Derselbe Sound, dieselbe Botschaft. "Ein Nazi bin ich nie gewesen. Immer nur ein Flieger", sagte General Harras am Sonntagabend im E.T.A-Hoffmann-Theater beim Gastspiel des Theaters Hof. Und es war Helmut Schmidt, der es dieser Tage zwar umständlicher formulierte, im Kern aber dasselbe meinte: "Dass die Deutschen insgesamt schuldig waren, war nicht meine Vorstellung. Die Nazis waren schuldig."

Das charismatische Gravitationszentrum in Carl Zuckmayers Stück "Des Teufels General" und der deutsche Altkanzler: Beide trennen sie kategorisch zwischen den Deutschen, und damit sich selbst, sowie den Nationalsozialisten. Die wahren Täter, das waren immer die anderen. Man kann diese Darstellung stehen lassen als die kommunikative Strategie von Männern, die mit ihrer Schuld und Scham irgendwie ja weiterleben mussten. Den Status moralischer Autoritäten dagegen sollte man ihnen entreißen. 100 Minuten lang dauerten am Sonntagabend schon einmal die Abrissarbeiten am Denkmal "Harras".

Die junge israelische Regisseurin Sapir Heller inszenierte "Des Teufels General" als groteske und homoerotisch eingefärbte Nummernrevue des schlechten Geschmacks.

Ein Groupie vom BDM

Zuckmayer zeichnet Harras noch als schneidigen Hedonisten und pflichtbewussten Militär: dem Alkohol, den Frauen, vor allem aber dem Fliegen zugetan. Mit dem moralisch ambivalenten Harras glaubten sich nach Kriegsende viele identifizieren zu können. Karrierist und unbestreitbar Teil der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, aber persönlich doch integer und vor allem kein Nazi.

Heller gibt dieses Heldenbild schon dadurch der Lächerlichkeit preis, dass sie den von sich selbst ergriffenen Harras (Marco Stickl) in ein viel zu enges, im Schritt deutlich ausgepolstertes Superman-Kostüm steckt.

Anders als Zuckmayer erhebt Heller Harras auch zum Erzähler der Geschichte. Allein diese nur eingeschränkt glaubwürdige Erzählperspektive holt das Denkmal vom Sockel. Denn sie enttarnt das Bild vom brillanten General, der den Nazi-Pöbel gleichzeitig bis aufs Blut verachtet, als Produkt einer großen Selbstinszenierung. Diesen Effekt verstärkt Heller noch, indem sie seine Gegenspieler allesamt zu Witzfiguren reinsten Wassers degradiert. Das beginnt damit, dass auch die Frauenrollen Männer übernehmen.

Das erinnerte nicht selten an eine schrille Melange aus Charlys Tante und der Rocky Horror Picture Show, was aber unbedingt für das schauspielerische und auch sängerische Vermögen der Akteure spricht. Unter den ausnahmslos inspirierten Schauspielern stach neben dem charismatischen Marco Stickel vor allem Florian Bänsch heraus. Mit lasziv eingeknickter Hüfte spielte er das verschlagene BDM-Groupie Pützchen. Ein Mann im roten Latexmantel, der mit einem Mann schläft, der eine Frau spielt - das darf auch als grell inszenierter Verweis auf das schwüle Männerbündlerische im Nationalsozialismus gelesen werden. Wenn Harras die verfolgten Juden darum beneidet, die geistige Enge Nazi-Deutschlands hinter sich lassen zu können, ist es um die moralische Urteilskraft des großen Generals endgültig geschehen.

Glaube und Widerstand

Heller hat Zuckmayers skrupulöses Stück in eine komische Travestie verwandelt. Die Dialoge, in denen Harras das abschüssige Feld von Schuld, Moral, Glaube und Widerstand vermisst, büßen unter den Händen Hellers viel von ihrem ethischen Gehalt ein. Lieber zieht sie dem in Selbstliebe verblendeten Harras den Stecker.

Diese Entscheidung ist mindestens sympathisch, unterhaltsam war das Treiben auf der als Hakenkreuz stilisierten Bühne allemal. Man kann sicher nicht über den Holocaust lachen, über Mitläufer, die sich als Unschuldslämmer inszenieren, dagegen schon.