Noch gibt es in Bamberg für die Anhänger der wohl reinsten musikalischen Kunst die Garantie, hochkarätig auf ihre Kosten zu kommen. Ob Musikverein oder Symphoniker, die Kammermusik behauptet ihren fast elitären Stellenwert, und die Debatte darüber, ob man ihr eine adäquatere Heimstatt als den zwar schönen, aber etwas zu großen Keilberthsaal gönnen möchte, ist allein schon ein Indiz für die Bedeutung der Pflege des klein besetzten Musizierens in der Domstadt. Der gute Zuspruch zum vorletzten Konzert der symphonischen Kammermusikreihe bewies, dass der Bedarf an Darbietungen dieser fast schon heiligen Gattungen da ist, und das trotz "widrigster" Bedingungen: die Versuchung, sich am Sonntagnachmittag zur Tea Time in den Frühlingsgarten zu setzen, statt sich der Strenge eines musikalischen Hochamtes namens "Kunst der Fuge" zu unterwerfen, ist kaum zu unterschätzen.

Bei der Darstellung von J.S. Bachs Opus summum stellt sich nicht nur die Frage des Instrumentariums, sondern auch jene der Spielweise. Das Eine bedingt das Andere, denn auf dem Cembalo oder einer Orgel - denkbare und wahrscheinliche Interpretationsmedien - ist nun einmal die expressive Veränderung der Töne nicht möglich. Hier müssen eine vorab festgelegte Registrierung und eine sinnvolle Artikulation alles leisten, denn die Töne selbst sind "plan". Das hat zwar seine Qualitäten, aber von unbestreitbarem Reiz ist es auch, Bachs kontrapunktische Finessen bisweilen von modulationsfähigeren Instrumenten näher gebracht zu bekommen, sei es nun von einem Saxophonquartett (längst ein Klassiker!) oder von einem Streichquartett.

Konzertmeister Bart Vandenbogaerde und seine symphonischen Mitstreiter(innen) Angela Stangorra, Wolfram Hauser und Verena Obermayer wagten sich an die letztgenannte Version und demonstrierten vom ersten Takt an die Triftigkeit dieser Besetzung. Wenn die Töne aufblühen können, fächert sich die Dynamik tiefer und weiter, und die Expressivität kennt kaum noch Grenzen. Als Binnenkontrast in der Programmfolge erklang nach dem Contrapunctus 7 Jörg Widmanns "Versuch über die Fuge" in der Besetzung Streichquartett mit Sopran. Fragende Aufschreie der Sängerin (fulminant: Martina Welschenbach) wurden beantwortet durch kontrapunktische Versuche, außermusikalische Mittel traten hinzu. Fast-Zitate aus der "Kunst der Fuge" betonten das Fragmentarische dieser Komposition, die sich später auch nicht scheute, auf Sequenzen und extensives Auskosten der Chromatik als Stilmittel zurückzugreifen.

Erfrischend geriet nach Pause die Gestaltung der Kanons, deren unerbittlicher Duktus zugunsten geradezu galanter Elemente aufzubrechen schien. Allerdings gebietet die Strenge der Form auch eine analoge Artikulation. Was der Primarius recht flüssig vortrug, ahmte der Bratschist etwas abgesetzter nach, beides geriet jedoch musikalisch überzeugend. Die Version, nach dem Abbrechen im unvollendeten Contrapunctus 14 den Choral anzuschließen, ist üblich, quasi als Trost.