Es hätte eine Schmonzette werden können, Betroffenheits-Kitsch. Mit gemischten Gefühlen erwartete man diese erste deutsche von mehreren Verfilmungen des über 70 Jahre alten Weltbestsellers "Das Tagebuch der Anne Frank". Doch Regisseur Hans Steinbichler ist das Kunststück gelungen, mit Dezenz einen vor allem auch für ein junges Publikum geeigneten Film zu drehen.
Die Geschichte ist ja bekannt, wovon lange Schlangen vor dem Amsterdamer Anne-Frank-Haus zeugen. Die Familie des jüdischen Geschäftsmanns Otto Frank war auf der Flucht vor den Nazis zunächst von Frankfurt nach Amsterdam emigriert und verbarg sich seit dem 6. Juli 1942 zusammen mit anderen Flüchtlingen im Hinterhaus der Prinsengracht 263, als die Tochter Margot (Stella Kunkat) ins Arbeitslager soll. Ihre Schwester Anne (Lea van Acken) führte zwei Jahre lang Tagebuch, das der Vater, der als Einziger der Familie den Holocaust überlebte, nach dem Krieg herausgab.
Anne schildert das Leben im engen Versteck, ihre Familie, ihr Erwachsenwerden, ihre Probleme mit der Mutter und den Leidensgenossen, einer weiteren jüdischen Familie und einem Zahnarzt. Der Film verschweigt auch nicht jene Passagen des Tagebuchs, etwa zu der erwachenden Sexualität Annes, die Otto Frank zunächst entfernt hatte und die erst in späteren Ausgaben veröffentlicht wurden.
Die Geschichte ist zunächst naturgemäß die eines pubertierenden Mädchens. Wir sehen Anne als durchaus schwierige Tochter mit einem reichlich frühreifen Blick auf die Welt und ihre Mitmenschen, mit erster Liebe und Trotzphasen - den Eltern und den Verfolgern gegenüber. Des Öfteren werden "Tagebuch"-Passagen zitiert. Nicht nur da erstaunt die junge Hauptdarstellerin mit einer stupenden schauspielerischen Reife. Die Routiniers Ulrich Noethen als Vater und die scheint's unvermeidliche Martina Gedeck als Mutter liefern erwartbare Leistungen. Der Film überzeugt insbesondere durch die Zurückhaltung, mit der er die klaustrophobischen Schrecken der zweijährigen Gefangenschaft inszeniert oder die Angst während der Bombennächte. Auch die unvermeidbaren Reibereien der Geflüchteten in drangvoller Enge - man denke an die Massenunterkünfte heute - werden ein-, jedoch nicht aufdringlich thematisiert. Meisterhaft gelungen ist der Schluss mit einer fast unterkühlten Verhaftung durch Nazi-Schergen, nachdem die Familien verraten worden sind, und eine Szene, in der Anne im Lager die Haare geschoren werden als Parabel für alle noch kommenden Schrecken. Ein rundum empfehlenswerter Film also, fast: Die Musik Sebastian Pilles konterkariert die oft kühle Dramaturgie - das Drehbuch stammt vom Routinier Fred Breinersdorfer - mit sülzigen, kitschnahen Simpel-Harmonien.