Betrachtet man die Bayreuther Festspiele, wie sie sich im Jahr der zweihundertsten Geburtstages Richard Wagners präsentieren, offenbart sich ihr trostloser Zustand. An der Kompetenz der beiden Festspielleiterinnen werden die Zweifel immer lauter. Mit verlässlicher Regelmäßigkeit sorgen sie für peinliche Schlagzeilen - etwa wenn sich herausstellt, dass der Sänger des Fliegenden Holländers in Bayreuth auf seiner Brust ein Hakenkreuz-Tattoo trägt. Oder wenn dem ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland, Avi Primor, der Empfang auf dem Hügel verweigert wird: ‚ein diplomatischer Affront‘, wie der Fernsehsender 3sat kommentierte."

Diese Sätze könnten von mir stammen. Sind sie aber nicht. Sondern sie stehen in einer Wagnerjahr-Neuerscheinung, die den Jubilar ganz bestimmt nicht bejubelt: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Richard Wagner - Ein Minenfeld heißt das neue Buch von Wagnerurenkel Gottfried Wagner (304 S., 19 SW-Abb., 19,99 Euro), von dem uns der Propyläen Verlag freundlicherweise drei Exemplare für unsere monatliche Wissenswette zur Verfügung gestellt hat.

Gottfried Wagner ist der einzige Sohn von Wolfgang Wagner und dessen erster Frau Ellen, geborene Drexel; er ist der Bruder von Eva Wagner-Pasquier und der Halbbruder von Katharina Wagner, den beiden aktuellen Festspielleiterinnen. Seine erste große Abrechnung mit Vater Wolfgang und dem Gros der eigenen Verwandtschaft veröffentlichte er 1997 unter dem Titel Wer nicht mit dem Wolf heult, seinen autobiographischen Aufzeichnungen. Jetzt hat er nochmals und gründlich nachgelegt, wobei diesmal Urgroßvater Richard im Mittelpunkt steht - mit all seinen negativen Seiten, Fehlern und Schwächen.

Das erste Buch mit Familienbezug des 1947 in Bayreuth geborenen Wagnerurenkels war in der Festspielstadt noch klassische Bückware. Was so viel bedeutet, dass es im Kiosk am Festspielhaus und in den Buchläden unten in der Stadt in der Regel nicht offen auslag, sondern nur auf Nachfrage unter dem Ladentisch hervorgeholt wurde - aus Rücksicht auf den amtierenden und in Bayreuth uneingeschränkt herrschenden Festspielchef, der ganz schön nachtragend sein konnte. Gottfried war spätestens von da an, wie zuvor nur seine Tante Friedelind mit ihrem Buch Nacht über Bayreuth, das schwarze Schaf der Familie schlechthin.

Was bis ins Jahr 2013 nachwirkte. Als der Propyläen Verlag in einer Bayreuther Buchhandelskettenfiliale nachfragte, ob sie Interesse an einer Veranstaltung mit dem Autor hätte, winkte man dort ab. Eine Lesung zur Festspielzeit fand dennoch statt - mit einem Büchertisch der Markgrafenbuchhandlung, dem örtlichen Wagnerspezialisten, im Saal der Klavierfabrik Steingraeber, beim unerschrockenen Udo Steingraeber-Schmidt, dessen Firma fast 140 Jahre lang ein kompetenter Partner der Festspiele und der Wagners war, bis sie von den beiden Festspielleiterinnen Knall auf Fall zugunsten eines ortsfernen Großkonzerns ausgebootet wurde.

Gottfried Wagners neues Buch ist insofern wichtig, als es im Jubiläumsjahr noch einmal alle Argumente zusammenfasst, die gegen Richard Wagner als Person, als Künstler sowie seine in der Tat einmaligen Festspiele sprechen. Es ist ein von vornherein einseitiges Buch, was viele potenzielle Leser abschrecken dürfte. Aber es schadet niemandem, sich einmal intensiv mit den negativen Seiten Richard Wagners zu befassen - selbst wenn man die vom Autor behauptete Versachlichung nicht erkennen kann.

Im Gegenteil: Sein Furor ist streckenweise nur schwer zu ertragen. Schon in der Einleitung schreibt er: "Wagners Weltanschauung, die sein Leben, seine Schriften und seine Opern prägt, ist meiner Meinung nach mit den Grundsätzen menschlicher Ethik unvereinbar. Sie ist bestimmt von Rassismus, Frauenverachtung, Selbstvergötterung und Lebensverneinung." Schade, dass der Autor immer nur das Ziel vor Augen hat, das Negative zu zeigen und alles andere absichtsvoll ausblendet. Das nimmt ihm dort die Glaubwürdigkeit, wo er eigentlich Recht hat - vor allem beim nicht folgenlosen Antisemitismus Wagners und der bis heute nicht erfolgten Auseinandersetzung Bayreuths mit seiner braunen Vergangenheit.

Ein kleines Beispiel für seine brüchige Beweisführung: Im Kapitel "Der Frauenverächter" schreibt er zum Tod von Wagners erster Frau: "Als Minna starb, hielt er es nicht für nötig, zu ihrer Beerdigung zu gehen." Weiß Gottfried Wagner etwa nicht, dass sein Urgroßvater sich zu diesem Zeitpunkt weitab auf Wohnungssuche in Frankreich befand und schon deshalb nicht zur Beerdigung in Dresden gehen konnte, als er mit Verspätung von ihrem Tod erfuhr?

Aber schon der Buchtitel sagt, dass man sich in der Tat auf einem Minenfeld befindet, in dem der abtrünnige Urenkel allerhand hochgehen lässt. In seinem Schlusskapitel "Außen morsch und innen morsch" schreibt er unter anderem:

Auch nach Wolfgang Wagners Tod - er starb am 21. März 2010 - hat sich auf dem Grünen Hügel nichts geändert. Mit dem Dirigenten Christian Thielemann haben die Festspielleiterinnen einen nibelungentreuen Mitstreiter nach Gottvater Wolfgangs Gnaden gefunden, der dessen ewigen Gesetz weiterträgt und damit einen idealen Nachfolger abgibt. Im Herbst veröffentlichte er [...] das Buch Mein Leben mit Wagner: Thielemann erzählt darin von lauschigen Bayreuther Abenden mit dem Festspielleiter Wolfgang Wagner bei Wurstsalat und fränkischem Bier. "In meinen Gesprächen mit Wolfgang Wagner war das Politische selten ein Thema", schreibt er. "Sehr viel mehr, als Wolfgang in seiner Autobiographie Lebens-Akte beschrieben hat, weiß ich darüber nicht zu berichten." Überhaupt habe er als "Musiker und Dirigent das Gefühl, dass über das sogenannte Politische eher zu viel geredet wird als zu wenig". Aber eines weiß er ganz genau: "Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier [...] haben sich die Erforschung der NS-Zeit auf dem Grünen Hügel auf ihre Fahnen geschrieben. Zwei Historiker [...] wurden beauftragt, mit ersten Ergebnissen ist wohl 2013 zu rechnen."

Dass daraus nichts geworden ist, weiß die interessierte Wagnerwelt. Bleiben nur noch die Fragen der September-Wissenswette. Sie lauten:

1. Wie heißt der Ort, wo Richard Wagner angeblich die Eingebung für das Rheingold-Vorspiel hatte?

2. Wo und wann fand die Rheingold-Uraufführung statt?

3. Wie heißt der junge Festspielpatron, der 1876 bei den ersten Festspielen als Schoppenhauer einige Berühmtheit erlangte?

Wer die Antworten nicht auf Anhieb weiß, kann sie in den September-Einträgen dieses Blogs finden. Senden Sie Ihre Lösung mit dem Stichwort "Wissenswette IX" und Ihrer Postanschrift bis spätestens 10. Oktober 2013 an leserreporter@infranken.de. Die Gewinner werden unter allen richtigen Einsendungen gezogen; Name und Wohnort werden im Blog veröffentlicht - unter den virtuellen, aber fraglos zum Gewinn passenden Gesängen der Rheintöchter: "Traulich und treu ist's nur in der Tiefe: falsch und feig ist, was dort oben sich freut!"