Die erste Assoziation ist: Arche. Der stromlinienförmige Aufbau der ungeheuren Komposition drängt dem Betrachter aus der Distanz das Bild in Auge und Hirn. Sechs Meter lang ist die Puzzlecollage "#65 1 MB - P" und 2,40 Meter hoch. Sie hängt in der Mürsbacher Kunstmühle und ist bis Oktober zu sehen.

Angenehm überrascht wird jemand, der zum ersten Mal diese Kunstmühle im oberfränkischen Itzgrund besucht. Idyll im milden Spätsommerlicht, viel Grün das Flüsschen entlang, verschlafene Ruhe, zwei alte Damen vor dem Haus, ein freundlicher Hofhund. Das soll ein Hort für (gemessen an großstädtischer Konkurrenz) satisfaktionsfähige Kunst sein? Jawohl, dem ist so. "Information reist schnell", weiß Thomas Eller, Sohn des Kunstmühlen-Betreiberpaars Carola und Heinz Eller. Und nicht nur Information. Den 48-Jährigen beneidet man um eine Wohnung im New Yorker East Village, sein Atelier hat er in Berlin-Kreuzberg, die umgebaute Mühle in Mürsbach - Turbinen erzeugen immer noch Strom - ist für ihn eine "Kraftquelle".

Und willkommene Galeriefläche. Seit 2003 organisieren die Ellers dreimal im Jahr in ihrer umgebauten und renovierten ehemaligen Getreidemühle Ausstellungen: Malerei, Objekte, Skulpturen. Bekannte Namen waren dabei wie Günter Grass oder Documenta-Teilnehmer Werner Knaupp. Aktuell ist es Thomas Eller in Kooperation mit seinem Kollegen Gerhard Mayer. "Space Rokoko" haben sie ihre Exposition benamst, so den Kontrast oder meinethalben das Hin- und Heroszillieren zwischen Realität und Illusion thematisierend.

Puzzeln in drei Dimensionen

Der 1962 geborene Mayer studierte an der Nürnberger Akademie der bildenden Künste und lehrte dort auch. Beeinflusst von amerikanischen Pop-Art-Künstlern wie Jess Collins und Al Souza, verwendet Mayer als "Elementarteilchen" - die Anspielung auf Houellebecqs Skandalroman ist originell - banale Puzzlestücke, wie sie ein süddeutscher Verlag millionenfach vertreibt. Von dem bezog der Puzzlekünstler für sein Monumentalwerk auch ca. 100.000 Teilchen. Bei Mayer mäandern die verklebten Stücke auch in die dritte Dimension, bilden Wellen, zeigen mal psychedelisches Wabern, mal eine Stadt, mal ineinander verschlungene Farbmelangen, mal persiflieren sie, wie auf einer kleineren Puzzle-Collage in der Ausstellung, van Goghs Sonnenblumen. Im ersten Stock dann Ölgemälde des Nürnbergers, kunstvoll in den Raum arrangiert, die des Künstlers Faszination für die Ellipse widerspiegeln.

In einer Gemeinschaftsarbeit wollten die Aussteller "Struktur organisieren", wie Eller sagt. Mit Mayers elliptischen, streng schablonierten Figuren neben verfließenden Selbstporträts Ellers, montiert auf Dibond, Aluminium-Verbundplatten. Aber auch Mosaiken formt er, die Steine wie Foto-Pixel einsetzend. Eller fotografiert seine Objekte, sehr oft sich selbst, arrangiert sie am Computer, lässt sie auf Dibond drucken und arrangiert sie neu in drei Dimensionen. So wird der Fotografie das Element der Zeit genommen, argumentiert er; der Betrachter formt aus der inszenierten Realität eine neue. In der Tat wird die Wirklichkeit durch die Arrangements zur Kenntlichkeit entstellt, scheinbar Selbstverständliches in Frage gestellt, mitunter auch dämonisiert.

Da wirkt die Bacchus-Version im verwilderten Garten, diese Symbiose aus Künstlichkeit und Natur, bei allem Befremden über die säurezerfressene Gestalt, doch wieder wie selbstverständlich. Es ist eben doch ein Mühlen-Idyll.

Zur Ausstellung: Thomas Eller/Gerhard Mayer: Space Rokoko. Kunstmühle Mürsbach, Mühlstr. 8-10, bis 21. Oktober.
Öffnungszeiten: jeden Sonntag und Feiertag von 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung.
Kontakt: Tel. 09533/8153, E-Mail galerie@kunstmuehle.org, Internet www.kunstmuehle.org