Manchmal muss man einfach nur warten können. Etwa auf die siebte und letzte Produktion der Bayreuther Festspiele. Oder auf einen älteren Herrn. Hans Neuenfels ist mittlerweile in einem Alter, in dem er niemandem mehr etwas beweisen muss. Er braucht keine Projekte und Installationen. Er braucht keine persönliche Bewältigung einer vor 25 Jahren zu Ende gegangenen DDR-Vergangenheit.

Er braucht nicht einmal eine Verpackungsfabrik für chinesische Billigventilatoren. Er braucht nur eine Partitur und ein Libretto, mit denen er zeigt, was Opernregie ist, was sie leisten kann, was sie nicht kann, was sie gar nicht erst versuchen sollte. Bezeichnenderweise ist sein "Lohengrin" die vom Publikum in diesem Jahr am meisten gefeierte Produktion ohne einen Buhruf. Das hat vielleicht mit Sachkenntnis zu tun, mit Sicherheit aber mit Dankbarkeit.


Sprödes Werk

Den "Lohengrin" zu inszenieren erfordert durchaus Mut. Richard Wagners erste durchkomponierte Oper ist ein sprödes Werk ohne die Melodien und Motivpracht der späteren Werke. Nur das Befragungsmotiv zieht sich wie ein dünner roter Faden durch die Musik. Und auch die Handlung ist nicht sonderlich aufwändig: viele Massenszenen, die immer undankbar sind, ein Machtgerangel, ein Zickenkrieg und der Blick in ein eheliches Schlafzimmer, in dem die Frau aus ihrem Mann herauszubringen versucht, wen sie da eigentlich gerade geheiratet hat, und nicht begreift, dass sie das wirklich nicht wissen darf.

Hans Neuenfels und sein Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen - von 1987 bis 1992 an der Freien Volksbühne Berlin bereits ein Team - haben den "Lohengrin" aus der Zeit geholt, aber sie haben ihn in der mythologischen Sphäre belassen. Sie vertrauen darauf, dass der Zuhörer weiß, worum es sich bei dem Gral und seiner Sagenwelt handelt. Und sie versuchen nicht, dafür moderne Synonyme zu finden, die es vielleicht nicht gibt. Das Bühnenbild ist nach der aufgetürmten DDR der "Götterdämmerung" und der klinisch-verspielten Exkrementenfabrik des "Tannhäusers" wohltuend nüchtern, im changierenden Spiel zwischen schwarz und weiß auf das Notwendige reduziert, dafür aber auch raffiniert einfach umbaubar. Es definiert und beschreibt ganz klar die Spielräume, aber dann tritt es zurück hinter die Handlung und die Musik.

Schon die kafkaeske Bebilderung der Ouvertüre zeigt dieses Konzept: Vor einer weißen Wand weit vorne an der Rampe steht Lohengrin und versucht, durch eine Türe nach draußen zu kommen, die Gralswelt zu verlassen. Aber er schafft es nicht. Mit seinem Drücken schiebt er nur die Wand langsam nach hinten. Er vergrößert den Raum, aber er kommt nicht hinaus. Als die Türe schließlich doch von alleine aufspringt, ist er vollkommen überrascht. Aber das Spiel hat durch diese Art von Auftrag an ihn einen Anfang.

Was sofort auffällt: Hans Neuenfels ist ein Meister der Massenszenen, der sinnvollen, zielgerichteten Choreographien. Bei ihm stehen die Brabanter nicht herum wie die Fähnchen schwenkenden Jubelperser, sondern ihre Aktionen sind Handlung, zeigen, dass sie sich einmischen wollen, das sie notwendig sind für den Fortgang. Allerdings ist Neuenfels ein genialer Coup gelungen. Es sind nicht Menschen, sondern Ratten, die da immer wieder aufmarschieren (ein Extrakompliment an den Chor!). Das wirkt zunächst wie eine Castorf-Idee. Aber sie macht absolut Sinn: Ratten leben in Sozialverbänden, treten massenhaft auf, sind verfressen, höchst gefährlich, aber auch intelligent. Mit Menschen könnten diese Auftritte, vor allem, wenn man sich an Wagners Regieanweisungen orientiert, schnell peinlich oder pathetisch werden. Bei Ratten ist vor allem der Aspekt der Gefahr, der Unberechenbarkeit wesentlich deutlicher. Auch wenn sie jubeln. Andererseits gestatten sie aber auch Momente des Lachens oder Schmunzelns.

Aber auch in seiner Personenregie ist Neuenfels ein präziser und deutlicher Diener der Musik. Bei ihm ist König Heinrich ein schwacher, hinfälliger Herrscher, der nicht mehr in der Lage ist, die Machtkämpfe und Intrigen um ihn herum zu beenden oder wenigstens zu kontrollieren. Dieses offene Schlachtfeld nutzen Telramund und Ortrut zur Gänze und bis zur bitteren Neige aus. Immer wieder setzen sie an mit ihren Versuchen, Lohengrin zu entzaubern. Es ist ein großartiger Moment, als die beiden zu Beginn des II. Aufzugs vor ihrer zusammengebrochenen, von den Ratten ausgeplünderten Kutsche sitzen - vor ihnen das tote Pferd (eine kleine Reverenz an Nietzsche) - und versuchen, den Glauben an ihren erfolgreichen Einsatz gegen Lohengrin nicht zu verlieren. Es sind große Momente der Oper, wenn Ortrut Elsa in einem vermeintlich vertraulichen Gespräch dazu bringen will, Lohengrin nach seiner Herkunft zu fragen, wie sie angesichts der Erfolglosigkeit dann vor dem Münster ihr gegenüber handgreiflich wird. Und man hört sehr genau das kongeniale Wechselspiel zwischen Handlung und Musik.


Ein Ritter muss sich orientieren

Das gilt auch für die Figur des Lohengrin. Gerade durch die eigentlich verschlossene Türe in die Realität gefallen, tritt er auf wie ein Ritter, der sich selbst orientieren muss. Aber er gewinnt Kontur und Handlungshoheit, bis er sie am bitteren Ende wieder verliert. Der Kampf im Schlafgemach, in dem Elsa immer wütender versucht, Lohengrin seinen Namen abzuringen, und dessen immer verzweifeltere Gegenwehr sind der absolute emotionale Höhepunkt in dieser Oper. Da wird das Gralslied zum Abgesang. Und als Lohengrin den Brabantern als künftigen Herrscher den fötalen, von Nabelschnur umwickelten Homunculus Gottfried in einem aufgebrochenen Schwanenei präsentiert, sind die Resignation und Frustration an ihrem Ziel angekommen.

Natürlich wird Klaus-Florian Vogt als Lohengrin am meisten gefeiert. Das Gralslied singt niemand so differenziert wie er. Obwohl er in den ersten Aufzügen ein bisschen Timbrierungsprobleme hatte. Freilich ist der II. Aufzug mit seiner ständigen Mittellage auch äußerst schwierig zu singen. Auch die anderen hielten den hohen dramatischen Anforderungen von Wagner und Neuenfels bestens Stand und gestalteten souverän: Thomas J. Mayer und Petra Lang als Telramund und Ortrud, Edith Haller als Elsa, Wilhelm Schwinghammer als König Heinrich und Samuel Youn als Heerrufer. Und natürlich viele Extrabravos für den Chor. Man hört schließlich nicht jeden Tag so fabelhaft singende Ratten. Andris Nelsons am Pult ist nicht nur ein Dirigent der zupackenden Farbigkeit. Er hat sich auch bestens mit Hans Neuenfels verständigt und abgestimmt. Ein Gesamtkunstwerk, wie Wagner es gemeint hat.