Acht sinnlose Anrufe an einem Morgen, das schaffen normalerweise nicht mal erboste Leser! Und jedes Mal leierte die Stimme nur einen anderen Code herunter, den meine Kollegin zur Identitätsbestätigung eingeben sollte. Dabei war sie zu diesem Zeitpunkt schon gesperrt und konnte gar nichts mehr eingeben - weil sie es gewagt hatte, länger als drei Tage nicht auf Facebook zu reagieren: Sie hätte den Bestätigungs-Code schon letzte Woche eingeben sollen, war aber krank.

Jetzt muss sie quasi 30 Tage auf die Stille Facebook-Treppe - und Facebook bombardiert sie so lange mit neuen Codes, bis sie, ich zitiere: "Schul- oder Arbeitsausweis, Gas-, Wasser- oder Stromrechnung, Heiratsurkunde, Dokumente zur amtlichen Namensänderung, Kreditkarte (mit geschwärzten Nummern) oder Geburtsurkunde" an Facebook schickt. Grundgütig, dass sie wenigstens ihre Kontonummer noch schwärzen darf. Geht's noch?!

Ich nehme den Troll!

In der Zeit habe ich gelesen, dass Facebook das macht, um Fakes oder Pseudonyme zu enttarnen. Aber wenn ich die Wahl zwischen einem Pseudonym-Profil und einem großen Bruder namens Zuckerberg habe, dann nehme ich den Troll! Den kann ich nämlich wenigstens melden, wenn er mich nervt. Wenn ich Mark Zuckerberg melde, werde ich womöglich bis an mein Lebensende mit Code-Anrufen belästigt.

In dem Artikel, in dem es übrigens darum ging, wie Internet-Konzerne uns manipulieren, habe ich auch gelesen, dass Amazon ein Buch über den WWF aus dem Programm genommen hat, weil sich ein juristischer Streit um die Inhalte angekündigt hatte. Soll Amazon das doch mal mit "Shades of Grey" machen, das schon seit vier Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste steht - und Facebook gleich mit! DAS ist Leute-Verarsche, weil es weder gut ist, wie die Platzierung glauben macht, noch ein Porno, wie der Hype in Amerika mir weismachen will.

Der zwölfseitige Sklavenvertrag überzeugt mich nicht

Ich bin zwar erst auf Seite 186, wo ich mir einen zwölfseitigen (!) Sklavenvertrag (!) durchlesen soll (ich weiß schon, warum ich das eigentlich nicht lesen wollte!). Aber ich habe mir von der Kollegin, die es mir ausgeliehen hat, schon sagen lassen, dass es auch weiter hinten nicht spannend wird. Wobei sich mir die Frage aufdrängt, wie spannend erotische Literatur überhaupt sein kann, in der auf Seite 186 die Regeln festgesetzt werden. Denn alles über diese Regeln Hinausgehende wäre quasi Missbrauch und damit wäre der Hype um das Buch in Amerika gar nicht möglich gewesen. Also kann ich jetzt eigentlich auch aufhören zu lesen.

Mal ganz davon abgesehen, dass mir ein junges, unschuldiges Mädchen, das vom reichen, geheimnisvollen Mann verführt wird, dessen schmutzige Fantasien nur daher rühren, dass er als Jugendlicher missbraucht wurde, doch ein ganz kleines bisschen zu viel Klischee enthält. Und auch noch ein falsches: Mehr Dominas als Domini gibt es nämlich bestimmt nicht, weil so viele dominante Manager durch die Welt laufen. (Und falls Sie mir jetzt das Wort "Domini" ankreiden: Die Tatsache, dass es kein adäquates Pendant zu "Domina" gibt, beweist doch nur, dass meine These stimmt, oder?!)

Und schlecht geschrieben ist das Buch auch noch

Wenn das Buch wenigstens gut geschrieben wäre. Aber schon beim ersten Satz schüttelt's mich: "Frustriert betrachte ich mich im Spiegel." - Himmel! Oder - beliebig aufgeschlagen: "In meinem Bauch wimmelt es von Schmetterlingen." Oder auch: "Ich winde mich vor Verlangen, nein Begierde." Bah, dagegen bin ich ja Weltliteratur!

Aber - und das ist das Tragische - die morbide Faszination dieses Gelabers ist so groß, dass ich unbedingt weiterlesen will. Deswegen gehe ich jetzt auch nach Hause und verkürze damit Ihre eigene Version der morbiden Faszination, die Sie offensichtlich immer wieder dazu bewegt, meine Texte zu lesen, deutlich. Aber freuen Sie sich nicht zu früh: Shades of Bamberg: Gestilltes Verlangen. Nächste Woche auf infranken.de.