Es steht außer Zweifel, dass alle, die an einem 29. Februar geboren wurden, irgendwie benachteiligt sind. Denn selbst wenn sie am 28. Februar und/oder am 1. März Geburtstag feiern, bleibt der Beigeschmack, dass es nur eine Behelfslösung ist. Deshalb widme ich diesen Blog-Beitrag stellvertretend für alle Schaltjahrgeschädigten Gioachino Rossini (*1792), der, was kaum überraschen wird, allerhand Berührungspunkte mit Richard Wagner hatte. Sprich: Erstens sind beide - Wagner mehr, Rossini weniger -mündlich bzw. schriftlich übereinander hergefallen. Und zweitens hat Wagner Rossini in Paris sogar einmal besucht, worüber es ein empfehlenswertes Hörbuch von Konrad Beikircher gibt (tacheles! bei Roof Music, 63 Minuten, 19,95 €).

Zugegeben, nach dem ersten Hineinhören war ich geneigt zu sagen: Chapeau, Herr Beikircher, das ist gut erfunden! Die Suche im Internet und in der unverzichtbaren, von Sven Friedrich herausgegebenen, inzwischen vergriffenen digitalen Wagner-Bibliothek belehrte mich allerdings schnell eines Besseren: Weder Edmond Michotte noch seine mit dem Titel "La visite de R. Wagner à Rossini" veröffentlichten Aufzeichnungen sind ein Fake. Das penibel protokollierte Treffen der Musiktitanen Gioachino Rossini (1792-1868) und Richard Wagner (1813-1883) fand im März 1860 statt. Ja, mehr noch: Bei der Gelegenheit wurde der zeitweilige Adlatus Rossinis vom damals 46-jährigen Wagner auch prompt angepumpt, wovon spätere Briefe zeugen.

Trotzdem ist es erstaunlich, dass dieser Text - dieser Schatz - so lange ungehoben in den Archiven schlummerte. Vermutlich liegt es daran, wie sein Übersetzer und Rezitator Konrad Beikircher treffend feststellt, dass dieses sensationelle Gespräch bislang nur Musikwissenschaftlern bekannt war. "Und die sind, wie man weiß, nicht immer sehr kommunikativ." Beikircher ist - beim Teutates! - von einem anderen Schlag. Er schreibt und spricht, wie ihm bzw. den von ihm Zitierten der Schnabel gewachsen ist bzw. vermutlich war. Das ist geistreich, spannend, unterhaltsam, witzig und sogar idiomatisch ein Genuss, denn Wagners nicht übertriebenes Sächseln hört sich ebenso authentisch an wie ein Rossini, der zuweilen doziert, als wäre er Marcel Reich-Ranicki höchstselbst.

Im Vorwort des Hörbuchs "Wagner versus Rossini" erläutert Konrad Beikircher, wie das Treffen dieser zwei Giganten aus unterschiedlichen Opernwelten zustande kam. "Im Vorfeld sind die beiden schon übereinander hergezogen, dass es nur so krachte." Wagner hatte vernichtende Aufsätze über Rossinis Opern geschrieben, der konterte unter anderem mit dem Satz: "Bei Wagner gibt es schöne Momente - aber fürchterliche Viertelstunden." Wagner buhlte damals um Protektion, Rossini empfing ihn offen, war neugierig auf den jungen, umstrittenen Opernerneuerer, den er insgeheim sehr schätzte, und so tolerant, dass das im Booklet komplett abgedruckte Gespräch auch heute seine Wirkung nicht verfehlt.

Hier, in der lebendigen Rede, versteht man Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk unmittelbar und lernt mit Vergnügen, dass der sächsische Zukunftsmusiker unerwartet bei diesem italienischen und vermeintlichen Antipoden auf Musik der Zukunft stieß. In "Eine Erinnerung an Rossini" sollte Wagner am 17. Dezember 1868 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung schreiben: "Hiermit und durch die heitere, doch ernstlich wohlwollende Art, in welcher Rossini sich ausgesprochen hatte, machte er den Eindruck des ersten wahrhaft großen und verehrungswürdigen Menschen auf mich, der mir bisher noch in der Kunstwelt begegnet war."

Es stimmt, was Konrad Beikircher im Booklet-Vorwort schreibt: "So offen, so neugierig, so tolerant sind selten zwei Jahrhunderte aufeinander getroffen - und das obendrein in lebendiger Rede, weil das Gespräch vom braven Michotte wortwörtlich protokolliert worden ist. Dass die beiden obendrein witzig aufeinander reagieren, miteinander Florett fechten, sich einfach brillant und intelligent miteinander unterhalten, ist in einer Zeit, in der wir mit brillanter Unterhaltung wahrlich nicht verwöhnt werden, grandios."

Dass die beiden sich auch in anderer Hinsicht unterschieden, wusste Wagner nur zu gut. Zum 8. April 1880 notierte seine Frau Cosima in ihrem Tagebuch: "Es gelangen Briefe an ihn über den Erfolg des Lohengrin in Rom, und wie wir scherzhaft darüber sprechen, sagt er: ‚Gott, wir sind undankbar, das erinnert mich an Gaspérini, welcher mir sagte, ich sei unmöglich zu befriedigen; wenn Rossini ein gutes Beefsteak bekommt, so freut er sich dessen und dankt Gott dafür, Sie beachten so etwas gar nicht."

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Adolphe Appia, der reformatorische und für die Wagnerinterpretation zukunftsweisende Schweizer Bühnenbildner, Architekt und Theaterästhetiker am 29. Februar 1928 in Nyon gestorben ist. Eine Beschäftigung mit seinem theoretischen und theaterpraktischen Werk, das in Publikationen des Alexander Verlags Berlin umfassend dokumentiert ist, lohnt sich garantiert. Auch Regisseur Robert Wilson bezieht sich konkret auf ihn: "Appia hat mir den Mut gegeben, das zu tun, was ich mache. Er ist für uns alle im modernen Theater sehr wichtig. Sein Theater ist architektonisch konstruiert, mit einer unverhüllten Dynamik und schönen Proportionen. Sein Licht für die Bühne ist von der Architektur her gedacht, mit starken, kraftvollen Linien. Er hat ein komplettes Vokabular für das Theater entwickelt."