Wiesn-Zeit in München, da liegt es auf der Hand, die berühmte Schoppenhauer-Geschichte auszugraben. Zumal sie jetzt nicht nur in müßigen Anekdotenbüchern nachzulesen, sondern ausführlich in einer Neuerscheinung dokumentiert ist, die dem damals 25-jährigen, bierkrugschmetternden Jung-Wagnerianer gewidmet ist. Alfred Pringsheim, der kritische Wagnerianer heißt der lesenswerte Band aus der Thomas-Mann-Schriftenreihe, den Egon Voss und Dirk Heißeren im Verlag Königshausen & Neumann herausgegeben haben (242 S., Abb., 28 Euro).

"Heute Nachts", vermeldete zum 16. August 1876 aus Bayreuth die Neue Freie Presse Wien, "kam es zu Thätlichkeiten wegen Meinungsverschiedenheiten. Professor L. wurde von einem Wagnerianer unversehens angegriffen und schwer verletzt. Dergleichen Vorfälle sind wegen des ohnehin gefährdeten Erfolges des Bühnenfestspiels höchst bedauerlich. Er herrscht hier große Aufregung." Bereits im Jahr darauf erschien die satirische Studie Das Bühnenfestspiel zu Bayreuth von Max Kalbeck, der das Geschehen im Kapitel "Das Nachspiel in der Restauration" wie folgt und stabreimend beschrieb:

Der bekannte Professor Leo aus Berlin war in einen theoretischen Streit mit einem Herrn P., einem jungen Wälsungenspross Wagner'scher Wal, zusammengerathen; im Verlaufe der Debatte wurde man persönlich und der Professor bemerkte, der junge Herr könne den Genuss des Bieres wahrscheinlich nicht vertragen. Jener erwiderte stolz und bescheiden, er habe erst ein Seidel getrunken, worauf ihm der Gegner einwarf, dass auch dieses eine Seidel schon zu viel für ihn gewesen wäre, machtvoll schwang der junge Mann den messenden Masskrug und weidlich traf der triefende Krug den sträflichen Streiter auf die nickende Nase. Zugleich wurden die Wiener Kritiker, darunter Eduard Hanslick, wegen ihrer in der "Neuen Fr. Presse" kundgegebenen Blasphemien genötigt, das Lokal zu verlassen.

Die oben abgebildete Zeichnung mit der Unterzeile "Wo sich Aug' und Ohren laben,/ Will die Nase auch was haben" erschien bereits am 3. September 1876 in der satirischen Wochenzeitung Kladderadatsch. Auf dem Erinnerungsblatt mit insgesamt dreizehn verschiedenen Bildmotiven unter dem Titel "Götter, Helden und Publikum" wurde der auf Nase landende Bierkrug aus der "Schlacht bei Angermann" ebenso gezeigt wie die Dunkelheit im Theater, neugierige Zaungäste und die vergeblich nach Nahrung suchenden Festspielgäste.

Nicht nur wegen der verschiedenen Schilderungen des kämpferischen Einsatzes Alfred Pringsheims für die Bayreuther Sache lohnt sich die Anschaffung dieser Wagnerjahr-Neuerscheinung. Denn der aus einer jüdischen Familie stammende hauptberufliche Mathematiker, Musikliebhaber und spätere Schwiegervater von Thomas Mann verfasste etliche Wagnerschriften, die auch heute noch etwas zu sagen haben. Was einerseits darauf zurückzuführen ist, dass er zwar durchaus begeisterter Wagnerianer war und blieb, dabei aber stets auch rational, sachlich und kritisch dachte.

Als Pringsheim im Alter von nur zwanzig Jahren am 11. Juni 1871 mit dem Geld seines Vaters drei Patronatscheine für die künftigen Bayreuther Festspiele erwarb, war er zumindest einer der ersten überhaupt, die Anteile für das noch ungewisse Unternehmen zeichneten. Richard Wagner dankte ihm dafür brieflich, lud ihn später zur Grundsteinlegung ein und dürfte ihm tags darauf am 23. Mai 1872 erstmals persönlich begegnet sein. Der Briefwechsel ging weiter, bis hin zu den ersten Festspielen. Auch danach blieb der "Schoppenhauer" Bayreuth treu, zeichnete Patronatscheine für den Parsifal, den er 1882 mit seiner Frau Hedwig erlebte. Weitere Festspielbesuche folgten bis 1930.

Da er insgesamt 44 eigene, zum Teil sehr anspruchsvolle Wagnerbearbeitungen für Klaviere und kammermusikalische Besetzungen geschaffen hat, bewegte Pringsheim sich von seinen handwerklichen Kenntnissen her auf professionellem Niveau. Was ihn befähigte, sein Idol auch kenntnisreich zu kritisieren - unter anderem 1876, als er zu den Proben und Aufführungen der ersten Festspiele nach Bayreuth kam. Teile seines Tagebuchs von damals sind durch eine Abschrift des ersten Wagnerenkels Franz Wilhelm Beidler erhalten. Wagnerurenkelin Dagny Beidler, Dirk Heißerer und Egon Voss haben die achtzehn Seiten, die die Zeit von 5. bis 21. Juli 1876 umfassen, transkribiert. Über die Probe des 3. Akts Walküre am 19. Juli schreibt er unter anderem:

Nachmittag 5 Uhr Probe vom letzten Act der Walküre. Ist wieder einer von den ganz famosen. Die Walküren-Scene wird vorläufig noch durch die mangelhaften optischen Erscheinungen der die Luft durchstürmenden Walküren (Niemann sagt sehr richtig: is' ja Böttcher's Salon) beeinträchtigt, auch geht das musikalisch ungemein schwierige Ensemble der 8 Walküren noch nicht tadellos. Doch glaube ich, daß diese Scene coloßal wirken wird. Die beiden folgenden thaten dies bereits in der Probe. Betz ist wirklich hors de concoursm, auch die Materna in der großen Schluß-Scene ganz vortrefflich. Der Feuerzauber ist decorativ äußerst gelungen - gegen die Inscenirung in München ein ganz riesiger Fortschritt. - Noch ehe die letzten Akkorde verklungen sind, bricht ein allgemeiner donnernder Beifall los. - Abends in der Restauration am Wagnertisch mit Levy, Betz, Niemann, Hill etc. Wagner und Cosima erscheinen gegen 9 Uhr. Er ist wieder vortrefflicher Laune - wie Niemann sehr richtig bemerkt, ein unlösbares Räthsel: wenn man diesen kleinen Mann mit seiner sächsischen Gemüthlichkeit so beobachtet und dann denken soll, dieser Mann hat alle diese großen Werke geschaffen.

Und für alle, die jetzt nicht genau auf dem Schirm haben, worum es im Ring des Nibelungen geht, gebe ich gerne noch den Link zu einer animierten Inhaltsangabe in zweieinhalb Minuten zur Kenntnis, die mir freundlicherweise Jochen und Vinzent Strobel haben zukommen lassen. Die kürzeste Ring-Version die ich kenne, stammt von Eberhard Wagner (mit der Wagnerfamilie nicht verwandt und nicht verschwägert, aber befreundet mit Gottfried Wagner, auf den ich demnächst zurückkommen werde). In seinem Mundartgedichtband durchs bunda lichd gedrehd fasst er unter anderem Wagners wichtigste Werke mit wunderbaren Zwei- und Dreizeilern zusammen. Nur bei seiner Tetralogie reicht glatt die folgende einzige Zeile: "noowl gehd die weld zugrund". Ach, wenn's doch nur so wäre!