Vielleicht haben alle Visionäre etwas gemeinsam. Sie sind beseelt von einer Idee, die sie mit ganzer Kraft, manchmal sogar mit allen Mitteln verfolgen. Weil sie glauben, dass das, was sie tun, richtig ist. Das macht sie irgendwie anders, weil das für Außenstehende schwer nachzuvollziehen ist, die nicht ganz genau verstehen, um was es geht. Julian Assange ist ein solcher Visionär, beseelt von der Glauben, dass all Informationen für alle zugänglich sein sollten. Deshalb gründete er die Enthüllungsplattform Wikileaks, deshalb verteidigte und verteidigt er seine Überzeugung gegen alles und jeden. Auch gegen sein engstes Umfeld, zu dem unter anderem Daniel Domscheit-Berg gehörte - ohne Rücksicht auf Verletzungen und Enttäuschungen, die es auf beiden Seiten gegeben haben muss.

Sichtbar machen, was unsichtbar ist


Das Verhältnis zwischen Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg ist es, auf das sich Regisseur Bill Condon in seinem Film "Inside Wikileaks" konzentriert und wäre das nicht schon schwer genug, vor allem wenn man bedenkt, dass Assange den Film nicht gerade freundlich gegenübersteht, so muss Condon auch noch Webseiten, E-Mails, Chats, Computercode und viel weitere technische Dinge sichtbar machen, die man eigentlich nicht sichtbar machen kann. Und von deren Funktion die meisten Kinogänger nur wenig Ahnung haben dürften. Zu sehen sind blinkende Zeilen, verschiedene Fenster auf Computermonitoren, aber auch ein riesiges, gleichförmiges Büro, eine winterlich leeres Feld, auf dem einzelne Feuer brennen und Menschen, die vor Notebooks hocken, wenn sie nicht gerade in der halben Welt unterwegs sind.

Zusammengehalten wird der Film durch das Können seiner Hauptdarsteller. Daniel Brühl, der seinem Daniel Domscheit-Berg immer Bodenhaftung gibt, auch dann, wenn ihn seine Begeisterung für Julian Assange wegzutreiben droht aus seinem normalen Leben, in dem er zwar Langeweile empfindet, das ihn aber auch zutiefst prägt und letztlich dazu führt, dass er die Freundschaft mit Julian Assange beenden muss.

Brilliante Hauptdarsteller


Benedict Cumberbatch, der bei uns kürzlich mit "Star Trek - Into Darkness" in den Kinos zu sehen war, ist in diesem Film kaum wiederzuerkennen. So sehr tut er das, was er von sich und über seine Arbeit sagt, unter die Haut der jeweiligen Figur zu schlüpfen, komplett hinter die Rolle zurückzutreten und seine schauspielerische Meisterschaft hineinzupacken. Als Julian Assange hat er nicht nur weiße Haare, sondern auch ein verändertes Gesicht, farbige Kontaktlinsen und die deutsche Synchronstimme von Sascha Rotermund (der ihn auch schon in "Star Trek" synchronisierte)- kombiniert mit völlig veränderten Gesten, Reaktionen, ja der ganzen Körperhaltung, macht ihn das tatsächlich zu Julian Assange, zumindest dem Assange dieses Films. Einem ruhelosen, getriebenen, hochbegabten Computerexperten, der zugleich seltsam einsam, ja abgekapselt ist, und dennoch fasziniert. Der mit brutaler Schroffheit seinem engsten Freund das Vertrauen entzieht, dem er doch so viel verdankt. "Alles, was ich habe, ist eine Website", sagt Assange am Anfang zu Domscheit-Berg, "Und Dich. Habe ich Dich?" Cumberbatch schafft es scheinbar mühelos, seinem Assange die ganze Bandbreite der Gefühle von eiskalt und berechnend bis hin zu weich und verletzlich mit zum Teil kaum wahrnehmbarer Mimik mitzugeben und den Film dadurch zwar zu dominieren. Seinen nicht minder brillanten Partner Daniel Brühl spielt er aber keineswegs an die Wand.

Gute, spannende Unterhaltung


"Wenn Du die Wahrheit willst, geh selbst los und such' sie. Genau davor haben die Angst. Vor Dir", sagt der fiktive Assange in einem Interview, das wie eine Klammer um den Film liegt und ihm - wie der echte Assange - unterstellt, ein Angriff auf Assange und Wikileaks zu sein. Gerade das aber ist "Inside Wikileaks" nicht. Weil er unter anderem auf den Erinnerungen Daniel Domscheit-Bergs beruht (der Daniel Brühl in dessen Vorbereitung unterstützt hat), kann der Film aber auch nicht objektiv sein oder gar die Aufarbeitung betreiben, die man von einer Dokumentation erwarten würde. Er ist vor allem gute, spannende Unterhaltung, die vielleicht beim ein oder anderen die Neugierde weckt, mehr über die realen Umstände zu erfahren.