Wer erleben will, wie fesselnd ein Opernabend sein kann, der nicht nur im Wortsinn ungewohnt fremd klingt, sollte sich die jüngste Neuinszenierung am Staatstheater Nürnberg nicht entgehen lassen. Am Samstag feierte dort Leoš Janáceks 1926 uraufgeführte Oper "Vec Makropulos" (Die Sache Makropulos) ihre zu Recht umjubelte Premiere. Regie, Ausstattung, sängerische und musikalische Interpretation - alles ist aus einem Guss.

Wenn auf der Opernbühne "Die Sache Makropulos" verhandelt wird, geht es nur vordergründig um einen langen und komplizierten Erbschaftsprozess zwischen zwei Prager Familien. Im Mittelpunkt, nein: im Rampenlicht steht Emilia Marty, die sich mit derart viel Hintergrundwissen einmischt, dass irgendetwas nicht stimmen kann. Schritt für Schritt wird klarer, dass die merkwürdig gefühlskalte Operndiva eine Vergangenheit hat, die alles Herkömmliche weit hinter sich lässt.


Eine Zeitreise auch in die Operngeschichte


Wenn sich in der großen Schlussszene das Geheimnis der 337 Jahre alten und dank eines Lebenselixiers jung gebliebenen Frau enthüllt, kann sich jeder selbst seinen Reim darauf machen: Der Traum vom jahrhundertelangen Leben und der ewigen Jugend ist eher ein Alptraum. Janácek hat (nach der gleichnamigen Komödie von Karel Capek) seiner mit vielen Namen unter dem Kürzel E. M. auftretenden Protagonistin eine Zeitreise auf den Leib und die Stimmbänder getextet und komponiert, die schon für sich spannend genug ist.

Der kanadische Regisseur Robert Carsen und seine stil- und effektsicheren Ausstatter Radu Boruzescu (Bühne) und Miruna Boruzescu (Kostüme) geben dem Stück noch eine weitere Dimension, indem sie gleichzeitig die Gattung Oper mit abhandeln. Noch bevor der erste Ton erklingt, sieht man, wie die einsame Sängerin im Renaissancekostüm aus einem Pokal trinkt und im raschen Kostümwechsel einige Opernjahrhunderte durchmisst, bis sie in den späten 20er-Jahren des 20. Jahrhundert und in der Prager Anwaltskanzlei landet.


Die Diva hat ihre Leichen im Keller


Das Panoptikum der Männergeschichten von Emilia Marty alias Elian MacGregor alias Eugenia Montez alias Elina Makropulos spiegelt sich besonders sinnfällig im 2. Akt, der im Bühnenbild einer "Turandot"-Aufführung spielt: Der Blutzoll der E. M. ist zwar nicht so hoch wie der der chinesischen Prinzessin auf Bräutigamschau, aber auch nicht von Pappe. Und lässt die Zuschauer nebenbei darüber nachdenken, warum es gerade Figuren wie diese sind, von denen wir uns in der Oper bannen lassen.

Dass auch "Vec Makropulos" ein Meisterwerk ist, das es verdient, eingereiht zu werden in die Liste der großen Opern von Monteverdi bis Strauss, wird besonders in seinen komischen Szenen offenbar: Wenn der Tattergreis Hauk-Šendorf (darstellerisch wie immer eine Wucht: Richard Kindley) in der Operndiva seine spanische Jugendliebe wiedererkennt, versteht man plötzlich, wie universal Janáceks Musiksprache gerade wegen ihres tschechischen Idioms ist. Die Übertitel lassen sich (mit Ausnahme der Projektion auf den Theatervorhang) gut mitlesen, die Personenregie sorgt für einleuchtende Charaktere und flüssige Abläufe.


Eine Janácek-Oper mit Suchtpotenzial


Bei der als Emilia Marty sängerisch so beeindruckenden Mardi Byers vermisste ich in der Körpersprache zunächst eine Portion darstellerischen Aplomb. Vermutlich war die Sopranistin in der Premiere von den Bewegungsmöglichkeiten her gehandicapt, denn im 3. Akt hatte sie einen verbundenen Fuß. Sie dürfte in den kommenden Vorstellungen umso mehr überzeugen. Gut bis sehr gut auch die übrigen Solisten wie der durchschlagkräftige Tenor Michael Putsch als Albert Gregor, der subtile Bariton Kurt Schober als Jaroslav Prus, Gustav Belácek als Advokat, Martin Nyvall als Sollizitator und das junge Paar mit Judita Nagyová als Krista und Martin Platz als Janek.

Verwunderlich ist eigentlich nur, dass Generalmusikdirektor Marcus Bosch Janácek nicht zur Chefsache gemacht hat. Davon profitiert 1. Kapellmeister Phillip Pointner am Pult, der mit den präzisen Orchestermusikern, den Solisten und Choristen eine erstaunlich geschlossene Gesamtwirkung erreicht. Erstens wirkt die weiß Gott schwierige Musik ganz einleuchtend, ja natürlich. Und zweitens weckt die insgesamt brillante Vorstellung den Wunsch nach Wiederholung: Dieser Nürnberger Janácek hat Suchtpotential!


Termine und Karten



Die Koproduktion mit den Opernhäusern in Straßburg (Premiere April 2011) und Venedig (Premiere März 2013) steht in Nürnberg in dieser Saison noch sieben Mal auf dem Programm, und zwar am 2., 7., 10., 17. und 19. Juni sowie am 8. und 17. Juli. Mehr Informationen im auf der Homepage des Staatstheaters, Karten-Telefon 0180-5-231600.