Zum Vorspiel fällt der Blick als erstes auf eine große Videoleinwand. Ein tiefer Messerschnitt, und schon fließt Blut. Blut ist bekanntlich ein dicker Saft, aber so stockend, wie es hier fließt, macht man sich eher Gedanken über die technische Realisierung als über die mystische Wunde, um die es hier geht. Schließlich ist Karfreitag, und das passt für eine Premiere von Richard Wagners "Parsifal", dessen 3. Akt an einem Karfreitag spielt.

Für die jüngste Interpretation des so genannten Bühnenweihfestspiels hat am Staatstheater Kassel Helen Malkowsky gesorgt. Die jetzige Operndirektorin aus Bielefeld ist hiesigen Opernfreunden ein Begriff, hat sie doch zuvor in Würzburg und vor allem in Nürnberg erstklassige Opernabende inszeniert, darunter "Rosenkavalier" und ein "Holländer", der noch im Spielplan steht. Die letztgenannten Produktionen und den "Parsifal" erarbeitete sie mit Harald Thor (Bühne), der momentan unter anderem mit dem Münchner "Ring" beschäftigt ist, und mit der aus Bamberg stammenden Tanja Hofmann (Kostüme), die auch das aktuelle "Woyzeck"-Musical am E.T.A.-Hoffmann-Theater ausgestattet hat.


Schreckliches Kundry-Geschrei


Ein bisher erfolgreiches Team, da kann, möchte man denken, eigentlich nicht viel schief gehen. Von wegen! Dass dieser "Parsifal" so gründlich missglückt ist, liegt nicht nur an der hochmögend-abgestürzten Inszenierung. Sondern an der ebenso missglückten musikalischen Umsetzung. Da Ursula Füri-Bernhard als Kundry bei der Premiere am Freitag nicht als indisponiert angesagt wurde, muss man annehmen, dass Generalmusikdirektor Patrick Ringborg das, was sie von sich gab, für veritablen Operngesang hält. Ein schrecklicher Irrtum.

Ja, Wagners Kundry ist eine derart zerrissene, exaltierte Figur, dass sie manche Noten notfalls durchaus herausschreien kann. Aber eben nur manche. Wenn der nicht unerhebliche Rest ständig unsauber intoniert wird, wenn die kaum gehaltenen Töne fast immer in Sprechgesang aus- und abbrechen, steckt dahinter mitnichten musikdramatischer Ausdruck, sondern fehlende Technik. "Was kann der Affekt hervorbringen", schrieb schon Richard Wagner, "wenn er die organischen Möglichkeiten überschreitet?"

Leider war die weibliche Hauptfigur sängerisch nicht der einzige Fehlgriff. Auch Marc-Olivier Oetterlis Klingsor klang durchgängig nach unschönem Gebell, und selbst der im 1. Akt noch einnehmende Gurnemanz von Mario Klein frönte im 3. Akt zunehmend jener Untugend im Wagner-Gesang, die George Bernard Shaw treffend als "Bayreuth bark" bezeichnet hat.


Nur einer überzeugt sängerisch


Immerhin: Espen Fegrans Amfortas hielt achtbar durch, und vor allem Christian Elsners Parsifal artikulierte und phrasierte gut genug, um sicher sein zu können, dass nicht etwa ein zu lautes Orchester die von Wagner gewünschte Mischung aus italienischem Gesangswohllaut und dramatisch sinnrichtigem Vortrag unmöglich machte. Allerdings war der Tenor darstellerisch nur wenig glaubhaft.

Normalerweise verbietet sich die Klage über korpulente Solisten. Sie sei hier auch nur deshalb angestimmt, weil Regisseurin und Kostümbildnerin nicht souverän und flexibel genug waren, ihre konzeptuellen Überlegungen auf die Gegebenheiten abzustimmen. Muss ein Parsifal Wollmütze, Matrosenkragen und kurze Hosen tragen, wenn ihn das der Lächerlichkeit preisgibt? Braucht er unbedingt Stiefel, die ihn so einschnüren, dass man gebannt immer wieder auf seine schwer gestauten Waden schaut?


Friss-oder-stirb-Methode



Strafverschärfend kommt hinzu, dass gerade seine Auftritte und Abgänge handwerklich unterirdisch inszeniert sind. Im zwar wandelbaren, aber trotz aller blutigen Aktionen à la Hermann Nitsch merkwürdig blass bleibenden Einheitsraum mit der immer wieder nur aufdringlich belehrenden Videowand und Zwischenschleiern kommt und geht Parsifal nach keiner Logik, die dem Zuschauer etwas erschließt.

Im Gegenteil: Die Friss-oder-stirb-Methode durchzieht die gesamte Inszenierung. Themen wie Frauenfeindlichkeit, unterdrückte Sexualität, Schuld und Sühne werden nur hingeworfen und selten aus- und zu Ende geführt. Die in ihrem Herrschaftsgebaren gezeigte elitäre Männergesellschaft soll wohl gleichzeitig Wagner selbst und seine Theorie der Kunstreligion geißeln, verfehlt aber mit ihren Eingriffen, der hier aufgepfropften Verbrennung Kundrys und der nahtlosen Machtübernahme Parsifals, den Kern des Werks - und seinen durch Mitleid wissenden reinen Toren.

Die Inszenierung behauptet nur, begründet wenig und stellt manch unnötige Frage in den Raum. Immerhin schaffte es der Dirigent mit entsprechenden Gesten, das von Richard Wagner durchaus nicht gewollte und unsinnige "Applausverbot" nach dem 1. Akt durchzusetzen. War das vielleicht ein feministisches Aperçu, um zu beweisen, dass auch die Pultmagier letztlich Diktatoren sind? Ach, Mädels, möchte man der Regisseurin und ihrer Dramaturgin zurufen: "Das Böse bannt, wer's mit Gutem vergilt."


Termine und Karten



Weitere Vorstellungen am 22. und 29. April, 6. und 12. Mail jeweils um 16 Uhr. Karten unter Telefon 0561/1094-222. Mehr Informationen auf der Homepage des Staatstheaters.