Einer hängt das Medizinstudium an den Nagel, wird Bestatter und trägt nicht abgeholte Urnen nach Hause. Eine behauptet, die Mutter eines Amokläufers zu sein, und hat doch kein Kind. Einer findet eine Tüte voll Geld und nennt sie Gott. Eine Blinde strippt in einem Nachtclub. Eine Philosphin kann die Welt theoretisch nicht mehr fassen und prügelt ihren autistisch vornübergebeugten Mann. Über allen hängt die Idee des Selbstmords ausgesprochen und unausgesprochen.

Es ist ein merkwürdiges Panoptikum an Personal, das Dea Loher in ihrem 2003 uraufgeführten Stück "Unschuld" versammelt hat. Viel gespielt, jetzt auch am Markgrafentheater unter der Regie von Intendantin Katja Ott. Ein politisches Stück? Sicher. Wenn auch das Plakative fehlt. Zwar signalisieren die illegalen Immigranten Fadoul (Patrick Nellessen) und Elisio (Christian Wincierz) Tagesaktualität, und auch dass sie aus Angst entdeckt zu werden tatenlos beobachten, wie eine Frau im Meer ertrinkt, ist von bestürzender Brisanz.

Doch "Unschuld" ist kein Flüchtlingsdrama. Elisio und Fadoul - in Erlangen mit weißer Hautfarbe, obwohl sie offensichtlich aus Afrika kommen - sind nur zwei Gestalten in diesem Mikrokosmos menschlicher Verstrickungen um Schuld, Vergebung, Illusion und Suche nach dem verlorenen Sinn. In etlichen Facetten schillert die Conditio humana des 21. Jahrhunderts auf, und die gibt wenig Anlass zur Hoffnung.

Was die Philosophin Ella (sehr schön Marion Bordat), vielleicht ein Alter Ego der Autorin, in ihren Monologen ausführt: Die Unzuverlässigkeit der Welt, ihre Weigerung, sich noch fassen zu lassen, korrespondiert mit der bleiernen Zeit ihrer Ehe - "eine völlige Abwesenheit von Fragen". Über den Köpfen zerfasert das Videobild des "Präsidenten" (Mario Draghi), wie gegen diese kaum greifbare Macht Widerstand leisten? Das Politische wächst aus dem Kleinen, Privaten; die Autorin beobachtet ihre Figuren, wie ein Forscher Laborratten im Käfig beobachtet.

Dazu gruppiert sie das Personal in 19 Szenen bzw. Versuchsanordnungen. Teils kommentieren die Figuren sich selbst - eine Metaebene. Es entsteht ein beeindruckendes, doch alles andere als einfach zu konsumierendes Beziehungsgeflecht, das mehr Zuschauer als in der Premierenvorstellung verdient hätte. Knapp drei Stunden Reflexion über Gott und Sinn, über Suizid oder Weiterleben - da hätte die Regie beherzt kürzen dürfen oder sich mehr einfallen lassen, als die Figuren hinstellen wie Sprechpuppen. Andererseits dient der wohltuende Verzicht auf Klamauk der Intensität des Kammerspiels. Freilich verdient Bernhard Siegls Bühnenbild größte Anerkennung. Ein verwinkelter, drehbarer Vielzweckbau verwandelt sich vom bürgerlichen Wohnzimmer zum Selbstmörderhochhaus und in viele andere Kulissen - eine beeindruckende Leistung!

Ebenso zu loben die unaufdringliche Musik von Jörg Wockenfuß und Jan S. Beyer und das gesamte Ensemble. Deprimierende Monologe einer jungen Ärztin (Anika Herbst) oder der Hetz-Chor einer sensationslustigen Meute ("Suizidexhibi-tionist!") ließen den Zuschauer selbst ins präsuizidale Syndrom fallen, wenn das Spiel nicht abgemildert würde durch grotesken Humor, den besonders Regine Vergeen als eine beinamputierte, zuckerkranke Frau Zucker trefflich auf die Bühne bringt. Auch die blinde Go-go-Tänzerin Absolut (Violetta Zupancic) entbehrt nicht des Tragikomischen oder Frau Habersatt (Anja Lechle) als scheinbare Verbrechermutter.
Bei aller Trostlosigkeit verlieren die Figuren dennoch nicht ihre Würde. "Ich bin kein Rettungsschwimmer", sagt ein Immigrant zuletzt. Ein Funken Hoffnung bleibt. Und es blieb starker Applaus.

Weitere Vorstellungen 23., 24. April, 2., 3., 19., 20. Mai, 30. Juni, 1. Juli

Dauer
ca. 2 Stunden, 50 Minuten, eine Pause

Karten
Tel. 09131/862511, E-Mail service@theater-erlangen.de