Wer wissen will, was ein waschechtes Bühnentier ist, der darf die nächste Vorstellung der Verdi-Oper "Don Carlos" am Staatstheater Nürnberg nicht versäumen. Denn nur noch heute tritt als Prinzessin Eboli die Mezzosopranistin Raehann Bryce-Davis auf, die als Gast für zwei Aufführungen die Partie übernommen hat - und einfach umwerfend, ja ein sängerdarstellerisches Naturereignis ist.

Wahrscheinlich ist auch Ensemblemitglied Martina Dike, die sonst die Eboli singt, von diesem Kaliber. Was aber nur heißen kann, dass bei der besuchten zweiten Vorstellung leider alle anderen Solisten deutlich weniger überzeugend rüberkamen. Und das wiederum ist größtenteils der originell sein wollenden Neuinszenierung von Hausherrn Jens-Daniel Herzog anzulasten.

Natürlich ehrt es den Regisseur, dass er Ideen aus seinen vorherigen Inszenierungen dieser Oper in Mannheim und Dortmund nur sparsam recyclet hat. Sondern versuchen wollte, szenische Funken aus der gekürzten, aber fünfaktigen Fassung zu schlagen, die sich wesentlich auf Verdis 1882 initiierte Neufassung von "Don Carlos" in französischer Sprache bezieht.

Diese fünfaktige Version - schon Verdi selbst soll insgesamt sieben Fassungen erarbeitet haben - enthält das Fontainebleau-Bild zu Beginn, um das Verdi die Vorlage von Friedrich Schiller erweitert hat und das die Liebesgeschichte zwischen dem Titelhelden und Elisabeth von Valois plausibler macht. Aber leider hat Herzog auch die von Verdi nicht übernommene Infantin eingebracht.

Warum muss unbedingt eine Statistin im Grundschulalter illustrieren, wie Macht Menschen korrumpiert? Lassen sich die damit verbundenen Gräuel noch besser verkaufen, wenn sie nicht nur vor den Augen eines Kindes passieren, sondern schließlich sogar von ihm ausgehen? Dass der Regisseur seine Tochter Ottilie auf die Bühne schickt (neben der schon in "Madama Butterfly" eingesetzten Jana Beck), macht die Sache nicht weniger fragwürdig. Allzu klischeehaft, plump und teils auch widersinnig präsentiert Herzog die Figuren der Handlung - und beraubt sie schon dadurch aller Glaubwürdigkeit.

Grausamer Potentat

Der Titelheld auf seinem grünem Sessel ist und bleibt ein Couch-Potato (auch stimmlich überfordert: Tadeusz Szlenkier), König Philipp II. (Nicolai Karnolsky) ist ein eingleisig grausamer Potentat, der gerne selber mordet und keine emotionale Fallhöhe mehr hat.

Der Großinquisitor (Taras Konoshchenko) kommt als Mafioso rüber und Freiheitskämpfer Marquis von Posa (der einzige Solist, der unangestrengt und gut französisch singt: Sangmin Lee) hat als Attribut seinen Bombenkoffer.

Den beiden Frauen - Elisabeth (Emily Newton) und Eboli - geht es nur insofern besser, als sie immerhin glaubhaft Gefühle haben dürfen. Aber in erster Linie sollen sie, ob freiwillig oder nicht, die Beine breit machen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Am spanischen Hof um das Jahr 1600 ist es schon dank der Inquisition furchtbar zugegangen. Aber das rechtfertigt nicht eine Regie, die den Kern des Dramas negiert und nur dem Regietheater-Zeitgeist hinterherläuft.

Was sich unter anderem in den Kostümen von Sibylle Gädeke spiegelt. Papiermasken am Stecken, Karnevalskostüme, Konfettiregen und Luftballons fürs Volk sind sattsam bekannt.

Eine Bankrotterklärung

Wenn der Inszenator neben unmotivierter Gewaltdarstellung als probates Mittel nur noch den Kostümwechsel der Hauptfiguren kennt, ist das eine Bankrotterklärung und stellt bestenfalls die szenische Gedankenfreiheit infrage.

Womöglich birgt diese Umsetzung sogar musikalisches Unheil. Denn ähnlich wie schon bei der Spielzeitpremiere vor einem Jahr könnte das schnell wandelbare Bühnenbild von Mathis Neidhardt - Holzvertäfelungen wechseln ab mit fast klinisch weißen Wänden, die zum Teil sehr weit vorne stehen - akustisch immer wieder Probleme verursachen. Angesichts des zuweilen knallig lauten Orchesterklangs, der selbst hochsolide Sänger in Verlegenheit bringt, fragt sich, ob es im Nürnberger Opernhaus nicht einen Zusammenhang gibt zwischen bestimmten Bühnenbildpositionen und der Klage über zu viel Lautstärke aus dem Graben.

Schon Marcus Bosch, der Vorgänger der jetzigen Generalmusikdirektorin, hatte immer wieder damit zu kämpfen.

Es gibt also viel zu tun für Joana Mallwitz, die zwar auch in dieser Produktion ihre eigene und unverwechselbare Handschrift zeigt, aber es hörbar nicht schafft, den Sängern durchgängig die Entfaltungsmöglichkeiten zu geben, die sie für einen guten Verdi-Abend brauchen.