Innerhalb von fünf Wochen gleich zwei sehr unterschiedliche Rheingold-Interpretationen erlebt zu haben - erst in Bayreuth, dann in Luzern -, das kann nicht abgehen ohne den Entstehungsmythos: Bei seiner zweiten Italien-Reise 1853 hielt Richard Wagner sich zunächst eine Woche in Genua auf und berichtet darüber in seiner Autobiografie Mein Leben wie folgt:

Da sich, namentlich infolge des unvorsichtigen Genusses von Gefrorenem, sehr bald die Dysenterie bei mir einstellte, trat in mir plötzlich auf die erste Exaltation eine vollkommen entmutigende Abspannung ein. Ich wollte dem ungeheueren Geräusche des Hafens, an welchem ich wohnte, entfliehen, um die äußerste Stille aufzusuchen, und glaubte mich durch einen Ausflug nach Spezia retten zu müssen, wohin ich nach acht Tagen mit dem Dampfschiff abging. Auch diese nur eine Nacht dauernde Fahrt wurde mir durch heftigen konträren Wind sogleich wieder zu einem peinlichen Abenteuer gestaltet. Meine Dysenterie vermehrte sich durch Seekrankheit, und im allererschöpftesten Zustande, kaum mich fortzuschleppen fähig, suchte ich in Spezia den besten Gasthof auf, welcher zu meinem Schrecken in einer engen geräuschvollen Gasse lag.

Am 5. September 1853, also exakt vor 160 Jahren, passierte in der Albergo Nazionale in La Spezia dann das, was die Nachwelt gerne als Inspirationserlebnis und als die Geburt der Ring-Musik aus dem Es-Dur-Akkord bezeichnet hat. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat oder doch nicht nur von Wagner gut erfunden wurde, darüber werden sich vermutlich auch noch in 160 Jahren die wagnerianischen Geister scheiden:

Nach einer in Fieber und Schlaflosigkeit verbrachten Nacht zwang ich mich des andren Tages zu weiteren Fußwanderungen durch die hügelige, von Pinienwäldern bedeckte Umgegend. Alles erschien mir nackt und öde, und ich begriff nicht, was ich hier sollte. Am Nachmittage heimkehrend, streckte ich mich todmüde auf ein hartes Ruhebett aus, um die langersehnte Stunde des Schlafes zu erwarten. Sie erschien nicht; dafür versank ich in eine Art von somnambulem Zustand, in welchem ich plötzlich die Empfindung, als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke, erhielt. Das Rauschen desselben stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es-dur-Akkordes dar, welcher unaufhaltsam in figurierter Brechung dahinwogte; diese Brechungen zeigten sich als melodische Figurationen von zunehmender Bewegung, nie aber veränderte sich der reine Dreiklang von Es-dur, welcher durch seine Andauer dem Elemente, darin ich versank, eine unendliche Bedeutung geben zu wollen schien. Mit der Empfindung, als ob die Wogen jetzt hoch über mich dahinbrausten, erwachte ich in jähem Schreck aus meinem Halbschlaf. Sogleich erkannte ich, dass das Orchester-Vorspiel zum "Rheingold", wie ich es in mir herumtrug, doch aber nicht genau hatte finden können, mir aufgegangen war; und schnell begriff ich auch, welche Bewandtnis es durchaus mit mir habe: nicht von außen, sondern nur von innen sollte der Lebensstrom mir zufließen.

"Sogleich beschloss ich", heißt es weiter, "nach Zürich zurückzukehren und die Komposition meines großen Gedichtes zu beginnen. Ich telegraphierte an meine Frau, um ihr dies anzuzeigen und mein Arbeitszimmer bereithalten zu lassen." In den eher schwermütigen Briefen, die er just zu diesem Zeitpunkt sowohl an Minna als auch an Franz Liszt schrieb, fällt übrigens kein Wort über das Es-Dur-Erlebnis. "In Genua wurde ich unwohl", berichtete er, nachdem er nach Zürich zurückgekehrt war, am 12. September seinem Komponistenfreund, "fühlte mit Schrecken mein Alleinsein, wollte Italien noch forciren, ging nach Spezia; das Unwohlsein nahm zu; an Genuss war nicht zu denken: da kehrte ich um, - um zu krepiren - oder - zu komponiren - eines oder das Andre: nichts sonst bleibt mir übrig."

Damit jetzt keiner denkt, ich wäre vom Bamberger Ring in Luzern über Italien nach Hause gefahren, sei angemerkt, dass die aktuellen Fotos aus La Spezia von Frank Förtsch, meinem Chefredakteur, stammen. Und um wenigstens am Rande nochmals auf das Lucerne Festival zurückzukommen: Schon die Gastronomie dort ist besser und einladender als in Bayreuth, ganz zu schweigen von der Qualität der Programmhefte. Für den kompletten Ring des Nibelungen der Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott, der wohlgemerkt ein einziges Mal aufgeführt wurde, gab es - wie es sich gehört und anders als im heutigen Wagnerschwestern-Bayreuth - vier verschiedene Programmhefte mit lauter eigens verfassten Originalbeiträgen in deutscher und englischer Sprache.

Apropos: Weil es immer wieder heißt, dass Katharina Wagner ein neues und jüngeres Publikum für die Festspiele gewinnen und das bisherige Stammpublikum zumindest ignorieren, wenn nicht vergraulen will (was der designierte "Parsifal"-Regisseur Jonathan Meese bereits angekündigt hat), sei ihr als Entscheidungshilfe folgender Hinweis aus einem Ring-Textbuch des Schott-Verlags von 1876, also dem Uraufführungsjahr, gegeben. Dort steht, den "Gebrauch des Textbuches betreffend", in konkretem Bezug auf das Bayreuther Festspielhaus:

Um die richtige Wirkung des scenischen Bildes zu gewinnen, muss die Beleuchtung des Zuschauerraumes nothwendig so weit vermindert werden, dass, während des Aufzuges, das Textbuch unmöglich nachzulesen sein kann. Es wird daher, sobald der Deutlichkeit der dramatischen Darstellung noch misstraut werden sollte, gerathen, sich entweder mit dem ganzen Textbuche vor der Aufführung, oder mit den Theilen desselben zwischen den Aufzügen bekannt zu machen.

Woraus unschwer zu entnehmen ist, was der Urgroßvater der heutigen Festspielleiterinnen von seinem Publikum erwartete. Und weil das Datum es hergibt, sei schnell noch an zwei Geburtstage erinnert: Am 5. September 1794 wurde der Komponist Giacomo Meyerbeer geboren, am 5. September 1809 Minna Planer, die 27 Jahre später Richard Wagners erste Ehefrau werden sollte und der er vor 160 Jahren schrieb: "O, mein liebes Mienel! Könnte ich heute bei Dir sein, ich gäbe ganz Italien darum!" Wer weiß, vielleicht hat Wagner, seiner zweiten Frau Cosima seine Erinnerungen diktierend, das La-Spezia-Erlebnis ja nur erfunden, um zumindest den Geburtstag Minnas von vornherein hintanstellen, ja vergessen machen zu können? Ganz zu schweigen von Meyerbeer.