Sein Leben lang pflegte Richard Wagner gegenüber Felix Mendelssohn Bartholdy ein zwiespältiges Verhältnis - von der ersten Kontaktaufnahme im April 1836 an bis hin zu seinem letzten Venedigaufenthalt 1882/83. Cosima Wagner berichtet noch in ihrem letzten Tagebuch, dass er auch in der Lagunenstadt einige der "Lieder ohne Worte" von Mendelssohn am Klavier spielte. Und zwei Jahre, nachdem er seine Hetzschrift "Das Judenthum in der Musik" zum zweiten Mal herausgebracht hatte, erklärte er seiner Frau: "Was ich für ein Stümper bin, glaubt kein Mensch, ich kann gar nicht transponieren. (...) Mendelssohn würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen."

Felix Mendelssohn Bartholdy, der am 3. Januar 1809 in Hamburg geboren wurde, war in den Augen Wagners, wie Martin Geck es in seinem neuen Buch beschreibt, "ein jüdisches Glückskind namens Felix: Bankierssohn, ideales Elternhaus, Hauslehrer von feinster Bildung, der Segen des alten Goethe. Ganz zu schweigen von der künstlerischen Karriere: Der Elfjährige erhält als Geburtstagsgeschenk eine Aufführung seines Singspiels ‚Soldatenliebschaft' mit Mitgliedern der königlichen Kapelle frei Haus- Der Siebzehnjährige ist mit der genialen Ouvertüre zu Shakespeares ‚Sommernachtstraum' in aller Munde; und anlässlich der epochalen Wiederaufführung der ‚Matthäuspassion' erweist dem gerade Zwanzigjährigen halb Berlin seine Reverenz."

"Wagner", so Geck weiter, "der zeitlebens die ‚Pauvretät' seines Elternhauses beklagen wird, gelangt einige Jahre nach Mendelssohn nach Paris - jedoch nicht auf geebneten Wegen, sondern auf der Flucht vor seinen Gläubigern. Und selbst nach seiner Ernennung zum Dresdner Kapellmeister könnte Igel Mendelssohn dem Hasen Wagner sein ‚Ick bün all hier!' zurufen; denn längst ist der vier Jahre Ältere nicht nur Chef der Gewandhauskonzerte, sondern seit Juni 1841 auch Kapellmeister am Dresdner Hofohne ständige Verpflichtungen. Was wäre aus Wagner geworden, wenn Mendelssohn sich damals für ein volles Amt in Dresden entschieden hätte?"

Dass beide nie direkte Konkurrenten waren, muss also als Glücksfall gewertet werden. Sonst wären Wagners Auslassungen in seiner "Judenbroschüre", deren Inhalt er zuerst unter dem Pseudonym K. Freigedank 1850 in der "Neuen Zeitschrift für Musik" veröffentlichte, vielleicht noch schlimmer ausgefallen: "Dieser", schreibt Wagner in bezug auf Mendelssohn Bartholdy, der zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr lebte, "hat uns gezeigt, dass ein Jude von reichster spezifischer Talentfülle sein, die feinste und mannigfaltigste Bildung, das gesteigertste, zartempfindende Ehrgefühl besitzen kann, ohne durch die Hilfe aller dieser Vorzüge es je ermöglichen zu können, auch nur ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten,
weil wir sie dessen fähig wissen, weil wir diese Wirkung zahllos oft empfunden haben, sobald ein Heros unserer Kunst, so zu sagen, nur den Mund aufthat, um zu uns zu sprechen."

"Nur da", fährt Wagner fort, "wo das drückende Gefühl von dieser Unfähigkeit sich der Stimmung des Komponisten zu bemächtigen scheint, und ihn zu dem Ausdruck weicher und schwermüthiger Resignation hindrängt, vermag sich uns Mendelssohn charakteristisch darzustellen, charakteristisch in dem subjektiven Sinne einer zartsinnigen Individualität, die sich der Unmöglichkeit gegenüber ihre Ohnmacht eingesteht. Dies ist, wie wir sagten, der tragische Zug in Mendelssohn's Erscheinung."

Nachgetragen sei vorsichtshalber noch, dass Wagner seinem berühmten Kollegen am 11. April 1836 das Manuskript der Partitur seiner Symphonie in C-Dur als Geschenk geschickt hatte, das seither verschollen ist. Erst bei späteren Nachforschungen wurde in Dresden ein nicht vollständiger Stimmensatz des 1832 komponierten Werks aufgefunden, von Anton Seidl bearbeitet und ergänzt. Wagner dirigierte diese seine Jugend-Symphonie zu Cosimas 45. Geburtstag im Dezember 1882 im Teatro la Fenice ein letztes Mal.

Selbst wenn diese Schenkaktion erste Ressentiments gegen Mendelssohn Bartholdy geweckt haben mag, selbst wenn Wagner ihm nachgetragen haben sollte, dass die Aufführung der "Tannhäuser"-Ouvertüre 1846 durch Mendelssohn Bartholdy im Leipziger Gewandhauskonzert ein Misserfolg war: Es ist eine Tatsache, dass Wagner ihn als Komponisten schätzte und ihn in seiner Columbus-Ouvertüre und im "Lohengrin"-Brautchor hörbar ausgiebig zitierte - wenn nicht sogar plagiierte.

Bleibt noch zu erwähnen, dass heute vor 190 Jahren in Venedig Gioacchino Rossinis Oper "Semiramide" uraufgeführt wurde - eine Produktion, die auch noch 35 Jahre später im Teatro San Benedetto auf dem Spielplan stand und die Richard Wagner während seines ersten Venedig-Aufenthalts von 29. August 1858 bis 24. März 1859 erlebt hat, wie er in seinen Annalen notierte und wie Oswald Georg Bauer es in seinem Standardwerk "Richard Wagner geht ins Theater" ausführlicher beschreibt.