Es ist vermessen, einen 800-seitigen Roman in einer gut halbstündigen Lesung kennen lernen zu wollen. Allenfalls ein Hauch, eine Ahnung vor allem der sprachlichen Force des Werks bleibt bestehen. Das wissen auch die Zuhörer. Was treibt sie also zu solchen Veranstaltungen?
Es dürfte die Neugier auf die Person des Autors sein. Was für einer sitzt da oben, wie gibt er sich, wie spricht er, ja, wie sieht er aus? Im Falle Feridun Zaimoglus, der am Montagabend beim Bamberger Literaturfestival gastierte, mussten sich die zahlreichen Zuhörer in den Haas-Sälen gedulden. Denn der in Kiel lebende Autor war dem retardierenden Moment der Deutschen Bahn unterworfen und musste per Eilkommando in Würzburg abgeholt werden.
Die durchaus noch erträgliche Verspätung nutzte Nevfel Cumart mit charmanten Vertröstungen. Wer sonst als der in Bamberg lebende deutsch-türkische Autor wäre besser geeignet, einen Abend zu moderieren, der dem "Spagat zwischen zwei Kulturen" (Cumart) eine Stimme geben w(s)ollte? Wobei der 1964 in Nordanatolien geborene Zaimoglu ja zweifellos und auch nach eigener Einschätzung Deutscher ist und in der deutschen Kultur wurzelt. Aber eben nicht nur. Vor allem durch seine Eltern kennt er die Türkei, interessiert sich fürs Osmanische Reich und die eigenen Vorfahren. Sein Roman "Leyla", eines von mehr als 20 bisher veröffentlichten Büchern des vielfach ausgezeichneten Autors, zeichnete den Weg der Mutter von Ostanatolien nach Deutschland, auch eine Emanzipationsgeschichte. "Siebentürmeviertel", sein jüngster Roman mit 800 Seiten und rund 80 Haupt- und Nebenfiguren, ist nach Meinung vieler Rezensenten das dem Vater gewidmete Pendant.
Protagonist des 1939 und 1949 in einem Istanbuler Bezirk spielenden Romans ist der sechsjährige Wolf, der mit seinem Vater, einem "kaisertreuen Sozialdemokraten", im türkischen Exil lebt. Wie überhaupt die Geschichte der vor den Nazis ans Goldene Horn geflohenen deutschen Intellektuellen, darunter große Namen wie Paul Hindemith und Fritz Reuter, wenig bekannt ist. Der Bub muss im Hause des Abdullah Bey und im proletarischen Siebentürmeviertel mit seinem Gemisch aus Nationalitäten und Religionen bald allein zurechtkommen. Es entsteht ein Kaleidoskop der Mikrowelt in 99 Kapiteln, die anspielen auf die 99 "schönen Namen Gottes" im Sufismus, ein sprachmächtiger Entwicklungs- und Bildungsroman.
Zaimoglu, der über eine schöne, wohl tönende Stimme verfügt, las Passagen aus Schulszenen, die ebensogut auch im Deutschland der 1930er Jahre hätten spielen können. Ian Mc-Ewan lässt in "Nussschale" einen Fötus zu Wort kommen, warum soll also nicht ein Sechsjähriger in einem unendlichen Wortschwall, dem Paradoxon eines hörbaren Stream of Con-sciousness, in einer eigenen, hoch poetischen Sprache die Welt entwerfen? Allerdings riskiert der Autor mit diesem Verfahren, in Geschwätzigkeit abzugleiten oder, noch schlimmer, in Monotonie und Langeweile. Respekt vor all jenen, die sich durch die 800 Seiten des "Siebentürmeviertels" durchgekämpft haben!


Frühe Flegelhaftigkeit

Im Gespräch gab sich Zaimoglu als gereifter Mann, der das Image als "Malcolm X der Türken" abgelegt hat, einst ein Medizinstudium begann, viele Theaterstücke verfasst hat - "das lehrte mich szenisches und dialogisches Schreiben" - und sich der bildenden Kunst widmet. Motiv: Frauen, "Männer interessieren mich nicht". Das flegelhafte Verhalten seiner frühen Jahre verurteilt er heute: "Wer es ernst meint, muss das Handwerk beherrschen." "Siebentürmeviertel" thematisiert auch türkische Tabuthemen wie den Mord an den Armeniern. Der Autor war aber so ehrlich einzuräumen, dass der Hauptgrund für eine wohl nicht so bald zu erwartende türkische Ausgabe seines Buchs schlicht dessen Umfang ist. Sein nächstes Werk, "Evangelio", wird sich mit Martin Luther auf der Wartburg beschäftigen. Feridun Zaimoglu ist eben doch ein "richtiger" Deutscher.