Michel Houellebecq war noch nie ein wirklich guter Autor. Seine poetologischen und sprachlichen Mittel sind limitiert, seine Romane im Grunde ein Amalgam aus oft in langen Monologen vorgetragenen Thesen und Essay-Schnipseln. Sein Verdienst ist, dass er sich nie einen Deut um Konventionen scherte, weder als Romancier noch als politischer Essayist, mit dem Risiko, als Rechter, Sexist, Antihumanist zu gelten.

Zumindest das letzte Etikett würde den Protagonisten seines jüngsten, aufgrund der Islam-Debatten schon vor den Pariser Anschlägen als Skandalroman gehandelten Buchs sicher nicht stören. "Die Menschheit interessierte mich nicht, sie widerte mich sogar an. Ich betrachtete die Menschen keineswegs als meine Brüder ...", lässt er François, Literaturwissenschaftler an der Sorbonne, bekennen.

Der 44-jährige Ich-Erzähler ist ein typischer Houellebecq-Mann: mittleres Alter, materiell einigermaßen gesichert, voller Weltekel, unfähig zu Beziehungen, Mikrowellen-Gerichten, Alkohol und seelenlos mechanischem, gern käuflichem Sex zugeneigt, der in "Unterwerfung" der Handlung abstoßend wie nie angepappt ist - der Autor weiß, was er seinem Publikum schuldet.

Das Paradox ist, dass diese Männer stets nach der Erlösung durch die Frau suchen, die jedoch Madonna und Hure zugleich sein soll und ihnen stets entrissen wird, durch Selbstmord ("Elementarteilchen") oder Mord ("Plattform"). Diesmal ist es eine Myriam, jung und hübsch natürlich, die mit ihren Eltern nach Israel auswandert, der islamistischen Bedrohung der Menschen jüdischen Glaubens in Frankreich geschuldet.

Womit wir beim eigentlichen - vermeintlichen - Skandalon des Romans wären: der Umwandlung der Grande Nation in einen gemäßigt islamischen Staat. "Eine beklemmende, fundamentale Hilflosigkeit" liegt zur Zeit der Präsidentschaftswahlen 2022, der erzählten Zeit, über dem Land mit vagen Andeutungen über einen Bürgerkrieg zwischen neurechten "Identitären" und Dschihadisten.

"Bruderschaft der Muslime siegt"

Für die Gruppierungen Mittelinks und Mitterechts und ihre Repräsentanten sowie die Politik überhaupt hat François nur Verachtung übrig. Auch dann, als ein "republikanischer Block" aus Gaullisten, Sozialisten und einer "Bruderschaft der Muslime" mit ihrem Kandidaten Mohammed Ben Abbes sich formiert, um nur Marine Le Pen und den "Front National" zu verhindern und damit die EU-Orientierung des Landes beizubehalten.

Richtig wird Ben Abbes Präsident, und der nunmehr an der von Saudis finanzierten Sorbonne überflüssig gewordene und mit besten Bezügen pensionierte François beobachtet aufmerksam den Wandel: wie sich die Frauenkleidung ändert und "die Betrachtung von Frauenärschen, dieser kleine träumerische Trost" unmöglich geworden ist, aber auch den Opportunismus von Universitätskollegen, wie die Kriminalität in den Banlieus verschwindet und die Arbeitslosenzahlen schrumpfen, weil die Frauen zurück an den Herd gezwungen werden.

Ein "Distributismus" genanntes Modell (ursprünglich von katholischen Sozialreformern vorgeschlagen) schafft eine mittelständische Wirtschaft, in der der Pater familias auch für seine Angestellten sorgt. Es ist eine reaktionäre Sozialutopie, die da entworfen wird - Verhältnisse etwa so wie in einer französischen Kleinstadt des späten 19. Jahrhunderts, nur dass der Katholizismus durch den Islam ersetzt wird, Polygamie eingeschlossen, was François naturgemäß reizt.

Selbstverständlich dürfen Erzähler- und Autoren-Ich nicht verwechselt werden. Vor allem zum Schluss des Romans kann "Unterwerfung" auch als gelungene Satire gelesen werden, wenn etwa Universitätsprofessoren sich als Alphamännchen definieren, denen mehrere Frauen zustehen, damit ihre Gene weitergegeben werden, und die "Geschichte der O" als Unterwerfungsmodell gepriesen wird. (Viel mehr als Gläubige werden Frauen provoziert und beleidigt.) Doch es bleibt die auch in anderen Büchern Houellebecqs geäußerte Kritik an der Aufklärung, eine müde, verzweifelte Kapitalismuskritik. Regression als einzige Alternative? Joris-Karl Huysmans (1848-1907) suchte seinen Ekel an der Welt ("zusammengesetzt aus Taugenichtsen und Dummköpfen") mit der Hinwendung zum Katholizismus zu kompensieren, für François, der über den Dichter der Décadence promovierte, eine Lösung, die er versucht, ihm aber nicht taugt. Obwohl der neue Uni-Präsident in einem langen Monolog die scheinbare Absurdität des Atheismus nachweist.
Das Buch ist ein mäßig originelles Denkspiel, mitunter unterhaltsam, denn man kann die existenzielle Verzweiflung der Houellebecq'schen Figuren ähnlich wie die endlosen Schimpftiraden eines Thomas Bernhards sehr komisch finden. Eine Universitäts-, Medien- und Politsatire ist "Unterwerfung" auch. Bedenkenswert bleiben einige wenige Sätze, etwa über die "durch ihren grundsätzlichen Antirassismus gelähmte Linke" oder die Erinnerung an die 1930er Jahre, als niemand den Faschismus so richtig ernst nahm. Ein Skandal findet nicht statt.

Michel Houellebecq: Unterwerfung. Roman. Köln: DuMont 2015. 270 Seiten, 22,99 Euro

Kommentar zum Buch und zur aktuellen Islam-Debatte:

Jetzt erst recht: Geist der Kritik