Es gibt Opern, die sich - bei Strafe des Scheiterns - radikalen "Neudeutungen" verweigern. Das mindert zwar den inszenatorischen Anspruch, den ehrgeizige Regisseure gerne sehr hoch ansetzen, doch die Beschränkung auf einzelne Aktualisierungen oder neue Lesarten kann dann eine kluge Option sein.

Die Grundkonstellation in Giacomo Puccinis "La Bohème" lässt sich problemlos auch in anderen Epochen als der Louis-Philippe-Zeit Frankreichs ansiedeln, schließlich sind für Künstler alle Zeiten Notzeiten. Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, zwei ungarische Regisseurinnen, die Puccinis Klassiker jetzt an der Nürnberger Staatsoper neu inszenierten, entschieden sich für die unmittelbare Nachkriegszeit (der Krieg ist der Zweite Weltkrieg). Folglich mutiert der Weihnachtsmarkt der Originalvorlage zu einem sinistren Schwarzmarkt in ruinöser Umgebung, und die Grisetten von einst werden zu zeitgemäßen Soldatenflittchen.


Bodypainting-Session

Das originell ausgetüftelte Bühnenbild (das ebenso wie die Kostüme von den Regisseurinnen stammt) arbeitet mit verschiebbaren Rahmen, die jeweils eine Szene fokussieren. Noch vor den ersten Tönen öffnet sich das Nähstübchen der tuberkulösen Mimi, nach ihrem Tod bleibt es leer, aber hell erleuchtet zurück. Das Künstlerquartett agiert eine Etage tiefer, hat den Sprung von der gegenständlichen zur abstrakten Kunst längst gemeistert und wagt sogar eine Bodypainting-Session an einer jungen Dame, deren Vergewaltigungsbedenken nur zu berechtigt erscheinen. Das war ebenso überzeichnet wie der Anfang des zweiten Bildes, wo Musetta ihren aktuellen Aushälter Alcindoro an einem Sado-Maso-Geschirr wie einen Hund ins Gemenge führt.

Ein Mauerriss im elenden Künstlersouterrain öffnet sich unversehens und gibt den Blick frei auf einen glutroten Hintergrund, der sich später zum Bistro "Momus" wandelt. Die Hölle, das sind die anderen ... Die dortige Szene gerät zu einem der musikalischen Höhepunkte, an dem nicht zuletzt der Kinderchor beträchtlichen Anteil hat. Dirigent Gábor Káli mag es gerne aufgekratzt und lässt das Orchester bisweilen allzu derb krachen, doch den Puccini-Schmelz kriegen die Nürnberger ebenfalls hin. Längst hat man sich bis zu diesem Zeitpunkt an der ausgezeichneten Besetzung aller vier Protagonistenrollen delektieren können. Ilker Arcayüreks Rodolfo vereint tenorale Leuchtkraft mit leicht schwebender Höhe, während Antonio Yang seinen ebenfalls strahlenden Marcello baritonal unterfüttert. Deren beide großen Duette im dritten und vierten Bild erwiesen sich neben den Soli der Damen als die Glanzpunkte des Abends.

Die spiellustige Csilla Csövari als schillernde Musetta imponierte mit ihrer schlanken, in der Höhe gänzlich mühelosen Stimme, der sie ein apartes Vibrato gönnte. Die Mimi von Hrachuhi Bassenz bestach durch ihr leicht abgedunkeltes Timbre, famose Pianopartien und eine markante Bühnenpräsenz. Und natürlich starb sie schön - freilich blieben Zweifel daran, ob ein solches Prachtweib ausgerechnet durch die Schwindsucht dahingerafft werden kann. Dass die Nürnberger Staatsoper gleich vier Hauptrollen so erstklassig aus dem Hausensemble besetzen kann, spricht übrigens für sich. Der Besuch dieser neuen "Bohème" ist schon deshalb sehr empfehlenswert. Die beiden Ungarinnen haben eine schlüssige und schnörkellose Inszenierung realisiert, die allenfalls noch ein Plus an szenischen Akzentsetzungen vertragen hätte.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen
27. 11., 4., 6., 10., 14., 16., 22., 26., 29. 12. und bis Februar. Genaue Übersicht www.staatstheater-nuernberg.de. Dort auch Karten und unter Tel. 0180/5231600