"Lohengrin" ist, wie Richard Wagner noch fünf Wochen vor seinem Tod sagte, der "allertraurigste" seiner Stoffe und endet normalerweise mit einem schmerzlichen Aufschrei. Der im Fortissimo notierte Weh-Ruf des kompletten Chors findet in Augsburg nicht statt. Schon Elsas letzter Gruß "Mein Gatte! Mein Gatte!" kommt kaum hörbar aus dem Off. Denn die Bühne ist zum bitteren Ende bis auf Elsas kleinen Bruder Gottfried und eine Fülle abgelegter Teile aus Schwanenfedern leer.

Ein beeindruckender Schluss, nur leider ist er symptomatisch dafür, dass die Augsburger "Lohengrin"-Neuinszenierung durch das isländische Team unter Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson zwar immer wieder ästhetisch punktet, aber außer schönen Bildern keine stimmigen Einsichten in das Stück liefert. Im Gegenteil: Die überaus aufwändige Ausstattung (Bühne: Jósef Halldórsson, Kostüme: Filippia Elísdóttir) fußt auf einem Regiekonzept, dass nur Behauptungen in den Raum stellt und kaum etwas von der Handlung erklärt.

Im Wechsel von Zeiten und Stilen
Die Grundidee, das Stück in einen höchst wandelbaren Theaterraum zu verlegen, der zunächst im sichtlich heruntergekommenen, durchaus bunten, aber mit Schimmel belegten Dekor des 19. Jahrhunderts, dann - mit einer Prise Rot - überwiegend in puristischem Weiß und abstrakter Klarheit schwelgt, bringt trotz schöner Farb- und Lichtstimmungen nichts Erhellendes über die Figuren. Zumal letztere immer wieder gezwungen sind, regiehandwerklich widersinnig gegen das Theaterbild anzuspielen und zu singen.

Was für ein Zauber soll das sein, wenn Gottfried während der Ouvertüre beim Versteckspiel mit Elsa einfach hinterm roten Vorhang der kleinen Bühne im Hintergrund verschwindet? Ist am Ende nur die eine Feder, die Ortrud aus dem von Lohengrin mitgebrachten Schwanenkleid reißt, schuld an allem Unheil? Schließlich bekräftigt sie den blutigen Rachebund und wird gar zur Tatwaffe, wenn - anders als es im Libretto steht - Elsa im 3. Akt Telramund damit fällt. Derlei regieliche Volten werden dem Publikum nach der Vogel-friss-oder-stirb-Methode vorgesetzt.

Wir sind der Schwan, scheint das Volk zu rufen
Bestenfalls beim Volk wird Entwicklung erkennbar. Warum sich die zunächst vampirhaft-schläfrigen Brabanter am Ende des 1. Akts die prächtigen Perücken vom Kopf reißen, bleibt aber ein Rätsel, weil sie diese im 2. Akt, dann immer noch historisierend, jetzt allerdings überwiegend weiß gewandet wie ihr Retter und neuer Held, trotzdem wieder tragen. Im 3. Akt sind sie dann wie Lohengrin heutig gekleidet, mit unterschiedlichen Schwanenfederapplikationen, laufen aber vor der Brautgemachszene so unmotiviert hin und her, dass alles nur Oberfläche bleibt.

Ein Kostümfest mit einem Mix verschiedener Epochen, ein paar ungewöhnlichen Regieeinfällen und überwiegend gewöhnlicher Opernstatuarik: Es könnte dennoch ein schöner Wagnerabend werden, wenn die Solisten das Zeug dazu hätten. Leider ist dem nicht so. Mit Ausnahme von Dong-Hwan Lee, dem stimmlich herausragenden Heerrufer, kämpften bei der Premiere am Samstag trotz vereinzelter gelungener und schöner Stellen alle weiteren Protagonisten mit der bloßen Bewältigung ihrer Partie - auch Sally du Randt als Elsa und Gerhard Siegel in der Titelrolle, den hiesige Opernfreunde aus seiner Zeit in Nürnberg und als Mime im Bayreuther "Ring" von 2006 bis 2008 noch in positiver Erinnerung haben dürften. Davon ist er inzwischen ziemlich entfernt

Überzeugend sind nur der Dirigent und der Raumklang
Der Mann am Pult hingegen überzeugt: Generalmusikdirektor Dirk Kaftan, der sich mit dieser Produktion aus Augsburg in Richtung Graz verabschiedet, dirigiert die auf fast achtzig Musiker aufgestockten Augsburger Philharmoniker mit Präzision und wunderbar ausmusizierten dynamischen Feinabstufungen. Das Orchester brilliert auf einem Niveau, das die von Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek einstudierten Chöre fast, aber nicht ganz erreichen. Der Raumklang im Großen Haus des Theaters mit 950 Plätzen ist imponierend - und nur in dem Punkt hebt sich der "Lohengrin" in Augsburg positiv von der aktuellen Coburger Produktion ab.

Das nur halb so große Landestheater Coburg ist zwar letztlich zu klein für Wagner, was auch das von Roland Kluttig hörbar inspirierte, deutlich kleinere Orchester nicht ganz wettmachen kann. Dafür ist aber die Inszenierung von Carlos Wagner, die bis Ende der Spielzeit noch viermal auf dem Programm steht, aufregend schlüssig und bewegend, mit Hauptsolisten, die sich sehen und hören lassen können.