Wenn man sich in einem Menschen getäuscht hat, fühlt man sich alleine gelassen, man reagiert wütend, ist verbittert und möchte am liebsten seinem Ärger Luft machen. Möglichst laut wenn möglich. Erst recht, wenn man sein eigenes Leben mit dem des anderen, bewunderten Menschen so verbunden hat, dass man sein bisheriges dafür aufgegeben hat.


Neue Weltordnung


Daniel Domscheit-Berg war begeistert von der Idee, Geheimnisse an die Öffentlichkeit zu bringen und sich auf diese Weise mit den Mächtigen dieser Welt anzulegen. Und er war fasziniert von Julian Assange, der für ihn so etwas war wie der Verkünder einer neuen Weltordnung ohne Hierarchien und mit freiem Zugang zu allen möglichen Informationen. "Ich bin davon überzeugt, dass das Projekt genial war. Es war vielleicht zu genial, um beim ersten Anlauf zu funktionieren." schreibt Domscheit-Berg im Vorwort über Wikileaks, in dessen Forum er sich von Anfang an zuhause fühlte, weil er dort auf Menschen traf, die sich für die gleichen Themen interessierten wie er selbst. Bis dahin war Domscheit-Berg als IT-Experte beschäftigt und verwendete seine Freizeit darauf, sich für Open-Source-Projekte, den Chaos Computer Club zu engagieren und an verschiedenen Netzwerklösungen zu basteln.


Eine Aufgabe für den Sinn des Lebens


Was ihm fehlte, war eine Aufgabe, die seinem Leben einen Sinn gab. Die kam in Form von Wikileaks und Julian Assange, von dem Domscheit-Berg von Anfang an fasziniert war: "Mein Gedanke, als ich ihn zum ersten Mal sah: cooler Typ." und "Mich hatte Julians Auftreten beeindruckt. (...) Ich war geschmeichelt, dass er mit mir zusammenarbeiten wollte." Eine, wie es zumindest am Anfang scheint, perfekte Symbiose. Die wird zum einen dadurch gestört, dass Domscheit-Berg Assange besser kennenlernt. Inklusive dessen menschliche Schwächen oder Eigenheiten, etwa die Angewohnheit tagelang nicht das Hemd zu wechseln, stundenlang unbeweglich am Computer zu arbeiten oder unpünktlich zu sein. Zum anderen kennt sich Domscheit-Berg allmählich besser im Inneren von Wikileaks aus und wird kritischer gegenüber der Hardware, der schlechten Ausstattung, dem fehlenden Personal, gegenüber Assange. Eine Haltung, die letztlich zum Bruch zwischen den beiden führt.


Persönlicher Rückblick


"Inside Wikileaks" ist ein ganz persönlicher Rückblick von Daniel Domscheit-Berg, weshalb das Buch weder ein literarisches Meisterwerk ist noch eine neutrale Dokumentation, die alle erreichbaren Quellen sichtet und abwägt. Es ist aber auch keine persönliche Abrechnung mit einem ehemaligen Freund, sondern der Versuch, einen Lebensabschnitt aufzuarbeiten und vielleicht auf diese Weise für sich selbst abzuschließen. Ob das glaubwürdig ist, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Der gleichnamige Film mit Daniel Brühl als Daniel Domscheit-Berg und Benedict Cumberbatch beruht unter anderem auf diesem Buch. Er läuft am 31. Oktober in Deutschland an.

Zum Buch:
Daniel Domscheit-Berg: Inside Wikileaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Webseite der Welt. Ullstein, 9,99 Euro