Vor rund 20 Jahren war die hämische Invektive "Rock-Opa" für Figuren wie Mick Jagger noch ein Gemeinplatz. War doch "Rock" seit den späten 50ern mit Jugend, mit Aufbegehren konnotiert, mit einem rebellischen Zeitgeist, der sich in Tönen materialisierte. Ausgeblendet wurde, dass Jazz- und Bluesmusiker im reifen Alter oft erst zur Höchstform aufliefen. Hat jemand je Dizzy Gillespie oder John Lee Hooker Opas genannt?

Andererseits tummelten und tummeln sich ja allzu viele Musiker von der traurigen Gestalt auf den Bühnen, die mit einem gekauften Bandnamen und zusammengecasteten Gruppen noch einmal eine Handvoll Dollar und Euro abgreifen wollen, eine schale, manchmal erbärmliche Nostalgie-Show. In Würde zu altern: Das ist im Alltagsleben nicht immer leicht und im Showbusiness ganz schwer bis unmöglich.

Machen wir mal die Probe und gehen zurück in die klassische Phase der Popmusik (als sich zwischen "unserem" Rock und kommerziellem Pop noch klar scheiden ließ) so etwa von 1967 bis 1972. Dem verrückten "Live fast, die young" fielen große Talente wie Jimi Hendrix und Jim Morrison und etliche genauso talentierte, jedoch weniger bekannte Musiker zum Opfer. Den Verlockungen des Geldes erlagen viele und biederten sich dem Massengeschmack an. Manche wanderten in andere Kunstformen ab oder gaben die Kunst gleich ganz auf, manche hatten eben nur einige Jahre etwas zu sagen und blieben an ihre Zeit gebundene Phänomene. Ganz wenige 60er-Jahre-Ikonen bleiben übrig. Bob Dylan fällt einem ein mit seiner zerstörten, aber widerborstigen Stimme und einem Alterswerk, das zurück zu den Wurzeln amerikanischer Musik geht, sich auf die Essenz beschränkt und gerade dadurch relevant wird. Eric Clapton? War nie mehr so gut wie zu "Cream"-Zeiten. Carlos Santana? Yuppie-Beschallung. Paul Simon vielleicht. Tom Waits, der aber aus der Liedermacher- und Jazz-Ecke kommt.


Der letzte Held der Hippie-Ära
Bleibt einer. ER. Vielleicht der letzte Held der Hippie-Ära. Neil Young, der in diesem Jahr 68 wird, schaffte es über all die Jahrzehnte, seit er 1966 mit "Buffalo Springfield" debütierte, immer oben zu bleiben. Nicht unbedingt, was die Verkaufszahlen seiner Platten angeht. Gehörte doch Crosby, Stills, Nash & Young, die Country- und Folkrock-Supergruppe, zum Soundtrack der 70er, wie "Sergeant Peppers" der Soundtrack der 60er war. Während sich Stephen Stills die Nase versilberte, Graham Nash und David Crosby einfach nicht das Potenzial hatten zur weltweiten Resonanz, blieb Neil Young auch für nachfolgende Generationen stets Referenz.

Der Grund ist einfach. Denn zwei Seelen wohnen in des Songwriters Brust bzw. zwei grundverschiedene Stile kultiviert der gebürtige Kanadier. Einmal ruhige, akustische Songs, mit seiner unverwechselbar hohen, zitternden Stimme vorgetragen, voller Sentiment, aber so gut wie nie kitschig, dafür ohrwurm- und hitparadentauglich. Dann brachialer Gitarrenlärm, genial dilettantisch auf seiner alten Gibson mit einigen selbst gebauten Effektgeräten erzeugt und mit analogem, für heutige Verhältnisse vorsintflutlichem Equipment vorgetragen. Young ist weiß Gott kein großer Frickler oder Techniker oder Komponist, sondern ein Gitarrenhalswürger, der stets in mittlerem Tempo seine Klampfe dröhnen, heulen, kreischen lässt. Am besten mit seiner Begleitband "Crazy Horse", auch deren Mitglieder sind inzwischen gesetzte, weißhaarige Herren. Die es aber immer noch draufhaben!

Nachzuhören im längsten Neil-Young-Album aller Zeiten, der Doppel-CD "Psychedelic Pill", im vergangenen Herbst erschienen. Da kehrt der gereifte Musiker zu seinen Wurzeln zurück, ähnlich Bob Dylan. Bis auf den letzten Produktionsschritt analog aufgenommen, wie es im Booklet - dessen Schriftgrößen sind allerdings eine Unverschämtheit gerade für die vermutlich mitgereiften Hörer - stolz heißt. Vier ewig lange Stücke sind drauf und einige kürzere. Eine Zumutung für heuige Vermarktungs-Usancen, aber MP3 hasst Young sowieso, wie es in einer Textzeile einmal heißt. "Driftin' Back" dauert fast eine halbe Stunde.


Keine schmalzige Nostalgie
Es ist eine Meditation über vergangene Zeiten, frei assoziiert fast, dennoch keine schmalzige Nostalgie. Die ganze Platte ist ein wehmütiger und auch zorniger Rückblick auf Ideale und Irrtümer der Jugend ohne abzuschwören ("Walk Like A Giant"). Young galt ja immer auch als Exponent einer politisch zumindest nicht indifferenten Rockmusik ("Southern Man", "Ohio") - was fatale Irrtümer wie patriotische Wallungen nicht ausschließt. Musiker sind eben Musiker und keine kühl analysierenden Aktivisten. Wie sonst hätte einer wie Tonio K., der Ende der 70er als der weitaus bessere, zynischere, intellektuellere Springsteen galt, im Sumpf des religiösen Fundamentalismus untergehen können?

Das kann Young nicht passieren. Dafür ist allein schon seine Musik zu widerborstig, die nicht umsonst für Punk und vor allem Grunge interessant schien. Mit "Pearl Jam" trat Young auf, Kurt Cobain war sein Freund. An die - grandiose - Phase von "Rust Never Sleeps" von 1979 knüpft "Psychedelic Pill" an. Wobei: Bewusstseinserweiternden Substanzen hat Neil Young abgeschworen. "Psychedelisch" im Sinne langer, übersteuerter Improvisationen, wie man sie vom West Coast Sound der Endsechziger kennt, ist die Doppel-CD durchaus. Simples harmonisches Gerüst mit Folk- und Country-Anklängen, kongeniale Begleitung von "Crazy Horse". Man höre die Platte(n) laut, Kopfhörer auf, alle Regler nach rechts, und verliere sich im Geheul der E-Gitarren. Eine Zeitreise, weil man sich auf eine Open-Air-Wiese der 70er zurückversetzt wähnt. Und dennoch zeitgemäß. Und ein Jungbrunnen.

Neil Young: Psychedelic Pill. Reprise, 2 CDs ca. 17 Euro, 3 Vinyl-LPs ca. 45 Euro. Young geht im Sommer 2013 auf Tournee mit Konzerten in Berlin, Köln, Hamburg und Stuttgart.