Eigentlich mag der Oberfranke gern in der Provinz leben - er mag es nur nicht gesagt bekommen, schon gar nicht öffentlich und von oben herab. Was war passiert? Katharina Wagner hat sich geäußert. Täglich verfluche sie ihren Urgroßvater dafür, dass er das Festspielhaus "in der Abgelegenheit von Bayreuth" errichtet hat. "Alles ist so schwer zu erreichen." Äußerungen, die die Festspielleiterin in einem Interview mit dem Magazin "Spiegel" tat. Viel mehr Öffentlichkeit geht nicht für eine "Schmähung" der Heimat, wie es Bürger unisono mit lokalen Medien nennen.

Da nutzt es jetzt auch wenig, dass die Leiterin der Festspiele zu relativieren sucht. Sie habe mit der schweren Erreichbarkeit die Bahn gemeint. Die habe Bayreuth schließlich abgehängt. Das hätten ihr gegenüber schon zahlreiche Besucher von auswärts moniert.

Stimmt schon: In Sachen Zug anbindung ist die Wagnerstadt nur äußerst suboptimal bedient, was der abgewählte Oberbürgermeister Michael Hohl (CSU) vor Monaten auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer und Bahnchef Rüdiger Grube verdeutlichen wollte. Mehr als eine vage, in eine unbestimmte Zukunft deutende Absichtserklärung hinsichtlich einer Elek trifizierung der Strecke Hof-Nürnberg kam nicht dabei heraus. Ob die Bahn nun den angeblich mahnenden Worten der Festspielleiterin mehr Gehör schenkt, bleibt abzuwarten. Fest steht: Die Volksseele kocht - zumindest köchelt sie.

Ausgerechnet Katharina Wagner, in Bayreuth geboren und aufgewachsen, mittlerweile mit Ab-und-zu-Wohnsitz in Berlin: Ausgerechnet sie verunglimpft Bayreuth! Ausgerechnet jetzt, kurz vor Auftakt der Festspiele! Zur Unzeit! Finden nicht nur aufgebrachte Wagnerianer, das findet auch die amtierende Rathauschefin Brigitte Merk-Erbe (Bayreuther Gemeinschaft/BG). Und zwar verwunderlich. Sie frage sich, ob hier nicht durch gezielte Provokation von "anderen Problemen" abgelenkt werden soll.

Der Disput wirft einen Schatten auf die Promi-Auffahrt am kommenden Mittwoch. Dann werden sich auch Merk-Erbe bei ihrer Premiere als höchste Vertreterin der Stadt und Katharina Wagner direkt begegnen. Es gilt als offenes Geheimnis, dass das Verhältnis der beiden Damen nicht unter dem glücklichsten Stern steht. Es soll Äußerungen gegeben haben, die Oberbürgermeisterin und ihr Gatte seien auf dem Grünen Hügel nicht besonders willkommen. Hintergrund: Der Ehemann der Oberbürgermeisterin hatte früher als Journalist mehrfach nicht sonderlich schmeichelhaft über das Gebaren des Wagner-Clans berichtet.

Öl ins Feuer goss Brigitte Merk-Erbe jüngst auch noch mit dem Antrag, eine entsprechende Vereinbarung zur Sanierung von Haus "Wahnfried", Wagners Wohn- und Musentempel in Bayreuth, zu vertagen. Grund: ungeklärte Kostenlage. Was die Festspielhaus-Renovierung kos tet, weiß man: rund 50 Millionen.

Sollten es Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier bei der Promi-Auffahrt halten wie im Vorjahr, dann dürften sich die Blicke der Hausherrinnen und der OB ohnehin nur kurz kreuzen: 2011 hatten sich die Halb-Schwestern gerade mal eine Minute öffentlich unterm Königsportal blicken lassen, was nicht wenige im Publikum zu Spekulationen veranlasste. Und zu Buh-Rufen.

Ob Katharina Wagner ihre aktuellen Äußerungen vor die Füße fallen, wenn es um die Verlängerung ihres Vertrags als Festspielleiterin geht? Bei der Vorstellung des Programms zum Wagner-Jubiläum im nächsten Jahr deutete sie an, auch nach 2015 weitermachen zu wollen. Doch da hat der Verwaltungsrat ein Wort mitzureden. Jeweils zwei Vertreter von Bund, Freistaat, Stadt und der Gönner-Organisation "Freunde von Bayreuth" sind stimmberechtigt, wer die Zügel am Hügel halten darf. Wie lange sich die Ratsmitglieder die "Provinz"-Posse dieser Tage wohl merken können?