Zum Nikolaustag gibt es in den Tagebüchern von Cosima Wagner nur einen einzigen Eintrag. Und der beruht sichtlich auf einem Irrtum, denn sie bezeichnet Montag, den 4. Dezember 1871, als Nikolaus-Tag: Trotz Schnee und Frost hat sie aber Anlass zur Freude, denn Nikolaus R. ruft ihr zu: "Du bist ein philosophischer Begriff, causa efficiens und finalis, Grund und Ursache des Lebens." Auf der Suche nach weiteren Nikoläusen in Wagners Werken, Briefen und Schriften sowie aus seinem Umfeld bin ich natürlich fündig geworden. Hier meine Auswahl:

1.) Nik(o)laus Vogel, einer der Nürnberger Meistersinger, der bekanntlich, als Vereinsmeier Kothner die Einladungsliste abruft, von seinem Lehrbuben krank gemeldet wird;

2.) Nikolaus Oesterlein (1842-1898), ein glühender Wagnerianer aus Wien, der sammelte, was ihm unter die Finger kam und unter anderem ein Wagner-Museum gründete, welches 1895 nach Eisenach verkauft wurde und dort heute im Fritz-Reuter-Haus unterhalb der Wartburg zu finden ist;

3.) Zar Nikolaus I. von Rußland (1796-1855), zu dessen Thronbesteigungsfest Wagner die am 21. November 1837 vermutlich unter seiner Leitung im Rigaer Stadttheater uraufgeführte Volkshymne in G-Dur Nicolay (WWV 44) mit dem Text von Harald von Brackel widmete und der er "eine möglichst despotisch-patriarchalische Färbung zu geben suchte und damit nicht weniger Ruhm einlegte, da sie alljährlich am gleichen Tage eine Zeitlang wiederholt aufgeführt wurde";

4.) Nikolaus Rubinstein (1835-1881), Pianist und Dirigent, Begründer des Moskauer Konservatoriums und Bruder von Anton Rubinstein; als Direktor der "Russischen Musikalischen Gesellschaft" feierte er den Gastdirigenten Wagner bei seinen Moskauer Konzerten im März 1863 mit einer "sehr schicklichen und warmen Rede";

5.) Fürst Nikolaus von Sayn-Wittgenstein (1812-1864), Ehemann von Carolyne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg, die ihn 1848 wegen Franz Liszt verließ; Vater der Tochter Marie, die immer wieder in Cosimas Tagebüchern erwähnt wird und 1859 Konstantin Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst ehelichte;

6.) Nikolaus Eyßer, Schreinermeister und Möbelfabrikant in Bayreuth, zu dem am 16. Oktober 1878 nacheinander erst Cosima und dann Richard Wagner kamen; erstere machte bei ihm Besorgungen, letzterer suchte seine Frau dort und verpasste sie um fünf Minuten.

Der oben abgebildete Wagner mit Nikolausmütze ist Bestandteil des sechsteiligen Postkartensets "Weihnacht mit Wagner..." (9,80 Euro) aus dem mvs-Verlag, der unter anderem auch das von Franz Stassen gezeichnete Wagner-Quartett wieder aufgelegt hat (12,80). Und zur Krönung dieses vorweihnachtlichen Blog-Eintrags verweise ich gerne noch auf Richard Wagner als Räuchermännchen.

Handwerklich hergestellt wird der qualmende Meister von Jürgen Beyer in Seiffen im Erzgebirge, und zwar in zwei Versionen. Aktuell bereits vergriffen, aber voraussichtlich in 2014 wieder lieferbar ist der den Brautchor aus Lohengrin dirigierende Wagner mit dem Erinnungsschild an seinen Erholungsurlaub und Komponieraufenthalt 1846 in Graupa (Vertrieb über die Volksbank Pirna, Einzelpreis 44 Euro plus 3,10 Euro Verdsandspesen). Und seit heute gibt es dank einer Initiative des Richard-Wagner-Verbands Leipzig endlich auch einen Wagner, der seinen Opernerstling Die Feen dirigiert, was bekanntlich zwar für Leipzig geplant war, aber nie realisiert wurde. Im Gegenteil: Seine Feen wurden erst 1888 in München posthum uraufgeführt. Wenn man dieses Räuchermännchen seiner Bestimmung gemäß benutzt, sieht man laut einer Pressemitteilung des Wagnerverbands, "wie dem Leipziger Ausnahme-Genie der Kopf raucht vor neuen gesellschaftspolitischen Ideen und musikalischen Einfällen" (Einzelpreis 50 Euro inklusive Versand).

Apropos Qualm: Die Theaternebelmaschinen liefen am Mittwoch im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater heiß, denn auch in unserer kleinen Wagnerstadt auf Zeit stand Siegfried auf dem Programm. Allerdings nicht in einer regulären Aufführung des Originalwerks, sondern in der Version des schauspielerischen Tausendsassas Stefan Kaminski. Er präsentierte Teil 3 seiner fulminanten dreidimensionalen Hörspielversion von Wagners Ring-Tetralogie.

Wie bitte? Ein dreidimensionales Hörspiel? Doch, das geht, und zwar mitreißend. Denn Kaminiskis Live-Hörspielformat macht die Klänge sichtbar, die der furiose Alleindarsteller und seine musikalischen Mitstreiter (Synthesizer und Nadelklavier: Stefan Brandenburg, E-Cello und Percussion: Sebastian Hilken) auf der zum Aufnahmestudio umfunktionierten Bühne mit einer Fülle von Instrumenten, Mikrofonen, Verzerrern und Geräusch-Requisiten erzeugen.

Der auf rund eineinhalb Stunden eingedampfte Siegfried lebt von der unbekümmerten Jugendlichkeit des Hau-drauf-Titelhelden, der gegebenen Komik, Direktheit und Märchenhaftigkeit der Figuren. Kaminski spricht, schimpft, stammelt, scharmiert, stottert, sabbert, schreit, salbadert, schattiert, singt, schaudert, summt, schalmeit, stöhnt, scheppert, sülzt, schimpft, swingt, schlackert, spöttelt, schlottert, stänkert, schluchzt, schluckst, schlürft, souffliert, stockt, schmachtet, sprudelt, schmettert, säuselt, schnackt, schnattert, schnieft und schnurrt so suggestiv, dass auch ohne Vorkenntnisse jeder versteht, worum es geht.

Um beim Stabreim zu bleiben: Es ist überraschend viel Originaltext, den er spricht, natürlich angereichert mit zeitgemäßen Ausdrücken und kongenial variiert: Aus dem viel belächelten "Mit Bappe back ich kein Schwert" macht er beispielsweise "Mit Kleister kann man die Klinge nicht kitten". Noch mehr von den verbalen und musikalischen Klimmzügen dieses Abends zu verraten, würde jedem künftigen Zuschauer vielleicht etwas von dem enormen Spaß nehmen, den die selbstverständlich auch in anderen Wagnerwerken, Musicals, TV-Shows, Hitparaden und auf Highways badende Musik zu bieten hat.

Was mich besonders begeistert hat, ist nicht nur die von einschlägiger Mikrofontechnik unterstützte Stimmenvielfalt Kaminskis, die vom quäkenden Zwerg über die ungemein zart erwachende Frau bis hin zum wodkagespülten Wotan einfach alles drauf hat. Vielmehr spielt sich der in Sekundenbruchteilen vorexerzierte Rollenwechsel genauso in seinem Gesicht, in seinen Händen und der nur selten in voller Größe sichtbaren Körpersprache ab. Die Zwiegespräche zwischen dem Zeitlupenschmied und Au-to-di-dak-ten Mime und Siegfried sind ebenso ein Ereignis wie die Wissenswette, die Drachen- und Erdaszene - und natürlich der Showdown mit Brünnhilde.

Wenn es pathetisch wird, sorgt er schnell fürs Umkippen ins Komische. Nur nach dem sorgfältig lang vorbereiteten letzten Atemzug Fafners lässt er Raum für Stille und für den Tod. Das alles geht so direkt unter die Haut, dass man Kaminskis Ring einzeln oder komplett weiterempfehlen kann für alle, die auf diesem Weg vielleicht zum ersten Mal in Wagners vierteiliges Nibelungenwerk hineinschnuppern - und ebenso für Kenner, die immer wieder Feinheiten entdecken, die einem über die Tetralogie und ihre Figuren mehr erzählen als so manche aktuelle Regietheaterinszenierung. Das Schöne daran: Man kann sich den kompletten Kaminski-Ring auch ins Heimkino holen, denn es gibt eine Aufzeichnung aus dem Deutschen Theater Berlin, sogar mit doppelt so vielen Musikern als beim Gastspiel in Bamberg (4 DVD, 29,99 Euro).

P.S. Fast hätte ich vergessen, dass Wolf-Siegfried Wagner, der einzige Sohn von Wieland und Gertrud Wagner, am heutigen Nikolaustag siebzig Jahre alt wird. Herzlichen Glückwunsch!