Die beste, wichtigste Frage stellte ein junger Zuhörer unmittelbar vor Schluss der Veranstaltung: Was machen die sozialen Medien mit der Politik? Außer einigen Gemeinplätzen wie der Notwendigkeit zum Kanalisieren von Informationen oder dem überaus konsensfähigen Satz "Demokratie braucht Zeit" wusste auch der alte sozialdemokratische Haudegen nicht viel Neues zum Thema beizutragen.

Das am zweiten Tag der Bamberger Hegelwoche im (sic!) Hegelsaal der Konzerthalle am Mittwochabend "Staatstheater. Wie Politiker sich inszenieren" lautete und sich trefflich ins Generalthema der Woche "Theater-Wirklichkeiten" fügte. Dazu hatte der Philosoph Christian Illies den Politik-Veteranen Franz Müntefering (74) eingeladen, u. a. ehemaliger SPD-Bundesgeschäftsführer, ehemaliger Bundesverkehrs-, und -sozialminister sowie Ex-SPD-Vorsitzender, und zur Ergänzung Nils Minkmar, 47, seit zwei Jahren verantwortlicher Redakteur des FAZ-Feuilletons. Minkmar hat für sein Buch "Der Zirkus" den gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück im Wahlkampf begleitet und daraus seinen Bericht über "ein Jahr im Innersten der Politik" destilliert.
Ein idealer Gesprächspartner und Kontrapart für Müntefering also, zwei Seiten der Medaille - hie die Politik, da die Medien, die in symbiotischer Beziehung miteinander verflochten sind und die beide sehr viel von der Inszenierung der Realität verstehen. Zunächst jedoch durfte der Ex-Minister mit der "Gelassenheit des Beobachtenden" (Illies) aus seiner prall gefüllten Erfahrungs-Schatzkiste berichten. Anhand von Inszenierungs-Beispielen wie dem Godesberger Parteitag seiner Partei 1959, dem Warschauer Kniefall Willy Brandts 1970, dem Wahlkampf 1997/98 oder einer Kampagne für Familie Frau und Kinder untermauerte er seine These, dass politische und kirchliche Rituale einander glichen und dass "alle Mächtigen zu allen Zeiten sich inszeniert haben".

Dem wird sicher niemand widersprechen, der Bilder von den Pharaonen über mittelalterliche Kaiser bis zum Segen urbi et orbi im Kopf hat. Allein, wie haben moderne Medien den Politikbetrieb beschleunigt, verändert? Dazu hätte man sich von dem klugen politischen Feuilletonisten Nils Minkmar viel Erhellendes erwartet. Der Frankreich-Kenner hätte etwa die Inszenierungs-Strategien einer gewieften Demagogin wie Marine Le Pen entlarven können, eingehen auf Politik im technokratischen und postideologischen Zeitalter. Doch Minkmar blieb eher dem Anekdotischen verhaftet. Amüsant waren seine Erzählungen von einem Staatsbesuch George W. Bushs oder medialen Skandalisierungsmühen anlässlich der Knesseth-Rede Martin Schulz', amüsant auch seine Erinnerungen an eine Begegnung mit Peer Steinbrück und Online-Jungredakteuren, die sich statt politischer Inhalte für Trivialitäten interessierten.

Das wäre ein Anknüpfungspunkt gewesen, die Facebook- und Twitter-Manie vieler Politiker zu problematisieren, obwohl Müntefering im Gespräch von der erhöhten Drehgeschwindigkeit im medial vermittelten Politikbetrieb gesprochen hatte und dass Politiker "zu jeder beliebigen Zeit jede Meinung haben" und äußern müssten. Nicht das allerneueste Phänomen. Dass der SPD-affine Minkmar nicht gerade ein Stress-Interview führen würde, war auch klar.

So blieb als Fazit des Abends, dass alles doch gar nicht so schlimm sei. Der Ex-Politiker, konnte, sich erinnernd an einen Auto-Korso 1972, im Umkreis der neuen Medien "keine besonders verrückten Ideen" entdecken und zog sich, um im Bilde zu bleiben, in die Rolle des Elder Statesman zurück, der weise Sätze äußerte wie "Menschen brauchen menschenadäquate Zeit zur Meinungsbildung" oder dass das Gespräch die Grundlage der Demokratie sei.