Als junge Redakteurin in Bayreuth habe ich Friedelind Wagner noch des Öfteren erlebt - eine im Wortsinn raumgreifende Persönlichkeit, in riesige Capes gehüllt und mit einer Grandezza, wie sie sonst nur echte oder Dollarprinzessinnen an sich haben. Dass sie mit ihrem sehr bestimmten Auftreten und ihrem Profil überall auf der Welt umsonst in die Opernhäuser und Konzerte kam, wenn Musik ihres Großvaters auf dem Programm stand, versteht sich von selbst. Friedelind, die rebellische Enkelin Richard Wagners, wurde heute vor 95 Jahren in Bayreuth geboren.

Dass ihr Vater Siegfried - Richard Wagners einziger Sohn - überhaupt noch Kinder in die Welt setzen sollte, entsprach eher dynastischen Zwängen als seiner homosexuellen Orientierung. Er war bereits 46 Jahre alt, als er 1915 die 18-jährige Winifred Williams heiratete und zügig für Nachwuchs sorgte: Anfang 1917 kam Stammhalter Wieland auf die Welt, am Karfreitag 1918 folgte Friedelind, 1919 Wolfgang und 1920 Verena. "Ein Töchterchen ist da!", schrieb Siegfried an seinen Freund und Kollegen Engelbert Humperdinck. "Friedelind heißt die stramme kleine Jungfrau, Mutter u. Kind wohl! Grosse Freude darob in Wahnfried! Freude kann man ja brauchen in einer Welt voll Wahn und Hass!"

Der Erste Weltkrieg war noch nicht zu Ende, ein zweiter sollte folgen - und zeitlebens der Familienkrieg. Die als Kind pummlige "Maus" oder "Mausi", wie man Friedelind in Wahnfried nannte, wurde bald zum schwarzen Schaf: Nach dem frühen Tod Siegfrieds im August 1930 - vier Monate zuvor war Großmutter Cosima gestorben - opponierte die Vatertochter immer wieder gegen die Mutter, erst, weil diese sich schnell mit dem Berliner Generalintendanten und künstlerischen Bayreuth-Berater Heinz Tietjen tröstete und die aufmüpfige Tochter lieber in autoritäre Internate abschob, im Alter von achtzehn Jahren dann wegen der Hitlerei, der sie zuvor selbst genauso angehangen hatte wie alle anderen im völkisch-nationalen und antisemitischen Dunstkreis Wahnfrieds.

Friedelind brach mit ihrer Mutter, verließ Deutschland aus Protest gegen Hitler und seine Politik und emigrierte zunächst in die Schweiz, dann nach England, wurde dort mit Kriegsbeginn interniert und kam dank der Unterstützung des ehemaligen Bayreuth-Dirigenten Arturo Toscanini(mit dem sie eine kurze Affäre haben sollte) nach Amerika. Neben Franz Beidler, dem nicht als Wagner-Enkel anerkannten Sohn von Isolde, war Friedelind die einzige in der Familie Wagner, die sich aktiv gegen Hitler und den Nationalsozialismus stellte.

Ihren "beiden Vätern Siegfried Wagner und Arturo Toscanini" widmete sie ihre Autobiografie Heritage of Fire, die 1945 zuerst in Amerika erschien und wenig später auch in der Schweiz, unter dem Titel Nacht über Bayreuth. Die Abrechnung mit der braunen Verstrickung ihrer Familie und der Festspiele machte sie nur bei einem kleineren Teil der deutschen Nachkriegsgesellschaft beliebt. In Bayreuth wurde sie nach wie vor als Nestbeschmutzerin und "Verräterin" betrachtet - ein nicht unähnliches Schicksal traf eine Generation später auch ihren Neffen Gottfried, den Sohn von Bruder Wolfgang, der 1997 in seinenr Autobiografie Wer nicht mit dem Wolf heult und weiteren Büchern mit ähnlichem Furor gegen Wagners Antisemitismus und die braune Vergangenheit anschrieb.

Friedelind - auch darin ähnelte sie ihrem Großvater - steckte lange Zeit ihres Lebens in Geldnöten. Nachdem ihre Mutter und ihre Brüder das Testament Siegfried Wagners ignorierten und es gemeinschaftlich vereitelt hatten, dass sie als einziges politisch nicht vorbelastetes Mitglied der Siegfried-Familie nach dem Zweiten Weltkrieg Festspielleiterin wurde, versuchte sie nach ihrer Rückkehr 1953 durch die Etablierung von prominent besetzten Meisterklassen das Ihrige für die Festspiele zu tun. Als sie das Projekt nicht in den Griff bekam, sorgte Bruder Wolfgang für das baldige Ende. Später schreckte der gern paragrafenreitende Festspielleiter auch vor einem Hausverbot für sie nicht zurück.

Friedelind scheiterte immer wieder auch an ihren eigenen Ambitionen. Ihre einzige Inszenierung, ein Lohengrin in Bielefeld 1968, kam bei den Kritikern nicht gut an, weitere Vorhaben in England blieben irgendwann stecken in dem ihr eigenen finanziellen, kreativen und organisatorischen Chaos. Trotzdem wurde sie nicht müde, sich um den künstlerischen Nachwuchs zu kümmern und sich für das Werk ihres Großvaters und ihres Vaters einzusetzen. Zuletzt lebte sie in Luzern, am 8. Mai 1991 starb sie in einer Spezialklinik in Herdecke an Krebs. Ihren Nachlass vermachte sie an Neill Thornborrow, einen jungen Musiker, den sie in England kennengelernt hatte und der heute als Theateragent arbeitet.

Ihr Bruder Wolfgang veranstaltete nach ihrem Tod eine von ihr nicht gewünschte Gedenkstunde. Offiziell ließ er verlauten, dass sie stets eine Querdenkerin gewesen sei: "Ihre gesamte Daseinsweise bestimmte sich häufiger durch Kritik des Seienden als durch dessen Anerkennung." Ihrem Buch bescheinigte er "mehr subjektiven Erlebniswert als dokumentarische Objektivität", das Scheitern der Meisterklassen kommentierte er mit der Frage, "ob ihre Pläne zu groß gedacht waren oder ob die Wirklichkeit für sie zu klein gewesen ist". Auch in seiner 1994 erschienenen Autobiografie Lebens-Akte hielt er seine negative Meinung über seine Schwester keineswegs zurück. Heute würde man sagen, dass er sie zwanghaft schlecht machte, um davon abzulenken, dass er und sein Bruder Wieland nur deshalb Festspielleiter werden konnten, weil sie und Mutter Winifred die berechtigten Ansprüche Friedelinds und Verenas glattweg ignorierten. Eine nicht unähnliche Schieflage war übrigens auch bei der Ernennung der jetzigen Festspielleitung 2008 gegeben.

Was die streitbare Friedelind wohl dazu gesagt hätte? Der Musikwissenschaftler Markus Kiesel stellte in seinem Nachruf in Musica über sie fest: "Mit Friedelind Wagner verlor die Musik- und Theaterwelt eine Ziehmutter, ein Leitbild, eine Ratgeberin und eine unbequeme Zeitgenossin von Format, aber es ist möglich, dass es die Welt wieder einmal nicht merkt." Wer mehr über Friedelind erfahren will, dem sei die Biografie von Eva Riegeraus dem Piper Verlag empfohlen, die im letzten Festspielsommer herauskam.

Dass am 29. März Richard Wagners Oper Das Liebesverboturaufgeführt wurde, habe ich bereits vor zwei Tagen beschrieben, dass am 29. März 1872 Franz Philipp Beidler geboren wurde, der spätere Mann von Wagners erster Tochter Isolde und Vater des ersten, allerdings nie anerkannten Wagnerenkels Franz Wilhelm Beidler, sei ebenso erwähnt wie die Tatsache, dass die für 29. März 1933 geplante Erstaufführung des Films Das Testament des Dr. Mabuse von Fritz Lang verboten wurde.