Was geht uns Heutige das noch an? Ein "Fluch" wegen Verstrickungen der Ahnen, Kannibalismus inklusive, Gatten- und Vatermord in einem Schicksalsgeflecht, das von menschlichen Affekten beileibe nicht abholden Göttern gewebt wird - Schuld ohne Verschulden, Rachedurst?
Dies alles ist Thema der "Orestie" des Aischylos, einer vor zweieinhalbtausend Jahren entstandenen Dramentrilogie aus Athen. Warum diese atavistischen Triebe und Verhältnisse noch auf die Bühne bringen und wie? Ist das alles nicht ein bisschen lächerlich? Das ist es nicht. Unter einer dünnen zivilisatorischen Firnis tobt der alte Adam nach wie vor. Der kann sich halbwegs gebändigt  unter Polizeischutz - ausleben, wie jedes Wochenende in jedem Fußballstadion zu beobachten ist, oder wenn sich der autoritäre Charakter in Online-Kommentaren auskotzt. Er kann jedoch auch Blut vergießen und massakrieren, ein Blick auf den Balkan oder in den Nahen Osten genügt.
Die Themen der antiken Tragödie sind also hoch aktuell. Und wie sieht's mit der Form aus? Dem Regisseur Peter Bernhardt und einem offensichtlich hoch motivierten Team ist am E.T.A.-Hoffmann-Theater eine zeitgemäße, ja beispielhafte Inszenierung gelungen. Hinreichend historisch ohne Verstaubtheit, modern ohne Vergewaltigung des Textes, ohne zwangsneurotische Modernisierung. Die antike Geschichte gebiert im Kopf des Zuschauers von ganz allein Assoziationen zur Gegenwart - ohne dass er darauf gestoßen wird.
An der Verständlichkeit dieser Bamberger Fassung hat die gewählte Übersetzung (von Dietrich Ebener) großen Anteil. Sie ist klarer, härter als frühere, nimmt der gebundenen Sprache jedoch nichts von ihrer Schönheit. Das Bühnenbild (Monika Maria Cleres) mit den stilisierten Säulen zitiert neoklassische Wucht, Rampe und Graben symbolisieren Ober- und Unterwelt. Die Chöre, einleuchtend gekürzt, verstecken sich hinter riesigen Masken, antikisierende Musikeinspielungen sind so dezent eingesetzt, wie die Kostüme (Cleres), teils historisch, teils modern, stets plausibel wirken.
Was diese Inszenierung jedoch zum Erlebnis geraten lässt, sind die durchweg hervorragenden Schauspieler. Das beginnt bei Stefan Dzierzawa, eigentlich nur Statist, der erstaunliche Textmengen rezitiert, und hört bei Ulrich Bosch, der als Diener auch einmal einen heiteren Akzent im düsteren Geschehen setzen darf, lange nicht auf. In Rebecca Kirchmanns Klytaimestra lauern Tücke und Unheil vom ersten Auftritt an, Eckhart Neuberg gibt den Agamemnon gravitätisch machohaft, Stephan von Sodens Aigisthos ist halbseiden mafiös, Olivia Sue Dornemann (Elektra) sah man in Bamberg noch nie so giftig und bösartig.
Besonders Thomas Jutzler als Orest ist ganz großartig. Wenn er wie ein Alkoholiker im Delir mit aufgerissenen Augen die Erinnyen imaginiert - das ist beklemmend. Karoline Bärs Kassandra ist gebührend verhärmt-verzweifelt, Florian Walter spielt Apoll als geleckten Dandy, Eva Steines blasses Gesicht spiegelt alles Leid dieser aus den Fugen geratenen Welt.
Kunstblut spritzt reichlich im schrecklichen Geschehen. Klytaimestra meuchelt den Gatten Agamemnon, Orest seine Mutter Klytaimestra und deren Liebhaber Aigisthos, und so könnte es weitergehen bis ins letzte Glied der fluchbeladenen Atriden, wenn da nicht die Göttin Athene (wieder Karoline Bär) ein Gericht einberiefe, das Orest freispricht. Gatten- wiegt schwerer als Muttermord, aber Blutrache ist durch so etwas wie einen Rechtsstaat abgelöst worden. Inwieweit sich hier der Umschwung von einer matri- in eine patrilineare Ordnung widerspiegelt: Das sei der Debatte von Fachgelehrten überlassen oder der Spekulation jedes Einzelnen. Für den Genuss dieser "Orestie" ist der historische Hintergrund zweitrangig. Die nackte Emotionalität, die virtuos auf die Bühne gehobenen menschlichen Leidenschaften sorgen dafür, dass man sich in zweieinhalb Stunden keine Sekunde langweilt.

Weitere Termine 7.-12., 17.-19. Februar, 2.-4. März. Karten unter Tel. 09 51/ 87 30 30, E-Mail kasse.theater@stadt.bamberg.de