Zunächst bleibt bubenhaftes Staunen auch und gerade eines Veteranen, der schon manches Festival, manches Konzert mit elektronischem Equipment besucht hat: Was heutzutage alles möglich ist! Der Verein Klassikkultur, Veranstalter des zweiten Konzerts "Jazz am See" am Sonntagabend, hat auch gehörig geklotzt mit einer riesigen Bühne, einer Tribüne fürs Publikum und zwei Videoleinwänden.
So sprang das Auge ständig von den Großaufnahmen der Musikerhände und -gesichter in die Totale auf der Bühne - gewöhnungsbedürftig, aber nicht unangenehm. Den Sound bekamen die Techniker hell und klar hin wie den Klang einer Bachtrompete. Das war die Abrundung eines Konzerts, das der künstlerische Leiter Torsten Goods dramaturgisch perfekt gestaltet hatte. Sechs Solisten, drei lebende Jazz-Legenden, drei jüngere, jedoch bereits etablierte Kollegen, jeder steht für eine Stilrichtung. Und eine Begleitband im Hintergrund, die es in sich hatte: Jan Miserre am E-Piano, Thomas Stieger an Kontra- und E-Bass, Felix Lehrmann am Schlagzeug für die moderneren Spielarten des Jazz, Matthias Bublath an der Hammond-Orgel als ganz wichtiger Sideman und vor allem Bert Brandsma, Klarinettist und Saxophonist, der auch ein uriges Basssax zu bedienen weiß.
Brandsma spielt in Chris Barbers Band. Der, Skiffle- und Dixie-Fossil, steht mit seinen 86 Jahren immer noch auf der Bühne und heischt als respektabler Sänger ("Ice Cream") und Posaunist ("When the Saints ...") naturgemäß viel Sympathie der ca. 2500 Zuschauer am Dechsendorfer Weiher. In Duke Ellingtons "C Jam Blues" stellten sich der Uraltstar, die Altstars Klaus Doldinger und Pete York sowie die jüngeren Stars Torsten Goods (Gitarre, Gesang), Martin Tingvall (Piano) und Nils Wülker (Trompete, Kornett) erst einmal jammend vor.


Anspruchsvolles Programm

Gute-Laune-Musik, denn Free-Jazz-Avantgarde wird man an einem solchen Abend kaum erwarten dürfen. Auch nicht vermissen, denn künstlerisch war einiges geboten, anspruchsvoller als beim auch schon unverächtlichen Debüt des See-Jazz im vorigen Jahr. Freilich goutierte man die launigen Ansagen eines solchen Bühnentiers wie Pete York, der mit immerhin auch schon 74 Jahren präzise und ökonomisch nicht nur beim Count-Basie-Titel "Cute" trommelte, sondern sich auch in Ellingtons "Caravan" bei einer Drum-Schlacht mit seinem jüngeren Kollegen Lehrmann bravourös schlug.
Der kam auf die Bühne, um für Klaus Doldingers Fusion-Ausflüge das rhythmische Fundament zu legen. Denn nach Dixie und Swing kam der Jazzrock der 70er an die Reihe in diesem kleinen Propädeutikum der Jazzgeschichte. Mit "Passport" hat Doldinger, der seit 62 Jahren auf der Bühne steht, eine Säule dieses Genres errichtet, eine Säule, die heute noch steht. Auch mit 80 bläst Doldinger sein elegisches Tenorsax mitreißend wie eh und je. Er spielt nicht bebopartig so viele Noten per Takt wie möglich, sondern großflächiger, melodiöser. Klar, dass die von ihm komponierte "Tatort"-Titelmelodie mit alternierenden Soli zu hören war und frischer klang als im Fernsehen.
Die Jungen stehen den Alten in nichts nach. Martin Tingvall verkörpert die neue skandinavische Jazzpiano-Schule und brillierte in einem eher europäisch timbrierten "Vägen" im Duett mit Nils Wülker, der auch am Kornett eine Art Acid Jazz kultivierte. Blieb Torsten Goods, der ein fulminanter Gitarrist ist und hervorragender Sänger, doch ein bisschen arg zu Rhythm-'n'-Blues-Kommerz neigt - wenige langweilige Minuten in einem zweieinhalbstündigen, bombigen Konzert, bei dem so gut wie alles passte. Und ein Knaller wie Spencer Davis' "Gimme Some Lovin'" als Zugabe sowieso.