Heute hätte ich beispielsweise etwas über Charles Baudelaire schreiben können. Oder über den Nibelungenkanzlisten Hermann Zumpe. Oder darüber, dass Richard Wagner am 9. April 1859 mit der Kompositionsskizze zum 3. Akt "Tristan und Isolde" begonnen hat. Stattdessen liefere ich, wie es im neudeutschen Fachjargon heißt, einen Nachdreher. Zwar halte ich nichts davon, ein Thema so lange durch- und weiter zu nudeln, bis der Meldewert bei Null angelangt ist. Aber für Toni Schmid und sein reichhaltiges Interview, das er Florian Zinnecker im "Nordbayerischen Kurier" vom 6. April gegeben hat, mache ich gerne eine Ausnahme.

Schon einfach deshalb, um explizit darauf hinzuweisen, dass der oberste bayerische Kulturbeamte, der seit dreizehn Jahren für die Belange der Richard-Wagner-Stiftung und der Festspiele zuständig ist, sich in besagtem Interview gleich mehrfach und nicht nur bei Fragen nach den Bauschäden am Festspielhaus darauf zurückzieht festzustellen, er habe keine Ahnung gehabt - beziehungsweise "wir", womit er aktuell den Verwaltungsrat der Bayreuther Festspiele GmbH meint, in dem, den 25-prozentigen Anteilen entsprechend, Vertreter von Bund, Land, Stadt Bayreuth und der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" sitzen.

Zwar kenne ich mich weder im Stiftungs- noch im Wirtschaftsrecht genug aus, um sagen zu können, wozu ein Stiftungsrats- bzw. Verwaltungsratsvorsitzender verpflichtet ist. Aber wenn es sich um die Aufsicht und Kontrolle einer Institution handelt, für die öffentliche Gelder fließen, kann es bestimmt nicht schaden, dass der oberste Zuständige sich sachkundig macht und sich nicht nur mit Plundergebäck und Anekdoten abspeisen lässt. Ob Toni Schmid das in den vergangenen dreizehn Jahren in ausreichendem Maße getan hat, ist zweifelhaft.

Worauf es mir besonders ankommt, ist seine Erklärung für all die entstandenen Probleme, die da lautet: "Die Konstruktion ‚Bayreuth‘ ist ein kompliziertes Geflecht. Das hat damit zu tun, dass Wolfgang Wagner ein sehr schwieriger Verhandlungspartner war, der aber am längeren Hebel saß. Er konnte leicht sagen: Entweder wir machen das, wie ich es sage, oder der Deal findet nicht statt. So kam dieses Konglomerat an Verträgen zustande, bei dem man sich heute fragt: Was haben die sich damals nur gedacht?" Was wiederum bei mir Fragen auslöst:

1. Warum stellt Toni Schmid die aus seiner Sicht unverständlichen und unzulänglichen Verträge erst jetzt in Frage? Hätte er sich nicht längst darum kümmern müssen, dass die Stiftung eine Satzung erhält, die zukunftsfähig ist?

2. Warum hat Toni Schmid es versäumt, die Geschäftsfähigkeit des greisen Alleingeschäftsführers der Festspiel-GmbH zu überprüfen zu lassen?

3. Wieso konnte Wolfgang Wagner leicht sagen, "entweder wir machen das, wie ich es sage, oder der Deal findet nicht statt"?

4. Betrifft diese eben nicht nur altfränkische Attitüde des langjährigen Alleinherrschers am Grünen Hügel und seiner Anwälte auch konkret das Nachfolgeverfahren im Jahr 2008? War die Wahl der jetzigen Festspielleiterinnen nur "eine Farce", wie unter anderem auch die frühere F.A.Z.-Journalistin Julia Spinola in der aktualisierten und erweiterten Ausgabe des von Nike Wagner herausgegebenen Sammelbandes "Über Wagner" aus dem Reclam Verlag schreibt: "Denn Wolfgang Wagner hatte sich zu dem lange ersehnten Schritt seines Rücktritts überhaupt nur bewegen lassen, weil ihm seitens des für die Nachfolge zuständigen Stiftungsrats der Bayreuther Festspiele unter der Hand zugesichert worden war, man werde eine Lösung durchsetzen, an der seine Erbin Katharina Wagner beteiligt sei und die so seiner Blutslinie den Vorrang sichern würde gegenüber der Linie seines Bruders Wieland."

5. Trifft es zu, dass, wie es bei Spinola heißt, "Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der damalige bayerische Kunstminister Thomas Goppel die beiden Wolfgang-Töchter 2008 in einem Brief dazu aufgefordert haben, ein gemeinsames Konzept für die Leitung der Festspiele einzureichen"?

6. Ist die Ernennung der amtierenden Festspielleiterinnen durch "inoffizielle Absprachen und vorab getroffene Entscheidungen" zustande gekommen?

7. Geht dieser mögliche Deal stillschweigend weiter, über 2015 hinaus? Was steht im laufenden Vertrag der beiden Festspielleiterinnen? Oder wird er etwa verlängert, weil Toni Schmid die zwei ungleichen Schwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier sehr gern hat?

Warum mir jetzt ausgerechnet der "Lohengrin" in den Sinn kommt, kann nur am Frageverbot liegen. Und um der sprachlichen Reinheit Folge zu leisten, korrigiere ich das im gestrigen Blog benutzte umgangssprachliche "durchgewunken" reumütig in "durchgewinkt". Obwohl in dem "Durchgewunken" eben sehr bildhaft Unken drin stecken, die ich unverbesserliche Unkenruferin naturgemäß mag.