Eine auffällige Erscheinung ist die zierliche Dame mit den leuchtend roten Locken auf jeden Fall. Zurzeit flaniert sie des Öfteren durch die Domstadt, "immer auf den gleichen Pfaden". Die Dramatikerin Kerstin Specht ist noch bis März Stipendiatin des Künstlerhauses Villa Concordia. Im Vergleich zu ihren Kolleginnen und Kollegen in der Villa ist sie heimatnah untergekommen - wenn man ihren Geburtsort Kronach und Stockheim im Frankenwald, wo sie aufgewachsen ist, denn als Heimat definieren will.

Dieser problematische Begriff im Schnittpunkt diverser Lesarten ist auch ein Schlüssel zum frühen Werk der 1956 geborenen Autorin, mit dem sie ab ca. 1990 in die bundesdeutsche Theaterlandschaft geradezu hineinknallte. Was ist Heimat? Der Ort, an dem man sich aufhängt (Franz Dobler)? Der Schauplatz verlogenster Pseudoidyllen ("Heimatfilm")? Reservat retardierter Menschen wie in den 70er-Jahre-Dramen des Franz Xaver Kroetz? Oder in Zeiten des "flexiblen Menschen" (Sennett) so etwas wie ein sozialer Schutzraum?

Klar ist: Mit ihrer Oberfranken-Trilogie "Das glühend Männla", "Lila" und "Amiwiesen" steht sie eindeutig in der Tradition des kritischen Volkstheaters eines Ödön von Horváth, einer Marieluise Fleißer, eines Martin Sperr und Kroetz. Als großen Einfluss nennt sie auch die Film-Melodramen Rainer Werner Fassbinders.

Kontrastprogramm Großstadt: In München studierte sie Germanistik und evangelische Theologie fürs Lehramt; nach der Magisterarbeit - über Oskar Kokoschka - wurde jedoch klar, dass ihre pädagogischen Ambitionen limitiert waren. Ein Zweitstudium an der Hochschule für Fernsehen und Film folgt, drei Kurzfilme, kein Abschluss. Die Theaterkarriere begann eher zufällig und schüchtern: "Das glühend Männla" wurde, als später Klassiker des kritischen Volkstheaters, ein großer Erfolg, weltweit aufgeführt, die Autorin gleich mit Preisen gefördert. Zusammen mit "Lila" und "Amiwiesen" enthält die Trilogie alle Ingredienzen des Genres: vor allem auch sprachlich reduzierte Menschen, im Gespinst der Konventionen aus Religion, sozialen Zwängen und Kontrolle gefangen, die Frauen noch ein gehöriges Stück unterdrückter, inzestuöse Verstrickungen. Die Abgeschiedenheit des damaligen Zonenrandgebiets spielt ebenfalls keine kleine Rolle. Dies alles in einer auf fränkischem Dialekt basierenden Kunstsprache aufgeschrieben, "verdichtet" beschreibt Specht sie, als "lyrisch, geformt wie eine Skulptur". Deprimierend, diese Figuren in ihrem restringierten Code, in ihren Familien-Banden, aus denen es kein Entkommen gibt. Die Kleinbürger-Figuren Horváths amüsieren wenigstens in all ihrer Erbärmlichkeit, Werner Schwabs "Präsidentinnen", ungefähr zur selben Zeit entstanden, verbreiten grausige, absurde Komik. Die fehlt in den frühen Dramen Spechts völlig, so wie sie auch nicht mit Fitzgerald Kuszs Mundart-Komödien zu vergleichen sind.

Großer internationaler Erfolg

In den USA, Großbritannien und anderswo wurde insbesondere das "Männla" gerne gespielt; die Autorin hätte auf dieser zur Masche geronnenen Erfolgswelle weiterschwimmen können, "als freie Autorin lebt es sich ökonomisch phasenweis ganz gut". Doch das wollte sie nicht: "Ich mag keine ästhetische Selbsteinzäunung." In der Auftragsarbeit "Der Flieger" schildert sie die Geschichte des Schneiders von Ulm, in "Carceri" die des französischen KP-Theoretikers Louis Althusser, der 1980 seine Frau umbrachte, "ein letzter tragischer Charakter", so Specht, die auch in Paris lebte.

22 Dramen hat sie bis heute geschrieben, alle in der charakteristischen stakkatohaften Sprache verfasst, mit ganz unterschiedlichen Themen. Kinderstücke sind darunter wie eine Bearbeitung des Hauff'schen "Kalten Herzens", in den "Königinnendramen" wird der soziale Realismus gemildert, endlich, durch anarchischen Humor, "Marieluise" wiederum war eine Auftragsarbeit, ein Porträt der unglücklichen Ingolstädter Dramatikerin Marieluise Fleißer. Mit der Umsetzung auf der Bühne, dem Regietheater, ist sie nicht immer zufrieden, "ich möchte meine eigenen Stücke wiedererkennen".

Also in ihren Themen außerordentlich vielfältig ist Kerstin Specht, die auch keine Schaffens-Orthodoxie pflegt. Kein Plot, kein Gerüst, einfach hinsetzen und schreiben, sagt sie. Wenn sich so etwas wie ein roter Faden durch ihr Werk zieht, dann ist es ein Anspruch, den man schon als einen politischen umschreiben könnte - obwohl sie Bertolt Brecht nicht mag, seiner persönlichen Schwächen wegen. Der Genius loci der Villa Aurora in Los Angeles, wo Brecht sich oft als Gast der Feuchtwangers aufhielt, konfrontierte sie während eines Stipendiums dort mit dem Dramatiker. Politisches Theater? Aufklärung? Da ist sie skeptisch. Jedoch "den Finger in die Wunde legen, am Theater etwas lernen, sich klar werden über etwas" - das sind Leitlinien Specht'schen Schaffens. Auch im "Prometheus Brain Project" mit Heavy Metal, auch im surrealistischen Flüchtlingsdrama "Zeit der Schildkröten" oder in "Odysseus", im Winter 2013 in Nürnberg uraufgeführt.

Die Villa schätzt sie, wegen privater Verpflichtungen auch den kurzen Weg in die Heimat. Vielleicht trifft für sie ein Aphorismus Karlheinz Deschners zu, der von sich einmal gesagt hat, er sei apatriotischer Kosmopolit, doch leidenschaftlicher Franke.