Der Maler und "Parsifal"- Ausstatter Paul von Joukowsky, der am 12. Februar das letzte Porträt des lesenden Wagner gezeichnet hatte, übernahm vorübergehend im Palazzo Vendramin das Kommando, ordnete das an, was im Trauerhaushalt notwendig war - zusammen mit Hausarzt Dr. Friedrich Keppler und Cosimas ältester Tochter, der inzwischen 22-jährigen Daniela von Bülow. Zuallererst wurde Adolf Groß in Bayreuth verständigt, der unermüdliche Freund und Helfer der Familie in allen Rechts- und Finanzfragen. Das Telegramm mit der Nachricht "Meister verschieden, kommt sofort" traf noch am Todestag gegen 20 Uhr in Bayreuth ein. Groß und seine Frau Marie reagierten sofort, wie Richard Graf Du Moulin Eckart ihn in seiner zweibändigen Cosima-Wagner-Biographie von 1929/31 zitiert:

"Gegen elf Uhr Nacht passierte um diese Zeit der Berlin-Münchener Zug die Station Neuenmarkt, die mit Fuhrwerk noch zu erreichen war. Wir machten uns reisefertig und fuhren mit dem eigenen Gespanne nach Neuenmarkt, wo wir gerade noch den Schnellzug besteigen konnten. In München erwartete uns Herr von Bürkel, der damalige Hofsekretär des Königs, zu einer Rücksprache. Gegen elf Uhr ging der Schnellzug nach Italien weiter und gegen zwei Uhr morgens erreichten wir Venedig, wo wir von Herrn Joukowsky und dem Diener Lang empfangen und ins Trauerhaus Palazzo Vendramin gebracht wurden."

"Dort fanden wir Daniela", berichtet Groß weiter, "die uns sofort in ein kleines Zimmer führte, in dem ihre Mutter angekleidet mit verschlossenen Augen auf einem Bette lag. Wir erlaubten uns teilnehmenden Begrüßungsworten Ausdruck zu geben und erhielten von der Dulderin nur als Antwort: ‚Ich übergebe Euch die Kinder'. Auf unsere Zureden und Bitten erhielten wir keine Erwiderung. Wir blieben noch eine Weile kniend am Lager und zogen uns dann zurück, um nach einer kurzen Ruhe die Überführung und die Heimkehr vorzubereiten.
Unzählige Telegramme von überall her trafen ein, auch viele Freunde darunter, Hermann Levi, Hans Richter. Niemand konnte die edle Dulderin, die weltentrückt ihr Lager nicht verlassen konnte, weder sehen noch sprechen."

Groß bestellte nach seinem Eintreffen am 15. Februar auf Cosimas Wunsch hin in Wien einen Sarg mit Glasdeckel und regelte alles, was mit der geplanten Rückkehr nach Bayreuth zusammenhing. Dr. Keppler und Joukowsky begannen, wie Oliver Hilmes in seiner Cosima-Biographie "Herrin des Hügels" von 2007 beschreibt, am Nachmittag heimlich mit der Konservierung des Leichnams. Cosima bat derweil ihre Töchter, sie mögen ihr alle Haare abschneiden. Daniela, Isolde und Eva erfüllten diesen Wunsch und nähten die Haare in ein Plüschsäckchen.

"Am Abend", so Hilmes, "hatte der Doktor die Balsamierungsarbeiten beendet. Da die verwendeten Chemikalien hochgradig giftig waren, durfte Cosima nur für zwei Minuten zu ihrem verstorbenen Mann. Sie legte ihm das Plüschsäckchen mit ihren Haaren auf die Brust und kniete zu seinen Füßen nieder. Nach Ablauf der Zeit mahnte Keppler, den Raum zu verlassen - ohne Erfolg. Es vergingen weitere sechs Minuten, in denen Cosima nicht von Wagners Seite wich, erst als Adolf von Groß sie anflehte, folgte sie ihm in ein anderes Zimmer. Dr. Keppler verschloss sicherheitshalber die beiden großen Türen, übersah allerdings eine dritte, durch die Cosima wieder zu der Leiche schlich. Die Aufregung war groß, als die Kinder feststellten, dass Cosima nicht mehr in ihrem Zimmer war. Nach einer ganzen Weile fanden sie die Mutter wieder neben dem toten Wagner liegend."

Schon tags zuvor hatte die Stadt Venedig einen Deputierten mit dem offiziellen Kondolenzschreiben geschickt und mitgeteilt, dass sie Wagner eine würdige Trauerfeier ausrichten wolle. Durch Paul von Joukowsky hatte Cosima ihren Dank ausrichten lassen - und den Wunsch, dass sie ihren toten Gemahl in aller Stille fortbringen wolle. "Kränze der prächtigsten Art wurden abgegeben", berichtet Henriette Perl in ihrem Buch zu Wagners letztem Venedig-Aufenthalt, "darunter der Ehrenkranz des Königs von Bayern und ein schwarz-goldener vom Könige von Italien; ferner ein reicher Kranz vom Circolo artistico, mit der Inschrift "Venezia a Riccardo Wagner". Zahllose Blumenspenden von anderen Vereinen und Privatpersonen gingen ein, darunter Kränze von der Fürstin Hatzfeld und deren Töchter. Erstgenannte Dame und Hans Richter aus Wien waren von Fremden die einzigen Personen, welche den Meister im Tode schauen durften."

Von überall her waren inzwischen auch Korrespondenten und Berichterstatter in Venedig eingetroffen und brachten in den geräumigen Hallen des Palazzo Vendramin hastig alles zu Papier, was sie sahen und hörten. "Bis zu dem Todten" so Perl, "drang jedoch Niemand, noch hat Jemand die Räume also gesehen, wie dieser zur Zeit, als der Meister dieselben bewohnte, gewesen sind." Was schon deshalb so war, weil Wagners Vorliebe für luxuriöse Ausstattung, für Brokat, Samt und Seide in seinem Arbeitszimmer möglichst keinem Außenstehenden bekannt werden sollte.

Die Szene nach der Einbalsamierung, die übrigens nach dem "ausgezeichneten" Wickerheim'schen Verfahren vorgenommen wurde, liest sich bei Henriette Perl wie folgt: "Nachdem die Einbalsamierung vollzogen war und der Meister mit seinem schwarzen Seidenflaus angethan und das schwarze Sammtbarett auf dem Kopfe in dem kostbaren Sarg lag, sah er wunderschön aus. Frau Cosima kniete in stummer Verzweiflung zu Füßen der Bahre. - Dies war Donnerstag den 15. in später Abendstunde - sie hatte soeben ihr prächtiges langes blondes Haar abgeschnitten, das Richard Wagner so sehr geliebt, und dasselbe in einem rothen Atlaspolster dem Todten auf die Brust gelegt, - sie selbst aber bis zur Stunde weder Speise noch Trank zu sich genommen, wie sie sich denn überhaupt in einem bedenklich ernsten Zustande befand."

"Die letzte Nacht im Vendramin-Palaste", so Perl, "wird allen jenen unvergesslich bleiben, die sie miterlebt; die ganze Familie wachte zusammen an dem offenen Sarge des Unersetzlichen und sie alle wurden nicht müde, sich wieder und immer wieder die Züge des Verblichenen einzuprägen, die zu schauen ihnen ja nur noch kurze Zeit vergönnt sein sollte. Die Kinder warfen ängstlich scheue Blicke nach der Mutter und suchten sie, die ein Bild stummer Verzweiflung, ihres Haarschmuckes beraubt, dasaß, als wäre auch aus ihr alles Leben gewichen, mit keinem Worte zu stören. Und er, der ihnen Alles gewesen, er, der jede auch die kleinste Sorge mit ihnen getheilt hatte, er sah theilnahmslos zu und schlief sanft den ‚langen Schlaf der Müde‘ unbewegt bei allem ihrem Leid und Kummer!"

Eine weniger leid- und mehr lustvolle Wagner-Hommage haben 130 Jahre später der Richard-Wagner-Verband Venedig, die Stiftung Teatro la Fenice und die Stiftung Giorgio Cini in Zusammenarbeit mit der Region Veneto und der venezianischen Kulturverwaltung ausgerichtet. In dem ehemaligen Kloster auf der Insel San Giorgio spielte der aus Philadelphia stammende, US-amerikanische Pianist und Komponist Uri Caine die Uraufführung seiner neuen, rhythmisch ganz schön vertrackten, dafür umso fesselnderen Jazz-Variationen und Improvisationen zu Wagners "Tristan und Isolde", "Tannhäuser", den Wesendonk-Liedern und dem Walkürenritt.

Nicht nur für aufgeschlossene Wagnerianerohren bleibt zu wünschen, dass das Münchner Label Winter & Winter auch dieses Uri-Caine-Projekt in absehbarer Zeit auf CD herausbringt.
Es versteht sich von selbst, dass bei dieser Hommage mit dem Programm "Wagner... Verdi e Venezia" auch Verdi-Paraphrasen nicht fehlen durften, darunter natürlich zu Giuseppe Verdis "Otello", dem Befehlshaber der venezianischen Flotte, der sich auf eben jene Figur Shakespeares bezieht, von der Richard Wagner am 8. Februar 1883 sprach, in einer seiner venezianischen Todesahnungen.

Bleiben noch zwei kleine Querverweise: Am 15. Februar 1845 wurde Verdis Oper "Giovanna d'Arco" in Mailand uraufgeführt, am 15. Februar feiert die Autorin, Journalistin und Mediatorin Sabine Zurmühl ihren 66. Geburtstag, die aktuell ein Buch über Cosima Wagner schreibt und mir vor Jahrzehnten mit ihrer einfühlsamen Vater-Tochter-Geschichte "Leuchtende Liebe - lachender Tod" klar gemacht hat, wie fein differenziert und stark Wagners Frauenfiguren sind - auch wenn sie sich am Ende opfern.