Endlich mal ein Musical, dessen Handlung man in- und auswendig kennt, ohne es je gesehen zu haben, ja, man freut sich auf vordem unbekannte Personen und Szenen auf der Bühne der Staatsoper. Wie das? Billy Wilders Filmkomödienklassiker "Manche mögen's heiß" mit Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon kennen alle.
Was dem Zuschauer recht ist, muss den Musical-Machern nicht billig sein. Wie aus dem wohl bekannten Stoff noch Funken schlagen? Die Adaption von Jule Styne und Peter Stone, 1972 am Broadway mit gutem, aber nicht überragendem Erfolg uraufgeführt, hält sich eng an den Film. Thomas Enzinger, vor allem seinem Bühnenbildner Toto, aber auch dem musikalischen Leiter Volker Hiemeyer und dem Choreographen Ramesh Nair, gelingt es mit immer wieder überraschenden und zündenden Ideen, zweieinhalb Stunden pures Vergnügen aus der Vorlage zu destillieren.
Freilich - einen gewissen naiven Sinn für Albernheiten, für allerdings sehr dezent und jugendfrei gehaltene Zweideutigkeiten auch, muss man schon mitbringen. Und aus den in Frauenkleidern steckenden Männern keinen Gender-Diskurs machen wollen. Es ist einfach ein Riesenspaß ums ewige Thema Mann - Frau mit Sozialkritik in homöopathischen Dosen. Wobei das Valentinstag-Massaker im korrupten und von Gangstern gepeinigten Chicago des Jahrs 1929 die historische Folie des Geschehens abgibt.
Doch die Mafiosi in ihren Nadelstreifenanzügen agieren eher wie die Dalton Brothers, wenn sie, ein Super-Einfall, im Stepptanz über die Bühne fegen. Man freut sich auf jeden Auftritt von Gamaschen-Colombo und seiner Bande. Robert Johansson gibt den mit einem dicken Batzen Ironie, so wie in den Hauptrollen der Musicalstar Sophie Berner als Sugar Kane, als Joe/Josephine Andreas Köhler und als Jerry/Daphne Oliver Severin tänzerisch, schauspielerisch und als Sänger glänzen. Klar hat man immer Marilyn Monroe als Sugar vor dem inneren Auge, und die mit weiblichen Rundungen nicht ganz so üppig ausgestattete Sophie Berner hat es schwer, dagegen anzukämpfen. Aber spätestens wenn sie "I Wanna Be Loved By You" säuselt, vergisst man ob der gezeigten Professionalität die innere Marilyn.


Lustgreis Sir Osgood Fielding

Der heimliche Star von "Sugar" ist jedoch der Platzhirsch im Ensemble, Heldentenor Richard Kindley, als Millionär Sir Osgood Fielding. Er gibt hinreißend den alten verliebten Gockel, so wie die arthrotisch ungelenke Tanznummer der angejahrten Millionäre am Strand ein Höhepunkt dieser wunderbaren Inszenierung ist. Wozu vor allem auch Toto mit seinen Hängedekorationen beiträgt: Chicago, der Schlafwagen, die Jacht "New Caledonia" mit einem am Bühnenrand herumschwebenden Fisch - das ist alles einfach, aber bestechend.
Wenn Daphne durch den Rollenwechsel schon so desorientiert ist, dass sie nicht mehr weiß, ob sie Männlein oder Weiblein ist, laufen sie und ihr Partner so richtig zur Hochform auf. Zuvor hat das Orchester unter Volker Hiemeyer mit jazziger, bläserdominierter Musik die rechte Basis gelegt für die Tanz- und Gesangsnummern à la "November Song" (der Millionäre). Auch die resolute Chefin der Damenkapelle, Sweet Sue (Marianne Larsen), und der linkische Manager Bienstock (Thomas Peters) halten das Niveau, bis Sir Osgood zu einer konsternierten Daphne, die ihm ihr wahres Geschlecht offenbart, sagt: "Nobody's perfect!" Eine zu Recht heftig beklatschte Adaption.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen
4., 6., 23. November, 3., 20., 23., 27., 31. Dezember und bis April 2017
Karten Tel. 0180/5231600, E-Mail: info@staatstheater.nuernberg.de
Dauer
ca. 2 Std., 50 Min., eine Pause