Den Genius loci, gibt's den? Oder geheimnisvoll weiterwabernde Geistesverwandtschaften? Esoterischer Unsinn, natürlich.Vermutlich ist es reiner Zufall, dass im eher kargen Nordostoberfranken eine Zelle, ja Bastion der Fantastik in Literatur und Kunst sich gebildet hat.
Wenngleich die düsteren Wälder des Fichtelgebirges schon romantische Träume beflügeln. Einerseits Idylle, andererseits Dämonie: So lässt sich auch das Schaffen Jean Pauls umschreiben, den manche für den größten deutschen Autor halten, noch vor Goethe. Und Jean Paul verpflichtet, angeregt von dem Bayreuther Titanen der deutschen Sprache, ist ein auch in mehrfacher Hinsicht fantastische Maler und Grafiker, der dieser Tage mit dem Kulturpreis der Oberfrankenstiftung (offizielle Verleihung am 6. August) ausgezeichnet worden ist.
Dabei ist Stephan Klenner-Otto, Jahrgang 1959 als Stephan Klenner geboren, ein bodenständiger Mensch, kerniger Kulmbacher, kein etwas versponnener Feingeist wie etwa Michael Ende. Was in die Irre führt: Der Künstler ist ein durchaus belesener Mann, den etwas schrägeren Klassikern verpflichtet: E.T.A. Hoffmann, Arno Schmidt, Lichtenberg, Heine, Moritz, May, Camus. Und natürlich Jean Paul, den Klenner-Otto vielfach porträtiert und illustriert hat.

Wie kommt ein junger Kulmbacher zum Fantastischen Realismus? Nun, geradlinig war der Lebensweg Klenner-Ottos nicht. Ein Zeichenlehrer erkannte das Talent des Realschülers, eine mit wenig Begeisterung absolvierte Ausbildung als Grafiker folgte, dann bis heute ein Dasein als freier Künstler. Unendlich viel verdankt der Preisträger seinem Kulmbacher Nachbarn Caspar Walter Rauh (1912-1983), den die Kriegswirren nach Oberfranken verschlagen hatten. Bei diesem Hauptvertreter des Fantastischen Realismus lernte Klenner-Otto das präzise Handwerk, das so viel gerade der grafischen Kunst ausmacht - er kann sich köstlich echauffieren über die Flut der Amateurkünstlerinnen.

Rockmusik als Rettungsanker

Seine erste Solo-Ausstellung platzierte er in der lange verschiedenen Bamberger Film-Galerie; jedoch waren in den Achtzigern die Zeiten für künstlerische Grafik schlecht. Klenner-Otto spielte in einer Rockband den Bass, lebte mit seiner Gattin, die ihn bis heute tatkräftig auch als Produktionsassistentin unterstützt, zeitweise im schwäbischen Frickenhausen. In den Neunzigern erholte sich der Markt, das Paar zog mit dem Sohn zurück nach Oberfranken und baute ein Bauernhaus um. Dort, im winzigen Spitzweg'schen Dachkämmerlein, betreibt er sein Atelier, im umgebauten Kuhstall die mit Lösungsmitteln und Farben getränkte Werkstatt.

In den Neunzigern erholte sich der Markt, ab der Millenniumswende fand der umtriebige Kulturförderpreisträger (1998) seine eigentliche Profession: die Buchillustration zumal für edle, bibliophile Kleinverlage wie Wehrhahn, Serapion vom See, den Wuz Verlag oder Wolfram Bendas Bayreuther Bear Press. Was nicht heißt, dass Klenner-Otto nicht auch in Öl malt, nicht zeichnet (mit Feder oder Buntstiften) oder aquarelliert. Sein Hauptmetier ist jedoch die (Farb-)Radierung. Stupend, wie er sich hinsetzt und ohne papierene Vorlage seine Bilder in die beschichteten Platten ritzt. Filigranarbeit erfordert die Farbradierung, Präzision auch beim Abziehen der Blätter.
Stilistisch ist Klenner-Otto klar beeinflusst von seinem Lehrmeister Walter-Rauh, nennt jedoch auch die Körperlichkeiten Egon Schieles, liebt Dix und Grosz, schätzt Michael Mathias Prechtl ungemein. Seine Arbeiten sind nicht so geprägt von Grauen und Krieg wie die Rauhs und des gemeinsamen Bruders im Geiste Alfred Kubin. Sie sind verspielter: wie die fliegenden Früchte, wie die Zyklen mit verfremdeten Schiffen (man denke an Jean Pauls Luftschiffer Giannozzo!) oder den Monatsbildern, als Kontrapunkt dienen die allerdings dämonischen Kreuzweg-Bilder. Seine Porträts sind einfühlend, selten karikierend, mitunter interpretierend. Das Bizarre, Groteske, Surreale kommt wie bei seinen Vorbildern nie zu kurz.

Klar, dass Illustrationen zu E.T.A. Hoffmann ("Sandmann", "Rat Krespel") im Portefeuille des Künstlers liegen, dass er im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Haus ausgestellt hat. Aber auch, vermittelt z. T. durch Goethe-Institute, in ganz Europa. Ja, Klenner-Otto ist einer der wenigen bildenden Künstler, die nicht über ökonomische Pressionen klagen. Dafür ist er auch immens produktiv, schludert aber nicht. Bevor er ein Buch illustriert, liest er den Text mehrmals - ganz. Oder er hört ein Dutzend Mal Wagners "Ring". Danach, gesteht er, war ihm, der sich bereits daran mit durchaus beachtlichem Ergebnis daran versucht hatte, die Bebilderung des gesamten Monumentalwerks unmöglich.