Nie hätte ich gedacht, dass man die ergreifende Wirkung noch potenzieren kann, die die stumm fragenden und trauernden Menschen in Alltagskleidung zu Siegfrieds Trauermusik in Patrice Chéreaus "Jahrhundert-Ring" von 1976 bis 1980 in Bayreuth auslösten. In Frankfurt schafft das einer ganz allein: Johannes Martin Kränzle, der als Gunther zwar zu spät merkt, was er mit angerichtet hat, aber - anders als heutige Realpolitiker - seine Fehler einsieht und sichtlich schwer daran trägt.

Da ist also endlich einer, der nicht nur das zugibt, was ohnehin jeder längst weiß. Sondern erkennen lässt, dass er schuldig geworden ist. Gunther, der jämmerlich dekadente Herrscher im Reich der Gibichungen, hat fassungslos dem langen Sterben seines hinterrücks gemordeten Schwagers Siegfried zugesehen und hört fassungslos auch über sich selbst, was Richard Wagner im Orchestergraben dazu zu sagen hat. Was sich im Gesicht und dem zusammengesunkenen Körper dieses phänomenalen Sängerdarstellers abspielt, ist ein Musterbeispiel für die kathartische Wirkung von Musiktheater.

Ein Appell direkt ans Publikum

Später, am Ende der "Götterdämmerung", wenn Regisseurin Vera Nemirova auf der leeren und jetzt geschlossenen Weltscheibenbühne von Jens Kilian nochmals alle Figuren der Tetralogie versammelt, wenn Brünnhilde den verfluchten Ring ins Publikum geworfen hat, während aus den Proszeniumslogen die greisen Götter und der nicht alt gewordene Alberich lugen, geht der Appell im grellen Schlaglicht konkret ans Publikum: Denkt nach über das, was ihr gesehen und gehört habt. Es ist zwar alles nur Theater, aber es spiegelt immer nur euch und eure Welt.

Manchmal geschieht das wie in der Nornenszene mit Bildern, die auf einen Schlag den Mythos dieses inkommensurablen Werks namens "Der Ring des Nibelungen" einfangen und Wotans düstere Prophezeiung "Und für das Ende sorgt Alberich" wahr macht. Manchmal geschieht es so banal und platt wie in der Kellerbar der Gibichungen, die - Geiz ist geil! - ihr Mobiliar vermutlich bei Who's perfect? einkaufen, manchmal mit einem Augenzwinkern, wenn Siegfried im Schlauchboot auf Rheinfahrt geht und dort erstmals auf drei Umweltaktivistinnen trifft, die unbedingt den Rhein retten wollen und Rheintöchter heißen.

Bei weitem nicht alle Regie-Ideen überzeugen - vor allem, wenn sie abgenutzt sind, wie der obligatorische Lippenstiftgebrauch, und auf Kalauerniveau, wie der behauptete Hang der weiblichen Figuren zu chicen Schuhen. Zuweilen hängt manches auch einfach durch, weil der seit Sonntag komplette Frankfurter "Ring" akustisch reflektiert, dass es sehr wohl eine Krise des Wagnergesangs gibt.

Sängerische Defizite

Was nützt ein darstellerisch rundherum überzeugender Siegfried, wenn er wie Lance Ryan keine gute Tagesform hat und in dem durchaus einleuchtenden Versuch, die Waldvogel-Zitate in seiner Schlussszene mit anderer Stimme zu singen, offenbart, dass das aktuell nicht funktioniert? Was nützt eine äußerlich nicht walkürenhafte Brünnhilde, wenn sie wie Susan Bullock ihrer überforderten und ältlich wirkenden Stimme erst im Schlussgesang doch noch etwas Wärme und Farben abzutrotzen vermag?

Dass das Premierenpublikum unter den Solisten zu Recht den schon eingangs erwähnten Bariton und Rollendebütanten Johannes Martin Kränzle am meisten feierte, gibt selbst dann zu denken, wenn die Guntherfigur wie hier szenisch deutlich aufgewertet ist und sich gewissermaßen mit in die erste Reihe schiebt. Sängerisch auf der Habenseite sind außerdem Claudia Mahnkes Waltraute, die Gutrune von Anja Fidelia Ulrich, die homogenen Rheintöchter, der von Matthias Köhler einstudierte Chor und Gregory Frank als Hagen, mit ein paar Abstrichen in der Bassesschwärze.

Die Musik wird zum Ereignis

Ein paar Hornkieksern zum Trotz darf das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sich jetzt auch unter Sebastian Weigle zu jenen Klangkörpern zählen, die eine "Ring"-Interpretation realisieren, die es in sich hat. Wie klug und virtuos sich immer wieder Einzelstimmen aus dem verästelten Kosmos herausschälen und kommentierend sprechen, wie einfühlend, mitfühlend, enthüllend und entlarvend diese Musik sein kann, wird hier zum Ereignis.

Gut möglich, dass auch Vera Nemirovas Inszenierung diesen Rang erreicht, wenn im Juni und Juli alle vier Teile zyklisch aufgeführt werden und die glücklichen Zuschauer, die Karten bekommen haben, ohne große Unterbrechungen erleben können, dass hier sehr ernsthaft der schwierige Versuch unternommen wurde, einen "Ring" aus einem Guss zu schmieden. Die Latte fürs Wagner-Jubiläumsjahr 2013 hängt jetzt ziemlich hoch, Bayreuth muss sich in Acht nehmen.

Termine und Karten

Die weiteren Vorstellungen der "Götterdämmerung" am 5., 10., 18., 26. Februar und 3. März sowie die beiden zyklischen "Ring"-Aufführungen zu Saisonende sind bereits komplett ausverkauft.