfunden.

Teilen Sie selbst die Ziele des Feminismus?
Für die Politik und generell gesellschaftliche Durchsetzung der Gleichstellung der Geschlechter, ja, da braucht es unbedingt das Engagement der Feministinnen. Ich bin eine Feministin.
Gestehen Sie Frauen das Recht zu, sich vom Gedicht Ihres Vaters unangenehm berührt zu fühlen?
Ich verteile keine Rechte darauf, wie sich jemand fühlen soll und darf. Das machen all die "Wohlmeinenden", die sich erst mit Schmeichelei und Zuspruch für meinen Vater an mich wenden und dann die Frauen vom Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) als "Scheißemanzen" beschimpfen.

Applaus von der falschen Seite.
Ich kann und will da nicht einstimmen. Die Frauen äußern sich, an ihrer Argumentation finde ich vieles fehl, ich wehre mich, suche Aufklärung und Richtigstellung. So sollte es laufen. Stattdessen ist es alles sehr formlos und wütend. Und die "Wohlmeinenden" beschimpfen mich am Ende auch, weil ich auf ihren guten Zuspruch nicht reagiere wie ein zu Tode gestreicheltes Meerschwein, mich artig bedanke und sie mit dem Text von Eugen Gomringer machen lasse, was sie möchten.

Welche Reaktion hätten Sie sich von der Hochschule erwartet?
Einen Anwalt nehmen, den Fall der Renovierung schildern, dem Dichter einen Brief mit Bitte um Verständnis, dass man sich eine neue Aufschrift nach der Renovierung wünscht, eine alternative Anbringung eventuell anbieten. Und ganz grundsätzlich: nicht alles zu Gefühl erklären. Aber ich berate nicht die Hochschule. Ich stehe für die Erhaltung eines Textes, der unter falscher Anklage steht.

Warum artikuliert sich der Protest ausgerechnet jetzt derart vehement?
Im September schwappte die #metoo-Welle über alles, seitdem schwimmen wir herum in Verzweiflungen, Begrifflichkeiten, Anschuldigungen, einer ganz verharmlosenden Einstellung gegenüber der Kunst im öffentlichen Raum, die ja auch Rechte genießt.

Besitzt die Debatte etwas über den konkreten Fall Hinausweisendes?
Ja. Sie berührt Auseinandersetzungen von Alt gegen Jung, Establishment gegen freie Szene, Feminismus gegen Misogynie, Gefühl gegen Ratio, Konkrete Poesie gegen Stürmer und Dränger, Verwaltung und Autorität gegen Mitbestimmung.

Fürchtet Ihr Vater, dass sein Lebenswerk in ein schiefes Licht gerät?
Nein. Wenn ich davon mehr Anzeichen erfühlte, würde ich auch klagen gegen die Hochschule. Da bin ich anders als er. Für sich selbst streiten ist aber auch viel härter. Ich finde ihn besonnen. Mein Vater wollte in Berlin eine Debatte über Kunst und Ästhetikfragen bestreiten, war bestens vorbereitet und gerüstet.
Was geschah dann?
Was wir antrafen, war eine Rechtfertigungsplattform für die Hochschule, die ihre "Verfahrenstechnik" erklärte. Das war David gegen Goliath, bei dem der David den Goliath tot redete, noch bevor irgendetwas in Gang kommen konnte, was zum Thema gewesen wäre.

Was begeistert Sie selbst am Gedicht Ihres Vaters?
Es ist überzeitlich, funktioniert global. Es ist ein Klassiker. Es ist still und klar und will nichts vom Leser. So ist die ganze Konkrete Poesie, sie lädt zum Denken ein, kann aber auch einfach "unbedacht" bleiben, denn sie weiß es einfach besser, ruht in sich, ist cool. Auch das kann aggressiv machen. Aber in die Textästhetik ist in der Diskussion noch keiner eingestiegen.

Das Gespräch führte
Christoph Hägele.