Es ist noch keine zwei Wochen her, da gab es in Israel wieder einen Eklat. Das Jerusalem Symphonieorchester hatte anlässlich des 200. Geburtsjahres von Richard Wagner zu einer Fachtagung über die Musik des deutschen Komponisten und seine nahezu vollständige Verbannung aus israelischen Konzertsälen ins Stadttheater eingeladen. Wie die Tageszeitung Haaretz berichtete, stürmte am Vorabend der Podiumsdiskussion ein junger Mann die Nationalhymne singend auf die Bühne, bezeichnete einen der Referenten als Kapo und beschimpfte das Publikum. Das Publikum buhte den Mann aus, der auf jede Annäherung aggressiv reagierte. Erst als zwei Polizisten ihn abführten und ein Lokalverbot aussprachen, konnte die Konferenz weitergehen.

Dass die Musik Wagners, der fünfzig Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten starb, in der jüdischen Gesellschaft nach wie vor verpönt ist, erklärt sich durch den Wagner-Missbrauch Adolf Hitlers und die Rücksichtnahme auf die Gefühle von Holocaust-Opfern von selbst. Und selbstredend durch den Antisemitismus und Rassismus Richard Wagners, der nicht nur 1850 unter einem Pseudonym und 1869 unter dem eigenen, inzwischen prominenten Namen die Hetzschrift Das Judenthum in der Musik veröffentlichte, sondern sich bis zuletzt entsprechend äußerte - unter anderem in den sogenannten "Regenerationsschriften" von 1878 bis 1883, ja selbst in dem vermeintlich harmlosen Bericht über die Wiederaufführung eines Jugendwerkes. An den Herausgeber des "Musikalischen Wochenblattes", nachzulesen im Blog vom 25. Dezember.

Seit einem Vierteljahr und noch bis 16. März präsentiert das Jüdische Museum Wien mit der Ausstellung Euphorie und Unbehagen - Das jüdische Wien und Richard Wagner im Palais Eskeles einen zwar ausschnitthaften, aber nichtsdestoweniger wichtigen Beitrag zum Thema. Hier zeigt sich beispielhaft das gegebene Spannungsverhältnis zwischen kritikloser Zustimmung und rigoroser Ablehnung: In Wien, einem Angelpunkt der europäischen Musikkultur und einem frühen Zentrum des Wagnerkults, lebten viele jüdische Wagnerianer, aber auch seine schärfsten Kritiker. Ausgehend von der Leidenschaft für und wider Richard Wagner werden sowohl der moderne Antisemitismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als auch die Wirkung Wagners auf Kunst und Kultur der Wiener Jahrhundertwende und auf Adolf Hitler und das NS-Regime thematisiert. Letzten Endes geht es auch um die Frage nach der heutigen Wagner-Rezeption - auch und vor allem in Israel.

"Wagners Werk", so der Pressetext zur Ausstellung, "inspirierte nichtjüdische Künstler und Intellektuelle ebenso wie deklarierte Antisemiten und - unter naiver Ausblendung beziehungsweise Umdeutung der antisemitischen Botschaften - einflussreiche jüdische Intellektuelle wie Theodor Herzl oder Otto Weininger. Besondere Auswirkung hatte Wagners musikalisches Schaffen auf Komponisten wie Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Alexander von Zemlinsky, die als (jüdische) Protagonisten der neuen Musik Wagners kompositorische Neuerungen in ihrem Werk reflektierten.

In seinem Artikel "Der Schritt von Wagner zu Klimt" schreibt dazu Edwin Baumgartner in der Wiener Zeitung unter anderem:

Es ist Richard Wagner, der in Schriften und Aussagen die Grundlagen dieses antisemitischen Rassismus' entwickelt, wobei es keine Rolle spielt, ob nun Wagners Ehefrau Cosima in ihren Aufzeichnungen eigene antisemitische Ideen "dem Meister" in den Mund legte: Im Haus Wagners waberte der Antisemitismus wie auf seiner Bühne die Kunstnebelschwaden. Und Wien war die Stadt, wie Ausstellung und Katalog darlegen, in der sich Wagner vom Salonantisemiten, wie er im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen die Regel war, zum antisemitischen Rassisten wandelte.

Somit wird Wien, auch das ist eine durchaus verstörende Erkenntnis dieser Ausstellung, Katalysator des Antisemitismus': Hier fühlt sich Wagner durch die Angriffe des Kritikers Eduard Hanslick und des Feuilletonisten Daniel Spitzer verfolgt, hier beginnt er, nach der Absetzung der Uraufführung von "Tristan und Isolde, eine jüdische Verschwörung zu wittern, die in seinem Denken immer mehr Raum greift. (Und hier ist es auch, nebenbei bemerkt, dass Hitler zum Antisemiten wird, und, um einen Bogen zu schlagen, ist es auch hier, dass der Nationalsozialist Karl Böhm während des Dritten Reichs Direktor der Staatsoper wird und es, nun lippenbekennender Nichtmehr-Nationalsozialist, nach dem Wiederaufbau des Hauses nochmals wird, um, so die Begründung, Kontinuität zu schaffen.)


Wie Baumgartner ausführt, enthält sogar der empfehlenswerte zweisprachige Katalog zur Ausstellung aus dem Metro-Verlag (224 S., zahlr. Abb., 29,90 €, erhältlich unter info@jmw.at) Überraschungen. So weist dort Brigitte Borchhardt-Birbaumer nach, dass der Affe im Beethovenfries von Gustav Klimt eine antisemitische Karikatur aus der Sicht einer von Wagner geprägten Musik-Rezeption darstellt. Und Leon Botstein, neben Hannes Heer einer der wissenschaftlichen Berater, schreibt in seinem Beitrag "Wagner, Wien und die Juden" unter anderem:

Das beste und eindrücklichste Beispiel dafür, wie vollkommen das gebildete Judentum, vor allem in Wien, Wagner auf- und angenommen und die scheinbar trivialen, allzu vertrauten und peinlichen politischen Dimensionen seines Schaffens und seines Rufes ignoriert oder beiseite geschoben hatte, war der Vortrag des Dirigenten Bruno Walter im Wiener Kulturbund 1935. Der Titel des Vortrags lautete: "Von den moralischen Kräften der Musik". Der geborene Jude und Mahler-Protégé Walter erwähnt Wagner nur als Beispiel der Gültigkeit der Verbindung zwischen Musik und Liebe. Er zitiert Wagner zur Untermauerung seiner eigenen Überzeugung, dass Musik nur in einem Geist der Liebe florieren kann. Als wäre das nicht der Ironie genug, behauptet Walter auch, dass "Tristan" zeigt, dass Musik das Erotische nur so weit vermitteln kann, wie sie den Eros mit Ethik erfüllt.

Walters verblüffende Blindheit weniger Wagner als der politischen Realität des Jahres 1935 gegenüber lässt erkennen, wie umfassend sich Assimilation und Akkulturation durchgesetzt hatten. Noch 1935 waren die europäischen Juden mehrheitlich davon überzeugt, dass sie trotz Antisemitismus einen permanenten Platz in Europa hätten, den sie sich über Jahrhunderte verdient hatten. Die Stellung der europäischen Juden schien durch den Nationalsozialismus nicht grundlegend gefährdet. Walters Vortrag macht deutlich, welche starke Rolle in dieser Überzeugung eine gemeinsame Kultur, zu der auch Wagner gehörte, spielte. Ästhetisches Urteil und Wertschätzung machten Wagners Antisemitismus in den Augen der kultivierten jüdischen Öffentlichkeit unbedeutend und irrelevant.


Und, um den Bogen zu Beginn zu schließen: Wer sich eine Meinung bilden will zum Thema Wagner-Boykott in Israel, der kommt an dem Katalogbeitrag "Das Wagner-Syndrom" von Moshe Zuckermann nicht vorbei.