Nein, nein und wieder nein! Heute darf ich nicht ruhen noch rasten, denn heute vor 149 Jahren fand in München die vielleicht entscheidendste Begegnung in Richard Wagners Leben statt, das bekanntlich an entscheidenden Begegnungen durchaus nicht arm war: Am Nachmittag des 4. Mai 1864 empfing König Ludwig II. in der Münchner Residenz den Dichterkomponisten, mit dessen Schriften und Werken er sich schon in jungen Jahren bewundernd auseinandergesetzt hatte und den er, nachdem er im Alter von nur achtzehn Jahren König von Bayern geworden war, von einem hochrangigen Hofbeamten suchen ließ. Wagner war zu diesem Zeitpunkt wegen seiner Schulden gerade erst aus Wien geflohen.

Weil Wagners zweibändige Autobiographie Mein Leben just am 3. Mai 1864 endet, gibt es in seinen Worten zeitnah nur briefliche Äußerungen über dieses legendäre Zusammentreffen. Noch am selben Tag schrieb er im Hotel Bayerischer Hof an seine mütterliche Freundin Eliza Wille, bei der er gerade einige Tage in schweizerischer Sicherheit verbracht hatte:

"Theuerste Freundin! Ich wäre der undankbarste Mensch, wollte ich Ihnen nicht sofort mein grenzenloses Glück melden! Sie wissen, daß mich der junge König von Baiern aufsuchen ließ. Heute wurde ich zu ihm geführt. Er ist leider so schön und geistvoll, seelenvoll und herrlich, daß ich fürchte, sein Leben müsse wie ein flüchtiger Göttertraum in dieser gemeinen Welt zerrinnen. Er liebt mich mit der Innigkeit und Gluth der ersten Liebe: er kennt und weiß Alles von mir, und versteht mich wie meine Seele. Er will, ich soll immerdar bei ihm bleiben, arbeiten, ausruhen, meine Werke aufführen; er will mir Alles geben, was ich dazu brauche; ich soll die Nibelungen fertig machen, und er will sie aufführen, wie ich will. Ich soll mein unumschränkter Herr sein, nicht Kapellmeister, nichts als ich und sein Freund. Und dieß versteht er Alles ernst und genau, wie wenn wir beide, ich und Sie, mit einander sprachen. Alle Noth soll von mir genommen sein, ich soll haben, was ich brauche - nur bei ihm soll ich bleiben. Was sagen Sie dazu? - Was sagen Sie? - Ist es nicht unerhört? - Kann das anderes als ein Traum sein? - Denken Sie sich, wie ergriffen ich bin! Tausend herzliche Grüße! Mein Glück ist so groß, daß ich ganz zerschmettert davon bin. Von dem Zauber seines Auges können Sie sich keinen Begriff machen: wenn er nur leben bleibt; es ist ein zu unerhörtes Wunder!" Und im Nachsatz heißt es noch: "Nichts verbreiten! Nichts in die Zeitungen! Alles ist intim und soll es bleiben!"

An seine weniger mütterliche Freundin Mathilde Maier schrieb er tags darauf: "Sieh hier das Bild eines wundervollen Jünglings, den das Schicksal zu meinem Erlöser bestimmt. Der ist es, den wir erwarteten, der vorhanden sein mußte, aber den so schön zu finden ich in tiefes Staunen gerathe ... Unsre gestrige Zusammenkunft war eine große, nicht enden wollende Liebesszene. Er ist vom tiefsten Verständnisse meines Wesens u. meines Bedürfnisses. Er bietet mir Alles, was ich brauche, zum Leben, zum Schaffen, zum Aufführen meiner Werke. Nur sein Freund soll ich sein: keine Anstellung, keine Functionen. Er ist das vollendete Ideal meiner Wünsche. (...) Und dieß jetzt - jetzt - in dieser schwärzesten Todesnacht meines Daseins!! Ich bin wie zerschmettert!"

Das Treffen hinterließ, wie Otto Strobel, Bearbeiter des in fünf Bänden dokumentierten Briefwechsels zwischen König Ludwig II. und Wagner* beschreibt, bei beiden einen unauslöschlichen Eindruck: "Hättest Du Zeuge sein können", erzählte der König wenige Tage später seiner Base und späteren Braut, Herzogin Sophie Charlotte in Bayern, "wie sein Dank mich beschämte, als ich ihm mit der Versicherung die Hand reichte: daß sein großes Nibelungenwerk nicht nur seine Vollendung, sondern auch eine Aufführung nach seinem Sinne finden werde, daß ich dafür treu Sorge tragen würde. Da beugte er sich tief auf meine Hand und schien gerührt von dem, was so natürlich war, denn er verblieb längere Zeit in der Stellung, ohne ein Wort zu sagen. Ich hatte die Empfindung, als hätten wir die Rollen getauscht. Ich bückte mich zu ihm nieder und zog ihn mit dem Gefühl ans Herz, als spräche ich für mich die Eidesformel: ihm in Treue allzeit verbunden zu bleiben."

Schon vor der persönlichen Begegnung, unmittelbar nach der ersten Unterredung mit Kabinettssekretär Franz Seraph von Pfistermeister, der ihn im Hotel Marquardt in Stuttgart aufgespürt hatte, richtete Wagner seinen allerersten Brief an den "theuren huldvollen König": "Diese Thränen himmlischester Rührung sende ich Ihnen, um Ihnen zu sagen, dass nun die Wunder der Poesie wie eine göttliche Wirklichkeit in mein armes, liebebedürftiges Leben getreten sind! - Und dieses Leben, sein letztes Dichten und Tönen gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König: verfügen Sie darüber als über Ihr Eigenthum! Im höchsten Entzücken, treu und wahr Ihr Unterthan Richard Wagner.

Der theure König versprach ihm nach dem Treffen am 5. Mai 1864 schriftlich nicht nur eine entsprechende Wohnung, sondern noch viel mehr: "Seien Sie überzeugt, ich will Alles thun, was irgend in meinen Kräften steht, um Sie für vergangene Leiden zu entschädigen. - Die niedern Sorgen des Alltagslebens will ich von Ihrem Haupte auf immer verscheuchen, die ersehnte Ruhe will ich Ihnen bereiten, damit Sie im reinen Aether Ihrer wonnevollen Kunst die mächtigen Schwingen Ihres Genius ungestört entfalten können! - Unbewußt waren Sie der einzige Quell meiner Freuden von meinem zarten Jünglingsalter an, mein Freund, der mir wie keiner zum Herzen sprach, mein bester Lehrer und Erzieher. - Ich will Ihnen Alles nach Kräften vergelten! - O, wie habe ich mich auf die Zeit gefreut, dieß thun zu können! - Ich wagte kaum die Hoffnung zu nähren, schon so bald im Stande sein zu können, Ihnen meine Liebe zu beweisen."

Auch wenn beider Verhältnis immer wieder getrübt war - und zwar nicht nur, weil Wagner wegen seiner damaligen Geliebten Cosima von Bülow den König jahrelang belügen sollte -, sind Ludwigs Liebesbeweise wahrhaft königlich: Dank seiner Protektion konnte Wagner die bis dahin als unaufführbar geltende Oper Tristan und Isolde und die Meistersinger musterhaft in München uraufführen, dank Ludwig konnte Wagner sich endlich ohne Geldsorgen der Vollendung der Ring-Tetralogie und seinem "Weltabschiedswerk" Parsifal widmen, dank der Gaben aus Ludwigs Privatschatulle konnten in Bayreuth jene zwei weltberühmten Wagnerbauten errichtet werden, die ausgerechnet im großen Wagnerjubiläumsjahr als provisorische bzw. echte Baustelle glänzen - was unter dem "Kini" bestimmt nie passiert wäre. "Und wenn wir Beide längst nicht mehr sind", schrieb Ludwig am 4. August 1865 prophetisch, "wird doch unser Werk noch der spätern Nachwelt als leuchtendes Vorbild dienen, das die Jahrhunderte entzücken soll, und in Begeisterung werden die Herzen erglühen für die Kunst, die gottentstammte, die ewig lebende!"

*Der Briefwechsel umfasst rund 600 Dokumente und erstreckt sich zeitlich von 1864 bis Anfang 1883. Wagner schrieb laut Band I der sogenannten Königsbriefe 258 Briefe, 14 Gedichte, 4 sonstige Schreiben und 70 Telegramme an den König, Ludwig II. wiederum richtete an Wagner 183 Briefe (wovon 3 Gedichte enthalten), 2 Gedichte und 86 Depeschen (darunter ein weiteres Gedicht). Die von dem damaligen Wahnfriedarchivar Otto Strobel bearbeitete, fünfbändige Dokumentation erschien erstmals in den Jahren 1936 bis 1939; Herausgeber waren der Wittelsbacher Ausgleichsfonds und Winifred Wagner. Während diese Briefsammlung, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch zu finden ist, liegt sie zumindest in Teilen, nämlich ab Band 16, auch schon in der Briefgesamtausgabe aus dem Verlag Breitkopf & Härtelvor: Richard Wagners "Sämtliche Briefe" sollen voraussichtlich 34 Bände umfassen; noch unter Auslassung der Bände 20 und 21 ist die Edition aktuell bei Band 22 angekommen.