Die Dinge müssen nicht so sein, wie sie sind: Einfach so hingeschrieben, klingt der Satz beinahe trivial. Aber in den Köpfen der Menschen wird er in besonderen Momenten zum Sturm, der selbst diktatorische Regimes hinwegfegt. In den zurückliegenden 15 Monaten wurde die Welt Zeuge einiger solcher Momente in Ägypten, Tunesien oder Libyen. Zeitgleich gingen in westlichen Metropolen die Menschen auf die Straße, um unter dem Banner der Occupy-Bewegung gegen die Macht des internationalen Finanzkapitalismus zu demonstrieren.
Wo immer Menschen glauben, dass die Dinge nicht so sein müssen, wie sie sind, wird Wolfgang Kraushaar hellhörig. Der 64-Jährige forscht und publiziert seit Jahrzehnten über gesellschaftliche Protestbewegungen und zählt zu den profiliertesten Intellektuellen der Bundesrepublik. In seinem aktuellen Buch "Der Aufruhr der Ausgebildeten" (Hamburger Edition, 253 Seiten, zwölf Euro) untersucht Kraushaar die jüngsten Aufstände gegen die Wirklichkeit und stellt verblüffende Gemeinsamkeiten fest.

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Protestbewegungen in aller Welt. Beschleicht Sie manchmal das Gefühl, alles schon einmal erlebt, dieselben Argumente schon einmal gehört zu haben?
Manchmal schon. Doch jede Bewegung ist letztlich nur aus ihrer konkreten Situation heraus zu verstehen. Deshalb führen historische Vergleich zumeist nicht sonderlich weit. Gerade in Deutschland ist es ja Mode, gesellschaftlichen Protest immer wieder an den 68ern zu messen. Im besten Fall werden sie dann als Wiedergänger abgetan, im anderen Fall sind sie nicht radikal genug und können den 68ern nicht das Wasser reichen. Ich halte von dieser Herangehensweise nicht allzu viel.

Aber bestimmte Argumente ziehen sich doch wie ein roter Faden durch die Protestgeschichte der vergangenen 50 Jahre.
Ja, natürlich. Vor allem die Kritik am Finanzkapitalismus und seinen sozialen Folgeproblemen hat eine lange Geschichte. Die 68er-Bewegung hatte ja drei große Ziele verfolgt: das Wiederaufkommen des Faschismus zu verhindern, den Kapitalismus durch den Sozialismus zu ersetzen und den Imperialismus zusammen mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt zu bekämpfen. Auch wenn die Sozialismus-Modelle als gescheitert angesehen werden müssen, so hat die Kritik am Kapitalismus unter den Vorzeichen von Privatisierung und Globalisierung jedoch eher noch zugenommen. Das Ziel, für eine sozial gerechtere Welt einzutreten, ist jedenfalls aktueller als je zuvor.

Was ist dann das Besondere zum Beispiel an der Occupy-Bewegung?
Die Occupy-Bewegung kann zunächst einmal als eine neue kapitalismuskritische Bewegung verstanden werden. Sie ist jedoch auch ein Kind des elektronischen Zeitalters und wird von sozialen Medien wie Twitter und Facebook außerordentlich begünstigt. Das erleichtert es Occupy ungemein, Anhänger zu mobilisieren. Sie müssen keine Flugblätter mehr schreiben oder sich konspirativ verabreden. Noch entscheidender ist aber etwas anderes. Es ist ihr ohne große Mühe gelungen, auf diese Weise eine weltumspannende Protestbewegung zu initiieren. Und der Impuls ging überraschenderweise nicht vom Westen aus, sondern von der arabischen Welt.

Sie sprechen von den Volkserhebungen in Tunesien und vor allem Ägypten.
Ja, man muß sich das einmal vorstellen! Das Mubarak-Regime klammert sich mit allen Mitteln an seine Macht, auf dem Tahrirplatz in Kairo werden im Lauf weniger Wochen über 800 Demonstranten umgebracht. Und was machen die Menschen dort? Sie machen einfach weiter. Wie die jungen Menschen in Ägypten täglich ihr Leben riskiert haben im Kampf für Demokratisierung und einen grundsätzlichen Wandel in ihrem Land, das hat die Initiatoren von Occupy auf der anderen Seite des Atlantiks sehr beeindruckt. Sie haben diesen Impuls aus der arabischen Welt schließlich aufgenommen und auf die westlichen Verhältnisse zu übertragen versucht.

Gibt es etwas, das die Protestierenden in Kairo, Frankfurt, Madrid und New York miteinander verbindet?
Diejenigen, die an all diesen Orten den Protest auf die Straße getragen haben, sind in ihrer Mehrzahl jung, sie sind qualifiziert, sie sind erfahren im Umgang mit dem Internet, aber sie finden keine Jobs und sehen für sich keine weiteren Perspektiven. Deshalb spreche ich auch von einem Aufruhr der Ausgebildeten. Das bedeutet aber nicht, dass sie auch immer in der Mehrheit geblieben sein müßten. In Ägypten etwa ist der Aufruhr der Ausgebildeten in rascher Zeit zu einer viele soziale Schichten übergreifenden Volksbewegung geworden.

Die gut ausgebildeten jungen Menschen in Griechenland, Spanien oder Portugal stimmen dagegen eher mit den Füssen ab. Sie verlassen ihre Heimatländer.
Ja, inzwischen ist das so. Sie haben offenbar den Glauben daran verloren, dass sie in ihrem Heimatland noch etwas aus ihrem Leben machen könnten. Der Staat steht faktisch als Lügner da, der seine einmal gemachten Versprechen nicht einhalten kann. Die Lebensentwürfe einer ganzen Generation sind prekär geworden. Sie finden keine Jobs, können keine eigenen Familien gründen und müssen häufig sogar wieder bei ihren Eltern einziehen.

Droht dort eine soziale Kernschmelze?
In Griechenland stellt das eine reale Gefahr dar, in Spanien ebenso. Aber der Wegzug gut ausgebildeter junger Bürger kann längerfristig fatale Folgen für ihre Heimatländer haben. Denn wenn diese jungen Menschen dauerhaft keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden, sind nicht nur die Investitionen in ihre Ausbildung in den Sand gesetzt. Der Gesellschaft gelingt es dann auch nicht mehr, neue Mittelschichten hervorzubringen, die eine Gesellschaft tragen und im Kern ihren Wohlstand ausmachen. Die Situation erinnert mich übrigens stark an den Bau der Berliner Mauer.

Inwiefern?
Die DDR war ja in den späten 1950er Jahren mit einer vergleichbaren Entwicklung konfrontiert. Junge, gut ausgebildete Leute wie Ärzte, Anwälte u.a. sahen für sich keine angemessene Perspektive mehr. Sie setzten sich zu Zehntausenden in den verheißungsvolleren Westen ab. Das SED-Regime hat diese Entwicklung schließlich gestoppt, um nicht schon aus wirtschaftlichen Gründen zu kollabieren. Sie hat darauf reagiert, indem sie die Berliner Mauer bauen ließ. Damit konnte der Verlust an qualifizierten jungen Leuten eingedämmt werden.

Eint die Protestierenden derzeit nicht noch etwas: Die bittere Erfahrung, dass die bestehenden Verhältnisse doch zählebiger sind als erhofft?
Für dieses Urteil ist es vielleicht noch zu früh. Aber es stimmt, dass sowohl der arabische Frühling als auch die Occupy- Bewegung vor einer ungewissen Zukunft stehen. Die Ägypter haben zwar Mubarak vertrieben, aber was an Stelle seines Regimes bislang gekommen ist, entsprach sicherlich nicht den Wünschen der Protestierenden. Der Demokratisierungsprozess in Ägypten ist sehr labil. Und was die Occupy-Bewegung anbetrifft: Die Mehrzahl der Zeltstädte sind aufgelöst, der Schwung ist erst einmal vorbei. Man hat ganz den Eindruck, als sei ihr die Puste ausgegangen.

Ist Occupy auch an der inhaltlichen Unschärfe gescheitert? Konkrete Forderungen gab es nur sehr wenige.
Ja, ich habe das von Anfang an für den entscheidenden Fehler gehalten. Es hat sich ein generelles Unbehagen am Finanzkapitalismus artikuliert. Aber die Bewegung hat es verpasst, daraus konkrete Forderungen zu ziehen, sie in den öffentlichen Raum zu tragen und dafür auch klare Adressaten zu finden. Das hätte die Bundesregierung sein können oder auch das EU-Parlament. Diese inhaltliche Unbestimmtheit hat mit dazu beigetragen, dass die anfängliche Energie inzwischen verpufft ist.

Sie wollten eben nicht das Spiel der Politiker und Parteien spielen.
Ja, aber das ist kein gutes Argument. Denn jede Bewegung muss sich letztlich daran messen lassen, was sie von ihren Zielen erreicht. Und dazu gehört, dass man Forderungen ins politische System hineinträgt und den Parteien die Gelegenheit gibt, Forderungen aufzunehmen und sie umzusetzen.

Sie sind Verfechter des repräsentativen Parlamentarismus?
Nicht nur. Der Impuls muss oft von der Straße ausgehen, weil der Parteienstaat viel zu unbeweglich und innovationsfeindlich ist. Aber irgendwann müssen die Anstöße auch im politischen System ankommen. Sehen Sie sich beispielsweise die Anti-AKW-Bewegung an. Nach der Katastrophe von Fukushima war es ausgerechnet eine schwarz-gelbe Bundesregierung, die den endgültigen Ausstieg aus der Atom-Energie beschlossen hat. Das wird nicht jedem gefallen, der sich in den 70ern und 80ern auf Demos von Wasserwerfen traktieren lassen musste. Aber sie können sich diesen Erfolg dennoch auch mit einem gewissen Stolz auch an die eigene Brust heften.

Ist die Anti-AKW-Bewegung demnach die erfolgreichste soziale Bewegung in der Geschichte der Bundesrepublik?
Es gibt gute Gründe für diese Annahme. Diese Bewegung existiert nun schon seit fast 40 Jahren und dass sie immer noch über große Mobilisierungsenergien verfügt, zeigt sich alljährlich bei den Protesten gegen die Castor-Transporte. Sie haben letztlich erreicht, wofür sie hauptsächlich gekämpft haben: den Ausstieg aus der Atomkraft.

Und was ist mit den berühmten 68ern?
Na ja, politisch sind mit all ihren Forderungen gescheitert. Andererseits aber hatten sie einen großen Einfluss auf die Kultur und auch auf die Erziehung. Deutschland ist ohne jeden Zweifel liberaler und freiheitlicher geworden.

Was ist eigentlich von diesem seltsamen Wutbürger zu halten?
Ich mag diesen Begriff überhaupt nicht. Damit werden Protestierende auf ihre Wutgefühle reduziert. Was an ihrem Anliegen vernünftig ist, wird damit von vornherein in Abrede gestellt. Diese Bezeichnung wird weder den Gegnern von "Stuttgart 21" noch denen von anderen fragwürdigen Großprojekten gerecht, die sich von Technokraten über den Tisch gezogen fühlen.

Trotzdem: Was macht den Wutbürger zum Wutbürger?
Er steht am vorläufigen Ende einer Entwicklung, die bereits in den 70er Jahren angefangen hat. Damals hatten sich im ganzen Land Bürgerinitiativen gegründet, die die vor ihrer Haustür existierenden Probleme in die eigene Hand genommen haben. Der gesellschaftliche Protest ist seitdem nicht mehr auf die akademischen Milieus begrenzt, sondern in vielen anderen sozialen Schichten zuhause. Das ist eine Entwicklung, die deshalb zu begrüßen ist, weil sie die parlamentarische Demokratie durch die Eigeninitiative vieler Bürgerinnen und Bürger ergänzt.