Ein kleiner, weiß auf schwarz gestrichelter Stern leuchtet auf dem Programmheft. Und auf der Bühne. Er wird größer und nimmt die Zuschauer mit auf eine rasante Fahrt ins Wunderreich der Nacht, ins Weltall, wo Planeten kreisen und Myriaden von Sternen. Es ist eine letzte Überfahrt, eine Reise ins Totenreich. Die Expedition endet im Nichts, in der Auslöschung. Auch und gerade für Tristan und Isolde.

Weder in Cornwall noch auf Kareol ist den Menschen Glück beschieden. Das zeigt die Würzburger Neuinszenierung von Richard Wagners "Tristan und Isolde" unmissverständlich von Beginn an. Der trostlose und doch erstaunlich wandelbare Einheitsraum von Falko Herold ist der Bauch eines heruntergekommenen (Raum-)Schiffes, in den sich ein paar Überlebende aus dem Krieg gerettet haben - mit einer Fülle von Leichen, die fast die gesamte Bodenfläche okkupieren.

Dass diese Menschen traumatisiert sind, ist nicht zu übersehen. Ihre verschmutzte Alltagskleidung spricht davon, dass sie alle mitten aus dem Leben gerissen wurden. Sie bewegen sich merkwürdig steif, gestelzt, der junge Seemann und Hirte geistert wie ein Zombie durch die Szene. Noch am lebendigsten sind die beiden Dienerfiguren. Brangäne löffelt Joghurt, Kurwenal ist sichtlich ein Comicfan.


Ausdruck großer Verlorenheit



Mit einem Ausdruck großer Verlorenheit stakst solipsistisch wie ein Leuchtturmwärter Tristan durch den Raum. Nur Prinzessin Isolde in ihrem dunklen Business-Kostüm und den hoch gesteckten Haaren scheint noch einen Rest an Contenance bewahrt zu haben - sogar dann, wenn sie aus ihrem Beautycase Morolds abgeschlagenen Kopf holt. Erst der vermeintliche Todestrank reißt beide heraus aus der realen Zeit und Welt.

Eine Spiegelwand begleitet ihren Traum von der Liebe, der in Wahrheit nichts anderes mehr ist als die Sehnsucht nach dem gemeinsamen Sterben. Nein, das ist keine romantische Liebesgeschichte, die leider tragisch endet. Sondern eine desillusionierende Reise in Grenzbereiche der menschlichen Existenz, die um so mehr weh tut, als sie eingebettet ist in eine Musik, die ebenso poetisch wie grell manchmal mehr erzählt, als an Glaube, Liebe, Hoffnung und Schmerz zu ertragen ist.

Natürlich könnte man Regisseur Hermann Schneider vorwerfen, dass er nur Heiner Müllers todessüchtigen Bayreuth-"Tristan" in eine modische Musiktheatersprache à la Calixto Bieito übersetzt und mit Sequenzen aus Lars von Triers "Melancholia"-Film garniert habe. Natürlich könnte man beklagen, dass die Spiegelungen, Doppelungen und Verzerrungen manches auch verunklaren. Aber die Grundstimmung, die die Inszenierung erreicht und konsequent durchhält, ist so beeindruckend und nachhaltig, dass konzeptuelle und handwerkliche Fehlstellen nicht ernstlich zählen.


Musikalischer Kraftakt



Musikalisch gelingt der Kraftakt erstaunlicherweise ohnehin. Das mit zwei bewährten Gästen aufgestockte Solistenensemble meisterte bei der zweiten Vorstellung am Gründonnerstag sängerdarstellerisch fast alle Klippen, die Wagners durchaus auch dissonanter Wohlklang aufwirft. Souverän Anja Eichhorns Isolde, deren Rachegefühle im 1. Akt allerdings nurmehr auf dem Papier stehen, lebendig phrasierend Paul McNamaras Tristan, der seine angesagte Indisposition im 3. Akt scheinbar mühelos vergessen machte.

Mit König Markes Klage schafft Johan F. Kirsten einen der ganz großen Momente des Abends, die unter die Haut gehen, mit Geschmeidigkeit und Prägnanz bestechen Karen Leibers Brangäne und der Kurwenal von Joachim Goltz. Die weiteren Solisten, der stimmlich präsente Herrenchor und vor allem das sicher aufspielende, auf Transparenz bedachte Orchester unter Enrico Calesso sorgen mit dafür, dass dieser "Tristan" nicht nur zum Saisonhöhepunkt am Mainfrankentheater wird.

Diese erste Aufführung nach dem neuen Orchestermaterial, das auf der kritisch-wissenschaftlichen Ausgabe von Isolde Vetter und Egon Voss basiert, ist ein sehens- und hörenswertes Beispiel dafür, dass Wagner auch an kleinen Bühnen ein Ereignis sein kann, in dem der Welt-Atem seiner Musik spürbar ist. Bis hin zum todtraurigen Englischhorn-Solo von Dorothea Gömmel, das hier sehr bewegend zum Teil der Handlung wird.



Termine und Karten



Weitere Vorstellungen am 8., 15., 22. und 27. April, 6., 13. und 19. Mai sowie 3. Juni. Karten unter Telefon 0931/3908-124