Einfach so und ohne begleitende Erklärung wurde Luisa Neubauer ihrem Publikum als "Luisa" vorgestellt - und eben nicht als "Frau Neubauer". Auch der Bamberger OB Andreas Starke, mit dem das sogenannte Gesicht der deutschen "Fridays for Future"-Bewegung später über kommunalpolitische Gestaltungsspielräume diskutierte, blieb ganz selbstverständlich bei "Luisa" und "Du".

Mit herkömmlichen Umgangsformen jedenfalls war dieser ungezwungen-lockere Ton kaum vereinbar.

Denn immerhin handelt es sich bei Luisa Neubauer um eine Frau von 23 Jahren, die nicht nur bereits einen Bestseller geschrieben hat, sondern sich darüber hinaus mit politischen Eliten auf Augenhöhe trifft, den Entscheidern global tätiger Unternehmen ihre Selbstwidersprüche vor Augen führt und mit "Fridays for Future" die in Deutschland wohl wirkungsmächtigste soziale Bewegung dieses Jahrtausends aufs Gleis gesetzt hat.

Das "Du" also wäre zumindest erklärungsbedürftig gewesen. Mindestens genauso erklärungsbedürftig im Übrigen wie das "Ihr" oder "Hey Leute", mit denen sich Neubauer ihrerseits an das Publikum wandte. War es aber alles nicht. Keiner nahm Anstoß am kumpelhaften "Du". Neuerbauer nicht und auch das Publikum im Kulturboden nicht. Dort las unter dem Banner des Literaturfestivals Luisa Neubauer am Sonntag aus ihrem Buch "Vom Ende der Klimakrise". Ihre darin entfalteten Thesen sind längst gesellschaftspolitisches Allgemeingut. Sie besagen in aller Kürze, dass die Menschheit vor der größten Katastrophe ihrer Geschichte stehe, es aber noch nicht zu spät zum Handeln sei.

Sich selbst bezeichnet Neubauer in Abgrenzung zum Pessimisten und Optimisten als "Possibilisten": Sie will sich weder über den Klimawandel belügen noch sich von der Angst vor dessen möglichen Folgen lähmen lassen. Stattdessen: loslegen, einfach mal machen.

Dass die klimapolitisch noch nicht Bekehrten von Neubauer leichtfertig mit der AfD identifiziert wurden, zeugt einerseits von einer defizitären Analyse der politischen Konstellationen; noch mehr aber von der tiefen Überzeugung, klimapolitisch die große Mehrheit der Deutschen zu repräsentieren.

"Hey Leute"

Zumindest am Sonntag hatte sie damit auch recht: Luisa Neubauer war die Tochter, deren wacher Geist auch den Eltern schmeichelt. Sie war die toughe Schwester, an deren starker Schulter man sich anlehnen kann. Mit gut gelauntem Pragmatismus rettete sie in Hallstadt eine junge Frau aus deren moralischem Dilemma: Ob man guten klimapolitischen Gewissens Avocados kaufen könne? (Ja, könne man. Es gebe halt kein perfekt nachhaltiges Leben in einer nicht-nachhaltigen Welt.)

Das "Du", mit dem Luisa Neubauer die anderen ansprach und selbst angesprochen wurde, kennt keinen Ausschluss. Mit Ausnahme der AfD, siehe oben.

Sogar den im Nachgang einer kontrovers rezipierten WDR-Satire ("Meine Oma ist ne alte Umweltsau") heraufbeschworenen Konflikt zwischen den Generationen tat Neubauer als Halluzination ab. Die entscheidende Linie verläuft für sie nicht zwischen Jungen und Alten, zwischen denen also, die unter den Folgen des Klimawandels angeblich einmal leiden werden und denen, die nichts oder nur wenig getan hätten, um dies zu verhindern.

Die bedeutendere Bruchlinie verortet Neubauer zwischen den zum Wandel Bereiten hier und Besitzstandswahrern dort. Diese Neuvermessung gesellschaftlicher Konfliktlinien ist für Neubauer und die deutsche Klimabewegung von großer Bedeutung. Denn erst so bleibt "Fridays for Future" anschlussfähig für fast alle. Außer für die AfD, siehe oben. Unmissverständlich deutlich sprach sich Neubauer deshalb in Hallstadt auch gegen Überlegungen aus, das Protestrepertoire von "Fridays for Future" um Formen zivilen Ungehorsams zu ergänzen.

Die Masse machts

Eine - und sei es auch nur rhetorische - Radikalisierung drohte wohl tatsächlich einen Gutteil derer zu verschrecken, die sich mit den Mitteln und Zielen von "Fridays for Future" identifizieren.

Den Protest muss "Fridays for Future" in die Logiken der maßgeblichen Funktionssysteme - Wirtschaft und Politik - übersetzen. Das kann der Bewegung deshalb gelingen, weil hinter ihren Demonstranten immer auch Wähler und Konsumenten stehen. Deren Präferenzen dürfen an ihrem Bestand interessierte Parteien und Unternehmen nicht vernachlässigen.

"Revolutionen fallen nicht vom Himmel. Sie brauchen den Druck der Masse", sagte Neubauer in Hallstadt.

Einfluss kann "Fridays for Future" nur als Massenbewegung nehmen. Luisa Neubauer hat das verstanden. Deshalb duzt sie und lässt sich duzen.