Zum Gespräch will er sich auf der Terrasse des Bratwursthäusles in der Nürnberger Innenstadt treffen. Zu essen gibt es Bratwürste mit Kartoffelsalat, dazu trinkt er ein Glas Riesling. Sven Heublein, gepflegter Drei-Tage-Bart, Kurzhaarfrisur, goldbraunes Sakko, grinst, als er die erste Frage hört.

Herr Heublein, wie oft haben Sie die Frage schon gehört, wie es eigentlich zusammenpasst, schwul und gleichzeitig CSU-Mitglied zu sein?
Sven Heublein: Ich habe nicht mitgezählt, aber es war oft. Die Antwort ist je nach Stimmung und politischer Lage anders. Manchmal ärgere ich mich, weil ich mich frage, wieso Teile der CSU so konservativ sind und die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht anerkennen. Und es gibt andere Tage, da sage ich mit großem Selbstbewusstsein: Das passt sogar sehr gut zusammen. Die Politik, die die CSU macht und die ich mache, macht sich hoffentlich nicht nur an der sexuellen Orientierung des Menschen fest, sondern an den Bedürfnissen der Menschen in den Themenbereichen Bildung, Umwelt oder Gesundheit. Das sind alles Dinge, die nicht davon abhängig sind, ob jemand schwul oder lesbisch ist.

An der Gleichstellungsthematik kam die CDU/CSU-Fraktion nicht vorbei. Spätestens seit das Bundesverfassungsgericht im Juni sein Urteil verkündet hat, dass eingetragene Lebenspartnerschaften steuerlich mit Ehen gleichzusetzen sind.
Ich fühle mich natürlich bei der Gleichstellungsdebatte angesprochen und wünsche mir, dass meine Partei in diesem Punkt noch ein bisschen weitergeht.

Wie geht es Ihnen, wenn die CSU-Landesgruppen-Chefin Gerda Hasselfeldt sagt, dass die CSU beim Adoptionsrecht für homosexuelle Paare nur handeln werde, wenn das Verfassungsgericht es vorschreibt?
(Heublein atmet tief ein)
Ja, bei diesem Thema hadere ich schon mit meiner Partei, weil ich glaube, dass die Diskussion unnötig ist. Unser Land ist viel weiter, als manche in meiner Partei wahrnehmen wollen. Klar, es gibt nicht nur gleichgeschlechtliche Eltern und es gibt nicht nur Patchwork-Familien - das zu behaupten, wäre Quatsch. Aber es gibt diese Konstellationen und nach meinem Verständnis muss die Politik diese Lebensarten auch unterstützen. Beim Adoptionsrecht werden von beiden Seiten verschiedene Studien herangezogen und angeblich wissenschaftliche Belege, was gut oder nicht gut für das Kindeswohl ist. Nach all dem, was ich rings um mich herum erlebe, glaube ich, dass auch zwei Männer und zwei Frauen in der Lage sind, ein Kind gut zu erziehen. Und ich glaube, auch eine konservative Partei tut gut dran, derlei veränderte Lebenswirklichkeiten zur Kenntnis zu nehmen. Die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie ist nicht mehr der einzige Lebensentwurf.

Wird sich Ihre Partei in diesem Punkt bewegen?
Ich glaube, dass es hier Geduld braucht. In einer konservativen Partei werden solche Bastionen, die jahrzehntelang gehalten haben, nicht von heute auf morgen aufgegeben. Ich sehe es eher als meine Aufgabe an, zu zeigen, dass Homosexuelle ganz normale Menschen sind. Sie sind in der Lage, füreinander in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft Verantwortung zu übernehmen und sie sind meines Erachtens auch in der Lage, ein Kind zu erziehen. Zumindest sollten Homosexuelle die theoretische Möglichkeit haben, Kinder zu adoptieren.
Für diese Dinge werbe ich. Aber nicht laut, nicht schrill, nicht aufdringlich und nicht kompromisslos, sondern immer auf der Suche nach einem Ausgleich und einem positiven Vorbild, das ich geben möchte.

Wie sieht dieses Werben aus?
Wenn das Thema darauf kommt, dann sage ich meine Meinung, aber ich will nicht den Gleichstellungs-Mufti geben.

Wieso eigentlich nicht?
Ich bin nicht in die CSU gegangen, um für Gleichstellung zu kämpfen, sondern wegen anderer Dinge: Ich bin hier als Kulturpolitiker, als Bildungspolitiker und Kommunalpolitiker. Und zufällig bin ich auch noch schwul. Dieser Punkt ist sehr wichtig für mich, deswegen stehe ich auch der LSU (Lesben und Schwule in der Union) innerhalb der CSU kritisch gegenüber. Meine Sexualität ist nicht das Fundament meiner Politik. Ich wünsche mir jedenfalls, dass ich wegen meiner Kompetenz gewählt werde und nicht nicht trotz oder wegen meiner Homosexualität.

Können Sie die Gleichstellungsdebatte wirklich mit so großer Distanz verfolgen?
Glücklich macht mich das nicht, das stimmt schon. Für die Menschen da draußen, die konservativ wählen, die sich aber durch solche Aussagen abgeschreckt fühlen, wünsche ich mir mehr Zuwendung. Ich kenne viele Homosexuelle, die sagen, dass die CSU eine gute Politik macht, aber... Dieses Aber treibt sie weg von der CSU.

Haben Sie sich jemals innerhalb der CSU diskriminiert gefühlt?
Nein, zu keiner Zeit. Seit ich offen schwul und aktiv in der CSU bin, habe ich mich nie abgelehnt gefühlt. Es wird dann schwierig, wenn man ein Geheimnis daraus macht, jemand kommt dahinter und es wird hinter dem Rücken getuschelt. Bei mir muss niemand hinter meinem Rücken über mich reden; es ist bekannt, dass ich schwul bin.
Wenn ich einen Partner hatte, dann hat der mich auch zu Terminen wie beispielsweise zum CSU-Ball in Nürnberg begleitet. Im Grunde ging es aber immer um meine Arbeit und es freut mich, dass meine Homosexualität keine Rolle spielt. Sei es bei der Aufstellung für den Stadtrat oder für den Bundestag, für den ich kandidiere.

Haben Sie nie schlechte Erfahrungen gemacht?
Klar, natürlich gibt es in Deutschland noch Homophobie. Wenn ich mit meinem Partner händchenhaltend durch die Stadt gehe und jemand spuckt vor uns beiden auf den Gehsteig, um sein Missfallen zum Ausdruck bringen, dann ist das natürlich kein schöner Moment. Aber maßgeblich sind andere Bereiche wie das Privatleben und die Ausbildung.
Hier habe ich überall positive Reaktionen bekommen. Auch als Lehrer war es für mich kein Problem - weder mit Kollegen noch mit Schülern oder deren Eltern. Natürlich sind Verbesserungen immer möglich, aber mal ehrlich, wir haben doch schon ein gutes Stück erreicht. Selbst wenn einige Entscheidungen in Sachen Gleichstellung durch das Bundesverfassungsgericht ins Rollen kamen.
Obgleich sich der Vergleich eigentlich verbietet, weil das so wäre, als würde man Äpfel und Birnen miteinander vergleichen, aber: In Russland darf man noch nicht einmal erwähnen, dass man schwul ist. Das ist natürlich nicht unser Anspruch, zeigt aber schon, wie weit Deutschland schon ist.

Das Gespräch führte
Jan Koch
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