Paul Rosbaud: 1986 in Graz geboren, Chemiker, ehemaliger K.-u.-k-Offizier, Spion auf höchster Ebene. Unter dem Decknamen "Greif" verrät er, als Lektor des Springer-Verlags tätig und daher europaweit unterwegs, Pläne der deutschen Waffentechnik an den britischen Geheimdienst (SIS). Darunter befinden sich auch Konzepte deutscher Atomforscher, denn Wissenschaftler wie Niels Bohr, Lise Meitner und Otto Hahn zählen zu seinen Freunden. Es ist eine öffentliche und zugleich verdeckte Form des Widerstands, die Rosbaud im Zweiten Weltkrieg leistet. "Ich muss alles tun, um Hitler zu schaden", lässt ihn Darsteller Matthias Tuzar in der Uraufführung von Rainer Lewandowskis "Die Bombe" im Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters sagen.

Peter Bernhardts Inszenierung dieses Lehrstücks über Ethos und Eros von Wissenschaftlern verfolgt das Leben Rosbauds in der Zeit zwischen 1939 und 1945. Es ist ein Leben im Geheimen, dominiert vom Zwang, sich niemandem anvertrauen zu können. Die Inszenierung stellt dies mit Nachdruck dar. Nach Kriegsende arbeitet Rosbaud als Wissenschaftsberater in London. Vor seinem Tod vernichtet der ehemalige Topspion alle persönlichen Aufzeichnungen. 1963 stirbt er, an Leukämie erkrankt, in ärmlichen Verhältnissen.

Die Verantwortung der Wissenschaftler

Auch der deutsche Physiker Otto Hahn, der 1938 die Spaltung von Atomkernen entdeckte, fühlt die Verantwortung von Wissenschaftlern, als er, zusammen mit anderen deutschen Forschern vom SIS im Rahmen der "Operation Epsilon" im englischen Landsitz Farm Hall bei Cambridge interniert, vom Atombombenabwurf der Amerikaner über Hiroshima erfährt.

In Bernhardts vielschichtiger und von Bild- wie Tonmedien getragener Inszenierung von "Die Bombe" agiert Matthias Tuzar authentisch als hagerer, blasser, stets rauchender Rosbaud, immer einen Drink in den Händen, das Haar streng nach hinten gegelt. Tuzar zeigt den Wandel Rosbauds vom mondänen Lebemann, der eine offene Ehe mit der Tochter eines jüdischen Holzhändlers führt, zugleich aber jüdischen Freunden bei der Flucht ins Ausland hilft, zum einsamen Super-Agenten: "Spione ehrt man nicht, sie leben im Geheimen." Gerald Leiß ist ein von Selbstvorwürfen geschlagener Otto Hahn, tief erschüttert angesichts der Atombombenabwürfe. Volker J. Ringe spielt als Werner Heisenberg einmal mehr groß auf. Die Figur des in Würzburg geborenen Physikers stellt Ringe als Mann von zweifelhaftem Charakter dar, der zum "Wohle des deutschen Vaterlands" arbeiten will. Ila Stuckenberg gelingt der Rollenwechsel zwischen der Physikerin Lise Meitner, die ihr Leben der Forschung verschrieben hat, und der prinzipientreuen SIS-Mitarbeiterin Margaret Reid. Florian S. Federl interpretiert den SIS-Offizier Eric Welsh als latent überheblichen Schönling. Florian Walter schließlich gibt sich als distanzierter Niels Bohr, der nichts mit dem Bau der Atombombe zu tun haben möchte.

Konzentration auf den Inhalt

Monika Maria Cleres hat für "Die Bombe" ein reduziertes Bühnenbild geschaffen: Aus Kisten im Hintergrund lässt sich das Modell einer Kernspaltungsanlage ebenso hervorholen wie ein minimalistisches Abhörsystem. Geschickt der Hinweis, wann die Handlung in Nazi-Deutschland spielt: Eine übergroße Hakenkreuzfahne unter der Studio-Decke wird dazu angestrahlt. Im Bühnenhintergrund hilft zusätzlich eine Leinwand mit Bildern von auf einer Schreibmaschine getippten Jahresangaben, sich in der Zeitgeschichte zu orientieren. Einspielungen, etwa von Hitler im Original-Ton, geben der Inszenierung einen dokumentarischen Anstrich. Schlicht sind auch die Kostüme: Die Männer tragen Hemden, Sakkos, dazu Manschettenknöpfe, die Soldaten Uniform. Nichts soll vom Inhalt, vom Text ablenken.

Gerade dieser Dokumentarcharakter ist allerdings die Krux des Stücks: Ohne physikalische Vorkenntnisse geraten die Dialoge der Forscher etwas zäh, die vielen lediglich erwähnten Personen und militärischen Dienstgrade verwirren bisweilen, die Darsteller können ihren Figuren kaum eindrückliche Konturen verleihen. Emotionen werden weniger gespielt, als dass sie über vorgelesene Briefe, beispielsweise von Rosbaud an Meitner, vermittelt werden. Wenn zwei Engel mit Schwertern, begleitet von grellen Lichtern und Rauchschwaden, auftreten - einer davon steht auf der mittlerweile ebenfalls auf der Bühne erschienenen Atombombe - und apokalyptische Bilder aus der Offenbarung des Johannes deklamieren, gleitet die Handlung ins Bizarre ab. Gleichwohl ist die Intention klar: Die Vernichtung von Menschen mit der Atombombe ist eine Sünde.

Bernhards Inszenierung ist kein spannender Agenten-Thriller und will es auch nicht sein. Das Schauspiel vermittelt ein wichtiges und mitunter unbekanntes Stück deutscher und internationaler Geschichte, aus dem eine Botschaft für Gegenwart und Zukunft abgeleitet werden soll: Jeder Einzelne kann, wie Rosbaud, etwas tun, um sich gegen Extremismus aller Art zur Wehr zu setzen.

Termine und Karten

Weitere Studio-Vorstellungen von "Die Bombe" sind für 5.-7., 11.-14. und 17.-20. Dezember geplant. Karten unter Tel. 0951/873030, E-Mail kasse.theater@stadt.bamberg.de.

Um das Bühnengeschehen verstehen zu können, sollte die Einführung in die zeitgeschichtlichen Ereignisse 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Treff besucht werden.