Es hat lange gedauert, bis Iron Maiden Chile maidenisieren durften. Sehr lange. Pinochet-Ära, Satanismus-Vorwürfe und kurzfristige Einreiseverbote hinderten die sechs Briten bis ins Jahr 2008 daran, einen der letzten weißen Flecken ihrer bunten Tour-Landkarte zu bespielen.
Am 10. April 2011, auf ihrer gigantischen Final Frontier World Tour, landeten sie wieder bei ihren chilenischen Fans - mit ihrem fliegenden Tourbus, der Boeing 757, die von den Fans liebevoll Ed Force One getauft wurde, in Anspielung auf Band-Maskottchen Eddie. Am Steuerknüppel saß - wie schon 2008 - wieder Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson selbst, der im "Nebenjob" Pilot bei einer britischen Airline ist.
Dieses Flugzeug und die Tatsache, dass Dickinson es selbst steuert und Band, Crew und das ganze Equipment zu Arenen in aller Welt fliegt, ist mehr als ein PR-Gag: Dank Ed Force One können die Briten in Gegenden auftreten, die für Bands ihrer Größe unerreichbar sind - zum Beispiel in Chile. Die Fans lieben Maiden dafür - 50 000 strömten am 10. April 2011 ins Estadio Nacional in der Hauptstadt Santiago, um alte und neue Songs ihrer Band zu hören und mitzusingen. Die Erregung und die enthusiastische Vorfreude dieser chilenischen Metal Heads hört man sofort, wenn man das neue Live-Album "En Vivo!" auflegt. An dieser Stelle sei ausdrücklich der Kauf der etwas teureren Picture-Vinyl-Edition empfohlen (rund 34 Euro; die CD kostet rund 15 Euro). Sie ist sehr aufwendig und wunderschön mit Eddie-Comiczeichnungen und Fotos vom Konzert gestaltet und obendrein aus 180-Gramm-Vinyl.
Kaum dreht sich die Platte mit Comic-Eddie im Weltraum-Stil, ertönt das "Final-Frontier"-Intro "Satellite 15". Doch schnell übertönen die Fans die Musik mit immer lauter und fordernder werdenden "Maiden! Maiden!"-Rufen. Dann schreien sie plötzlich - und das ist der Moment, in dem man förmlich hört, wie Steve Harris (Bass), Adrian Smith (Gitarre), Dave Murray (Gitarre), Janick Gers (Gitarre), Nicko McBrain (Schlagzeug) und Sänger Bruce Dickinson auf die Bühne stürmen und vom ersten Moment an alles geben. Klar, dass Bruce seine chilenischen Fans mit der obligatorischen Aufforderung "Scream for me, Chile!" begrüßt. Und Chile schreit. Und wie!
Nach ein paar Songs des jüngsten Studio-Albums "Final Frontier", das der Tour ihren Namen gegeben hat, spielen Maiden alte Lieblingsstücke wie "The Trooper", "Iron Maiden", "Hallowed Be Thy Name" und zum tosenden Finale "Running Free", bei dem das komplette Estadio Nacional mitsingt. Ein Schauplatz mit krasser Vergangenheit: Nach dem Militärputsch Pinochets im Jahr 1973 wurden in diesem Stadion über Monate politische Gegner gefangengehalten und gefoltert. Heute ist hier der Club de Fútbol Universidad de Chile zuhause.
Iron Maiden haben sich dieses Konzert in Chile ganz bewusst für ihr achtes Live-Album und ihre neue Tour-DVD (ca. 20 Euro mit toller Doku) ausgesucht, wie Band-Chef Steve Harris erklärt: "Es war mir wirklich wichtig, die Final Frontier Tour in Südamerika zu filmen, da wir jedes Mal, wenn wir in diesem Teil der Welt sind, von den Fans und der Stimmung überwältigt sind, und das wollte ich durch diesen Film dokumentieren." Auch Sänger Bruce Dickinson ist von den südamerikanischen Fans begeistert: "In Lateinamerika bekommt man das Gefühl, dass man kurz vor einer Explosion steht", erzählt er im 2008er-Tour-Dokumentarfilm "Flight 666". "Wir haben immer Angst, ob wir so gut sein werden wie die Fans. "
Bei diesem Konzert - wie auch in München letztes Jahr - beweisen die Mittfünfziger, dass sie mit ihrer überragenden Musik, ihrer spektakulären Bühnenshow mit fiesem Riesen-Eddie und mit ihrer Echtheit die Herzen ihrer Fans gar nicht erst erobern müssen. Die gehören ihnen sowieso.