Dass eine neue Intendanz naturgemäß frischen Wind durch eine künstlerische Produktionsstätte wehen lässt, liegt auf der Hand. Im Falle Sibylle Broll-Papes, die ab der kommenden Spielzeit Rainer Lewandowski am E.T.A.-Hoffmann-Theater ablöst, zeigt sich der frische Wind schon am Design des knallbunten Programmhefts, das sie bei einer Spielzeit-Pressekonferenz im "Treff" des Hauses präsentierte.

Zusammen mit ihrem designierten Chefdramaturgen Remsi Al Khalisi umriss Broll-Pape, die ein Privattheater in Bochum geleitet und mit ihrer Entscheidung, einen Großteil des künstlerischen Personals in Bamberg unter ihrer Ägide nicht mehr zu beschäftigen, Unruhe in der Stadt provoziert hatte, das Programm 2015/16. Es ist ein ambitioniertes Programm mit deutlichen Akzenten auf zeitgenössischer Dramatik. Leitmotiv ist die Frage nach der Heimat, nach Deutschland, nach Deutschsein. Folglich ist bis auf Gertrude Stein auch kein fremdsprachiger Autor dabei - und die widmet sich dem urdeutschen Faust-Mythos.

Nach Heiner Müller "der deutscheste aller Stoffe" ist wiederum die Nibelungen-Sage. Die hat Friedrich Hebbel in einem Monsterdrama bearbeitet, und mit den "Nibelungen" eröffnet die Intendantin auch die Spielzeit, am 17. Oktober und an einem Abend (weitere Vorstellungen sind zweigeteilt). Regie: sie selbst. Denn Broll-Pape inszeniert auch. Neben den "Nibelungen" hat sie sich einen weiteren Brocken deutschen Bildungsguts vorgenommen: Thomas Manns Buddenbrooks in der Bearbeitung John von Düffels. Außerdem führt sie in "Das schwarze Wasser" Roland Schimmelpfennigs Regie, eine der interessantesten Produktionen der kommenden Spielzeit. Es geht um die Lebensperspektiven von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Das ist einer der vom Dramaturgen angekündigten "politisch zugespitzten Stoffe". Ein anderer ist Sibylle Bergs "Viel gut essen", eine Auseinandersetzung mit dem abstiegsbedrohten Mittelschichts-Mann. Bereits am 18. Oktober ist im Studio Konstantin Küsperts "rechtes denken." zu sehen. Der junge Autor entwickelte im Auftrag des E.T.A.-Hoffmann-Theaters sein Stück über "gruppenbezogene Ausgrenzung".

Die "deutsche Seele" sezierten Thea Dorn und Richard Wagner (der Autor) in ihrem gleichnamigen Wälzer. In der Uraufführung einer dramatisierten Fassung werden junge Musiker der den Bamberger Symphonikern angegliederten Orchesterakademie spielen. Schlager werden zu hören sein in August von Kotzebues "Krähwinkel", einer Wiederentdeckung. Bamberg kommt zweimal vor: in einer eigenen Bearbeitung von E.T.A. Hoffmanns "Elixieren des Teufels" und in Gesine Danckwarts Theaterprojekt "Stadt - Land - Fluss", das sich der "Starbuckisierung" (Khalisi) der Städte widmet: Wieviel Heimat lässt der moderne Kapitalismus übrig?

Nicht alles wird anders. Das Calderón-Spiel in der Alten Hofhaltung zeigt mit einer Bearbeitung von Grimmelshausens "Simplicissimus" einen weiteren urdeutschen Klassiker. Klassisch ist auch das Familienstück vor Weihnachten: Gerdt von Bassewitzens "Peterchens Mondfahrt", und die Jugend wird mit dem von Petra Wüllenweber eigens geschriebenen Drama über die Droge Crystal Meth, "Auf Eis", bedient. Sowie umfangreichen theaterpädagogischen Angeboten.

Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen der Stadt steht auf der Agenda der neuen Intendanz, ein veränderter Spielrhythmus, Neuerungen wie ein "Bamberger Salon" oder studentische "Theaterscouts": An Ideen und Initiativen mangelt es gewiss nicht. Eines allerdings will Sibylle Broll-Pape nicht: ein Theater, das Antworten gibt. "Ein Theater soll Fragen stellen."

Das Programmheft der Spielzeit 2015/16 gibt es als Download auf www.theater-bamberg.de.


Kommentar von Rudolf Görtler: "Viel Ehrgeiz und Mut zum Risiko"

In der Provinz ist alles kleiner - nicht unbedingt unaufgeregter -, und so bleibt hauptstädtischer Theaterdonner einer eher behäbigen Domstadt erspart. Um es ein letztes Mal zu sagen: Die neue Intendantin am E.T.A.-Hoffmann-Theater mag sich mit ihrer Personalpolitik unbeliebt gemacht haben. Aber sie hatte das von ihrem Arbeitgeber abgesegnete Recht dazu.
Wenn Sibylle Broll-Pape in Bamberg erfolgreich agiert, werden ihre Einstands-Friktionen rasch vergessen sein. So viel lässt sich nach der Vorstellung ihres Spielzeit-Programms jetzt schon sagen: An künstlerischem Niveau und Ehrgeiz mangelt es gewiss nicht. 15 Premieren, davon sieben Uraufführungen und eigene Bearbeitungen, Akzent auf Zeitgenössischem - da tut sich was. Am besten nähert man sich dem Programm ex negativo. Es gibt keine Operetten, keine Musicals, keine Liederabende. Und es gibt keine Boulevardkomödie, keinen Loriot, nichts Leichtes aus Frankreich oder Großbritannien. Stattdessen eher sperrige Stücke, freilich auch ein Klassiker und ein viel versprechendes Open-Air-Spektakel.

Das ist unbedingt lobenswert. Ob es funktioniert im Sinne ausreichender Besucherzahlen, wird sich zeigen. Die Intendantin will das Publikum verjüngen, hat zwölf neue junge Schauspieler/innen und junge Regisseure/innen engagiert (erstmals sind Frauen in der Überzahl). Das verspricht frisches Blut und Schonung des Etats. Dennoch bekennen Intendantin und Dramaturg, dass diese erste Spielzeit künstlerisch und ökonomisch an die Grenzen geht.

Was dem Publikum nur recht sein kann. Der neuen Leitung und den vielen neuen Mitgliedern im Ensemble bleibt zu wünschen, dass es mitspielt.