Ein kleiner Hügel mitten im Leipziger Clara-Zetkin-Park, genannt die "Warze", unter sternklarem Himmel und eingerahmt von hohen Kastanien: Auch das ist das Wave-Gotik-Treffen, fernab des geschäftigen Treibens in der Stadt und überfüllter Konzerthallen.

Das "Wanderkino" hat zu einer Sondervorstellung zweier Stummfilme geladen, einige Bänke sind vor einem altertümlichen Lastwagen aufgebaut, an dessen Seite eine Leinwand aufgezogen worden ist. Alte Filmprojektoren und zwei Livemusiker - Tobias Rank am Piano und Gunthard Stephan an der Violine - machen das Bild komplett.

Dieser Aufbau alleine war Grund genug, meinen Urlaub für einen Blogeintrag zu "unterbrechen". Besucher werden freundlich empfangen und auf Wunsch mit Getränken versorgt. Ein warme Decke wäre an diesem Abend allerdings wohltuender, doch die Aussicht auf zwei mir unbekannte Stummfilme in diesem anregenden Ambiente machen die Kälte wieder wett.

Der Projektor rattert los, die spärliche Beleuchtung wird gelöscht und zu zarten Klängen von Piano und Violine wird zuerst eine 15-minütige Aufnahme einer Straßenbahnfahrt durch das Leipzig des Jahres 1928 gezeigt. Für den modernen Kinobesucher, dessen Leben an jeder Ecke von bewegten Bildern begleitet wird, klingt dies auf den ersten Blick nicht sehr spannend. Doch man glaubt kaum, wie fesselnd es sein kann, mit dem Blick einer fest montierten Kamera in der Straßenbahnfront durch das Leipzig der 20er-Jahre zu gondeln.

Es wurden schon schlechtere Filme über Banaleres gedreht, die deutlich mehr Geld gekostet haben! Lässt man sich auf die Fahrt ein, bekommt man einen Eindruck des Lebens von vor 85 Jahren. Sicher, Leipziger haben dank des Wiedererkennungswertes sicher noch mehr Spaß, doch auch fremde Besucher blicken gebannt auf die Leinwand. Immer wieder sorgen unbekümmerte Fußgänger und Radfahrer mit ihrer unerschrockenen und entspannten Ignoranz der Tram gegenüber für Lacher. Da überquert ein Mann nur knapp vor der Bahn die Gleise, nur um sich noch einmal umzudrehen und unbekümmert etwas aufzuheben, das er wohl verloren hat.

Der ungefilterte Eindruck des alltäglichen Lebens wird umso kraftvoller, stellt man sich vor, dass jeder dieser Menschen, der vor unseren Augen geschäftig umherwuselt, tot ist. Doch für 15 Minuten erstehen ihre Leben wieder auf - die Sorgen und Freuden, die sie an diesem Tag umtrieben, auch wenn wir niemals ihre Geschichten erfahren werden.

Die Straßenbahnfahrt ist zu Ende, der zweite Film wird eingelegt: Passend zum Wagnerjahr wird ein Film präsentiert, der selbst stolze 100 Jahre auf dem Buckel hat. Im Jahr 1913 erschufen der Produzent Oskar Messter und Regisseur Carl Froelich eine Filmbiographie, die dem "unsterblichen Meister", wie er im Film tituliert wird, ein Denkmal setzen wollten.

Der Stummfilm zeichnet wichtige Lebensstationen des Komponisten nach, immer wieder beleuchten schlaglichtartige Szenen des turbulente Leben des in Leipzig geborenen Richard Wagner. Für den Wagner-Neuling ist es nicht immer leicht zu folgen und Anspielungen zu verstehen. Allzu viel rauscht an mir vorbei, doch ist der Film auch technisch gut gemacht und weiß auch so zu begeistern. Die moderne Schnitttechnik zeichnet sich ab und mit Überblendungen sowie plötzlich erscheinenden Geistern und Kunstfiguren greift die Biographie auch recht tief in die damalige Trickkiste.

Die für Stummfilme üblichen Texttafeln werden nur sehr spärlich eingesetzt. Anstatt Dialoge mit Zitaten zu unterfüttern, werden lediglich kurze Zusammenfassungen der folgenden Szenen angeboten. Das trägt nicht immer zur Klarheit bei, lässt dem Zuschauer aber viel Raum für Phantasie, für eigene Füllung der ausdrucksstark gespielten Szenen. Das Zuviel an Pathos, mit dem Guiseppe Becce Wagner darstellt, wirkt ein wenig befremdlich, selbst wenn man die übertrieben theatrale Spielweise in Stummfilmen übersieht. Doch dennoch ist man gewillt, dem Film zu verzeihen, der sich etwas zu sehr in der Wagnerverehrung ergeht und dabei dennoch unterhält.

Stichwort "theatral": Der Film ist in fünf Akte gegliedert, ganz wie ein klassisches Drama. Der Übergang zum Film als eigenem Genre ist hier noch nicht abgeschlossen, die Verbundenheit zeigt sich nicht nur im Spiel.

Kritik äußert die filmische Heldenverehrung natürlich kaum - der Hinweis auf die Verschwendungssucht Wagners ist bloß ein Element, welches das Profil des tragischen Helden schärft. Kein Heros ist ohne Fehl und Schwächen. Und nur wer tief fällt, kann ganz hoch aufsteigen, umgekehrte Fallhöhe sozusagen. Verwegen, wer auf Anspielungen auf Wagners antisemitisches literarisches Werk wartet.

Nach 80 Minuten flimmert der Schriftzug "Ende" über die Leinwand. Wir erheben uns und merken zum ersten Mal, wie frisch der Abend eigentlich war. Ein gutes Zeichen für die gezeigten Filme, dass sie so von Kälte und steifen Beinen ablenken konnten. Beim Spaziergang zurück entlang des Elsterflutbetts spüren wir nicht bloß den kalten Gliedern nach, sondern auch einem ganz besonderen Filmabend, bevor wir uns wieder in das laute und schwarzbunte Nachtleben Leipzigs stürzen.

Weitere Eindrücke vom Wave-Gotik-Treffen finden Sie in diesem Artikel!