Den schlafenden Betz/ weckt man nicht,/ Damit nicht gar noch/ Die Brille zerbricht." Am 9. September 1875, nachdem die ersten Probenwochen für die ersten Festspiele 1876 erfolgreich absolviert waren, schrieb Richard Wagner diese launigen Verse an Franz Betz, seinen Uraufführungs-Sachs, der auch den ersten Wotan/Wanderer in Bayreuth kreieren sollte. "Guten Tag, lieber Freund! Wie geht es mit dem Rheumatismus und sonst? Wann hört man etwas von Ihnen? Sind Sie mir gut geblieben? Ihr Richard Wagner, Kappenmacher."

Die Kappe, die Wagner dem Bassbariton, der am 19. März 1835 in Mainz geboren wurde, in Briefen und in seinen Gesammelten Schriften aufsetzte, war keineswegs klein. So bescheinigte er ihm nach den ersten Festspielen am 30. November 1876 von Rom aus: "Unsere Meistersinger waren das Beste, was ich je von der Bühne, herab erwirkte: Ihr Hans Sachs mir unvergleichlich und unvergeßlich. - Ihr Marke vollendet. - Ihr Wotan erstaunlich. Ich gebrauche hierfür immer wieder diese Bezeichnung; keine mir je bekannt gewordene Leistung kommt, schon in dem Betreff der nie dagewesenen Schwierigkeit durch Ausdehnung und Breite, Ihrem zweiten Akte der Walküre gleich. Dies sei zwischen uns festgestellt, auch wenn Sie sich bemühen sollten, mich zu vergessen."

Betz gehörte eher zu den skrupulösen Sängern, die lieber die Finger von einer Partie lassen, wenn sie nicht glauben, ihr vollauf genügen zu können. Im Briefwechsel zwischen ihm und Wagner ging es wiederholt um die Zweifel des Sängers an seiner künstlerischen Begabung. "Daß Sie sich z.B. das ‚Dämonische‘ nicht zutrauen, gehört hierher", schrieb ihm Wagner. "Denken Sie, es gebe ein Fach für ‚dämonische‘? Ich bin, nach meinen so glücklichen Erfahrungen von Ihnen, ganz sicher, daß, könnte ich einmal den Fliegenden Holländer so mit Ihnen durchgehen, wie damals den Sachs, Sie bald gar nicht mehr an das ‚Dämonische‘ denken, sondern einfach das Richtige, Tiefergreifende treffen und leisten würden."

"Ich habe Ihrem Telramund assistiert", erinnert Wagner ihn an die von ihm besorgte Lohengrin-Neueinstudierung 1867 in München, "und weiß, was ich von Ihnen habe. Dann aber auch machen Sie sich Skrupel über tiefe Noten? Das ist nun eben ‚Opern-Philisterei‘. Kann es einem vernünftigen Dramatiker je darauf ankommen, seine Sänger durch tiefe d's und h's u.s.w. brillieren zu lassen? Die tiefen Töne wende ich in ganz anderem Sinne an, als etwa nur durch recht bärbeißige Kraft wirken zu lassen. Darum - nur keine Sorge! - Alles wird sich machen."

Betz wurde in Karlsruhe ausgebildet und debütierte 1856 am Hoftheater Hannover mit dem Heerrufer in Lohengrin. Nach Stationen an den Opernhäusern in Altenburg, Gera, Bernburg, Köthen und Rostock gastierte er 1859 erstmals an der Berliner Hofoper, wurde Ensemblemitglied und blieb dem Haus bis zum Ende seiner Laufbahn 1897 verbunden. Dort sang er die großen Partien seines Fachs, darunter Amonasro in der deutschen Erstaufführung von Giuseppe Verdis Aida und die Titelpartie der Berliner Erstaufführung des Falstaff.

Sternstunden seiner Laufbahn waren die Meistersinger-Uraufführung 1868 in München, wo er den Hans Sachs kreierte, den er später noch über hundert Mal singen sollte, die Aufführung von Beethovens 9. Symphonie zur Grundsteinlegung des Festspielhauses am 22. Mai 1872 sowie die ersten Bayreuther Festspiele 1876, wo er als Wotan und Wanderer auftrat. Nach Wagners Tod trat Betz noch einmal in Bayreuth auf: 1889 als Sachs, König Marke und als Kurwenal. Von 1882 bis 1890 war er der erste Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, was ihm wohl bei Witwe Cosima den Ruf eintrug, "er würde von keinem guten Einfluss sein". Er starb am 11. August 1900 in Berlin.

In seinem Rückblick auf die Bühnenfestspiele 1876 hatte Richard Wagner Ende 1878, Anfang 1879 geschrieben: "Will ich aber einen Mann bezeichnen, welchen ich wegen vorzüglicher Eigenschaften als einen ganz besonderen Typus dessen betrachte, was der Deutsche nach seiner eigensten Natur durch nur in ihm anzutreffenden Fleiß und zartestes Ehrgefühl auch auf dem Gebiete der idealsten Kunst zu leisten vermag, so nenne ich den Darsteller meines Wotan, Franz Betz. Wem hatte es mehr als mir vor der Möglichkeit gezagt, die enorm ausgeführte, fast nur monologisch sich gestaltende Scene des Wotan im zweiten Akte der Walküre in ihrer Vollständigkeit einem Theaterpublikum vorführen zu können?"

"Ich möchte zweifeln", so Wagner weiter, "ob der größte Schauspieler der Welt ohne gerechtes Bangen an eine nur rezitirte Durchführung dieser Scene gegangen sein würde; und, habe ich allerdings gerade hier die belebende, das Vergangenste deutlich vergegenwärtigende Macht der Musik erproben dürfen, so lag gerade wiederum in der ungemeinen Schwierigkeit, der hier so neuen Anwendung des musikalischen Elementes vollkommen Herr zu werden, die fast erschreckende Aufgabe, welche Betz in einer so vollendeten Weise löste, daß ich mit dieser seiner Leistung das Übermäßigste bezeichne, was bisher auf dem Gebiet der musikalischen Dramatik geboten wurde."

Zum Schluss noch ein Geburtstag: Am 19. März 1873 kam in Brand in der Oberpfalz Max Reger (1873-1916) auf die Welt, der auf Einladung eines Onkels als Fünfzehnjähriger erstmals nach Bayreuth kam. Er erlebte Parsifal und die Meistersinger und fasste aufgrund des gewaltigen Eindrucks den Entschluss, Musiker zu werden. Und ein Todestag: Heute vor zehn Jahren starb der aus Amberg in der Oberpfalz stammende Maler Michael Mathias Prechtl (1926-2003) in Nürnberg, der sich immer wieder auf eindrückliche Weise mit Richard Wagner beschäftigt hat.