Es hätte alles so schön und unbeschwert werden können für die junge, naive Linda Boreman. Endlich raus aus dem öden, tief religiösen Elternhaus irgendwo in Florida, weg von der streng konservativen Mutter (brilliant in ihrer Nebenrolle: Sharon Stone) und dem mürrischen Vater. Ein Prinz im strahlenden Ford Mustang, der sie entführt in ein Leben voller Partys, Alkohol und Sex, soll der Ausweg aus der Prüderie sein. Doch als Chuck Traynor, der frisch Angetraute, sein wahres Gesicht zeigt, ist es vorbei mit der Lebensfreude.

"Lovelace" erzählt die Geschichte von Porno-Star Linda Lovelace, die Anfang der 70er durch ihre "sensationelle" Begabung zum Fellatio einen Senkrechtstart in der Sexindustrie hinlegte. Verbannt in schäbige Hinterhof-Kinos, fristete der Porno zu dieser Zeit ein tabuisiertes Dasein. Erst Linda und ihre besondere Begabung, beim Oralverkehr den Würgreflex auszuschalten und somit dem Mann auf und fernab der Leinwand ungeahnte Freuden zu bereiten, machten den Pornofilm salonfähig.

Doch so heil und glamourös, geradezu märchenhaft verklärt, die Anfänge ihrer Karriere in "Lovelace" dargestellt werden, so hart trifft den Zuschauer der Schlag in die Magengrube, wenn nach 45 Minuten der Vorhang fällt. Die harmonisch vor sich hin plätschernde Coming-Of-Age-Story avanciert zum unbequemen Drama um Missbrauch, Ausbeutung, Prostitution und Gewalt. Im zweiten Anlauf erzählen die Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman in chronologischen Rückblenden die Geschichte nochmals von vorne, konzentrieren sich diesmal jedoch auf zuvor verborgene Details, die das schleichende Martyrium häppchenweise offenbaren.


Ebenso streitbar wie widersprüchlich

Dass Linda der Wandel vom blauäugigen "Girl Next Door", Kategorie bildhübsch mit Sommersprossen, zur tragischen Heldin glaubhaft gelingt, liegt dabei vor allem an Amanda Seyfried und ihrer bemerkenswerten schauspielerischen Leistung. Sie beherrscht die unbeschwerte Version "Anfang 20" ebenso gut wie die eingeschüchterte Linda, die sich später im Film aus Angst vor ihrem brutalen Gatten sogar einer Vergewaltigung durch zahlende Bewunderer aussetzt.

Bis zum Schluss bleibt die Figur der Linda Lovelace ein Stück weit rätselhaft. Eine Parallele zur echten Linda Boreman, die Zeit ihres Lebens eine ebenso streitbare wie widersprüchliche Person war - eine Frau, die sich erst für "Deep Throat" rechtfertigte und das Werk verteidigte, später jedoch als Ikone des Feminismus gegen die schmierige Pornobranche wetterte. Ein Happy End, wie im Film spendiert, blieb Linda Lovelace im wahren Leben leider verwehrt. Sie starb 2002 bei einem Autounfall mit nur 53 Jahren.


Fazit

"Lovelace" ist bei weitem keine Dokumentation. Doch der Spielfilm erhebt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dass die echte Linda Lovelace noch vor "Deep Throat" im vielsagenden Titel "Dog Fucker" Sodomie praktizierte und nicht nur Chuck Traynor den Drogen verfallen war, klammert der Film aus.

Doch auch ohne diese unappetitlichen Details reicht das Gezeigte aus, um den Zuschauer letztlich zum Nachdenken zu bewegen. Lindas Geschichte ist sicher kein Einzelfall, denn eines dürfte selbst dem genrefernsten Rezipienten klar sein: In einer Branche, die heutzutage jährlich Billionenumsätze weltweit verzeichnet, wird es immer Opfer geben.