Als ich mit 16 Jahren nach Bayreuth kam, war Wieland Wagner schon ein Dreivierteljahr tot. Aber ich kann mich noch gut erinnern, wie sich mir schnell mitteilte, dass er ein bedeutender Mann gewesen sein musste. Bei der schulischen Haupt- und Generalprobenzwangsverschickung, die es damals noch gab, sah ich als erste Oper überhaupt "Lohengrin". Immerhin: Die Musik berührte mich, obwohl ich ansonsten eher die Beatles, Stones und The Who im Kopf hatte. Bis der "Parsifal" kam, in der legendären Inszenierung Wieland Wagners. Da blieben plötzlich Bilder hängen, die Figuren lösten etwas in mir aus und ich erlebte erstmals etwas von jenem Zauber, der mich auch heute noch in die Opernhäuser treibt.

Heute vor 96 Jahren wurde Wieland Adolf Gottfried Wagner in Bayreuth geboren, als erster Sohn von Siegfried Wagner und dessen Frau Winifred. Er ist als Regisseur und Bühnenbildner unter den Nachkommen von Franz Liszt und Richard Wagner mit Abstand der einzige, der nicht nur eine entsprechende Nase geerbt hat, sondern auch immenses künstlerisches Talent. Obwohl er erst 49 Jahre alt war, als er am 17. Oktober 1966 in einer Münchner Klinik an den Folgen einer schweren Lungenerkrankung starb, hat er der Entwicklung von Bayreuth und der Wagner-Rezeption überhaupt eine entscheidende Wendung gegeben.

"Wir haben den Bayreuther Stil demontiert", sagte er 1951, als die ersten Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg wiedereröffnet wurden. "Uns interessieren keine germanischen Götter mehr, sondern nur der Mensch. Wir wollen weg vom Wagner-Kult." Die jüngste und empfehlenswerte Publikation über ihn, aus der ich hier zitiere, ist 2010 im österreichischen Styria Verlag erschienen (412 S., zahlreiche Abb., 24,95 Euro). Die junge Theater- und Musikwissenschaftlerin Ingrid Kapsamer hat diese profunde und umfassende Werkbiographie "Wieland Wagner. Wegbereiter und Weltwirkung" verfasst, von Wieland-Tochter Nike stammt das Vorwort.

"Wieland Wagner ist lange schon tot", schreibt sie. "Die Zeit scheint über seine Musiktheater-Reform und sein musiktheatrales Denken hinweggegangen. Nicht nur, weil das Theater die Kunst des Ephemeren, des Augenblicks, der Zeit(geist)-Verfallenheiten ist, sondern weil sich in den über vierzig Jahren nach seinem Tod das Regietheater, als dessen Ahnherr er gilt, weiterentwickelt und in unvorstellbarer Weise radikalisiert hat. Doch damit nicht genug. Es gibt auch den zweiten Tod. Sein künstlerisches Vermächtnis wurde in der endlosen Ära seines Nachfolgers und Bruders auf eine Weise "verwaltet", die einer Vernichtung gleichkam."

"1966 gestorben", so Nike Wagner weiter, "wurde Wielands legendäre ‚Tristan und Isolde'-Inszenierung nur noch bis 1970 gegeben. Birgit Nilsson, die Isolde dieser letzten Aufführung, erinnert sich: ‚Etwas, was mich auch tief berührte, war, dass man gleich nach dem ersten Akt vor dem Festspielhaus ein Feuer aus den Kulissen dieses Aktes angezündet hatte. In der Pause des zweiten Aktes geschah dasselbe, und eine Stunde nach der letzten Tristan-Vorstellung war alles, was daran erinnerte, fort und für immer verschwunden."

"Als seine ebenfalls legendäre ‚Parsifal'-Inszenierung mit dem Jahr 1973 vom Grünen Hügel verschwand", schreibt Nike, "bemerkte es die Presse noch. ‚Wieland Wagners Verbannung' nannte die FAZ dieses brüderliche Entsorgen. Dann nahm das Verschwinden seiner Kulissen, Kostüme, Modelle, Regiebücher, Entwürfe, Manuskripte und Korrespondenzen seinen von subjektiv-innerfamiliärer Interessenlage gesteuerten Gang. Das Tristan-Feuer dürfte nicht das einzige geblieben sein. Forscher aus aller Welt berichteten von der Unzugänglichkeit der Materialien, von zerschlagenen oder achtlos aufgestapelten Bühnenbildmodellen, von den wenigen Regiebüchern, die obendrein der Einsicht entzogen wurden."

Naturgemäß ist die Vatertochter Nike Wagner parteilich. Deshalb sei noch aus einer Rezension zu diesem Buch zitiert, die von einem stammt, der mit dem "brüderlichen Entsorger" eng verbunden war. Klaus Schultz, früherer Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters, wurde in der Endphase der Ära Wolfgang Wagners eigens als freier Mitarbeiter der Festspielleitung engagiert für den Fall, dass der greise Festspielleiter die Geschäfte nicht mehr führen könne. Unmittelbar vor Eröffnung der Festspiele 2011 schrieb Schultz in der Tageszeitung "Die Welt" unter anderem:

"Die Bayreuther Festspiele werden in diesem Jahr zum hundertsten Mal veranstaltet. Sechzig Jahre nach dem entschiedenen mutigen Neuanfang ist es um die Erinnerung an Wieland Wagner im heutigen Bayreuth indes nicht gut bestellt. 1991 gab es noch eine Ausstellung zu seinen Inszenierungen, nichts dergleichen in diesem Jahr. Dagegen, neben den Festspielaufführungen, sehr viel Divertissement, Marketing und publikumswirksame ‚Öffnung'. Die Bayreuther Festspiele, sechzig Jahre nach Eröffnung ihrer zweiten Chance, haben allen Grund, sich wieder den Impulsen und dem Beitrag Wieland Wagners zuzuwenden, wie sie sich überhaupt mit allen Kapiteln ihrer eigenen Geschichte ernsthaft werden auseinandersetzen müssen, wenn sie nicht wollen, dass sie nur ein Kult-Event seien und aus den Richard-Wagner-Festspielen dereinst, Disneyland ähnlich, Wagnerland werde."

Dem kann ich nur zustimmen. Und reiche noch ein paar Äußerungen Wieland Wagners nach, die auch seinen Nichten Eva und Katharina in den Ohren klingen müssten. Zum Beispiel: "Ich halte es für eine meiner wesentlichen Aufgaben, Menschen von besonderem geistigen Format, die früher aus vielen Gründen einen weiten Bogen um das Werk Wagners gemacht haben, für dieses Werk zu interessieren." Und ein letztes Wieland-Zitat: "Früher war jeder auf dem Standpunkt gestanden: Was Bayreuth macht, ist sakrosankt. Ich betrachte uns lediglich als einen Teil der Bühnen der ganzen Welt, die die Aufgabe an bevorzugter Stelle haben, und damit die größere Verpflichtung, bessere Wagneraufführungen zu machen wie anderswo."

Im kurfürstlichen Opernhaus am Salvatorplatz, dem ersten Münchner Musiktheater, hat es schon aus zeitlichen Gründen nie Wagnervorstellungen gegeben. Dafür wurde dort am 5. Januar 1688 die Oper "Niobe, Regina di Tebe" von Agostino Steffani uraufgeführt. Am gleichen Tag, 183 Jahre später, feierte man in Paris die Eröffnung des neobarocken Garnier-Opernhauses, das bekanntlich der Originalschauplatz der Geschichte vom Phantom der Oper ist und heute noch bespielt wird. Von den weiteren heutigen Geburtstagskindern greife ich gerne drei Pianisten heraus - Arturo Benedetti-Michelangeli (1920-1995), Alfred Brendel (1931) und Maurizio Pollini (1942). Und als Zuckerl für meine treue Leserin Sandra darf auch noch ein Rockstar feiern: Brian Hugh Warner alias Marilyn Manson wird heute 44.