Unser linksliberales und für allerlei Ungerechtigkeiten sensibles Gerede sei ja schön und gut, sagte ein Freund neulich auf einer Party. Aber ich solle mich doch einmal umschauen. Ich hätte nur die Doppelgänger meiner selbst eingeladen: höfliche Mittelschichtskinder mit Studiumabschluss und einer Vorliebe für US-amerikanische TV-Serien. Dann nannte er mich noch sinngemäß einen Schönwetter-Liberalen, der seine Überzeugungen noch nie unter schwierigen Bedingungen hätte verteidigen müssen.

Mir ist diese kleine Party-Episode wieder eingefallen, als ich jetzt Dirk Kurbjuweits neues Buch "Angst" gelesen habe. Kurbjuweit, der für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" schreibt und zu den besten politischen Journalisten des Landes zählt, erzählt darin die Geschichte einer sozialen Eskalation, die mit dem Mord an einem Menschen endet.

Mordfantasien in Briefform

Seine Hauptfigur, den Architekten Randolph Tiefenthaler, hat Kurbjuweit mit allen Insignien aufgeklärter Bürgerlichkeit ausgestattet. Tiefenthaler ist Architekt, kultiviert, weltläufig und wohlhabend, sozial dabei aber keineswegs unsensibel: "Wir sind bereit, etwas von unserem Wohlstand abzugeben, wir haben ein Patenkind in Afrika."
Schleichend verwandelt sich das gediegene Leben der Tiefenthalers in die Hölle stillen Terrors. Ihr Nachbar Dieter Tiberius ist das, was man heute einen Stalker nennt. Er scheint immer da zu sein, beobachtet das Ehepaar beim Sex und schreibt Tiefenthalers Frau Briefe, in denen sich erotische mit Mordfantasien vermischen. Schließlich zeigt er das Ehepaar sogar an und bezichtigt es, seine beiden Kinder sexuell zu missbrauchen. Aus familiärem Alltag wird Ausnahmezustand.

Schlimmer noch erschüttert Tiefenthaler aber das Gefühl, alleine dazustehen. Die Miete von Tiberius zahlt das Sozialamt. Polizei und Anwälte sehen sich außerstande, gegen Tiberius vorzugehen. Sie berufen sich dabei ironischerweise gerade auf jenen Rechtsstaat, den Tiefenthaler beinahe zu einem Fetisch gemacht hat. "Der Staat, dem wir vertrauen, dem wir regelmäßig Steuern zahlten, dem wir durch Stimmabgabe bei allen Wahlen unser Interesse bekundeten, hatte uns schutzlose gelassen", denkt Tiefenthaler.

Verdient der Rechtsstaat unser Vertrauen?

Der Schuss, der Dieter Tiberius schließlich tötet, fällt in einem gesellschaftlichen Hallraum. Da wären zu einem die Diskussionen um das Für und Wider individuellen Waffenbesitzes, die nach jedem Schulmassaker in den USA auch zu uns nach Deutschland schwappen. Da wäre der Fall der Hochspringerin Ariane Friedrich, die jetzt in einem Interview über ihre Hilflosigkeit im Umgang mit einem Stalker berichtet hat. Und da ist zum anderen, dass Kurbjuweit das, was er in "Angst" beschreibt, mit Ausnahme des blutigen Endes alles selbst erlebt hat. Kurbjuweit und sein Tiefenthaler sind Rechtsstaatsfanatiker, wie das für die meisten Menschen hier in Deutschland wohl gilt: "Wir Schwächlinge haben ein großes Interesse daran, dass das Faustrecht nicht gilt, deshalb haben wir den Rechtsstaat gegründet und die Polizei an diesen Rechtsstaat gebunden", heißt es in "Angst".

Der Nachbar wird es abstreiten

Aber könnte es sein, dass wir uns zu sehr auf den Rechtsstaat verlassen haben und darüber träge, feige und auch menschenscheu geworden sind? Wir leben in unseren Enklaven der Bürgerlichkeit und gefallen uns in unserem aufgeklärten Pazifismus. Vielleicht haben wir aber verlernt, uns adäquat in sozialen Konflikten zu verhalten. Die meisten Härten sind ohnehin delegiert: an Polizei, Anwälte, Gerichte. Schon das Wort "Konflikt" halten wir für eine Zumutung.
Ein einfaches Beispiel: Was tun, wenn der Mieter obendrüber trotz mehrfacher Bitten nachts laut Musik hört? Den Vermieter rufen, oder gar die Polizei? Der Nachbar wird es abstreiten, so viel dürfte klar sein. Dann fühlen wir uns vom Rechtsstaat verraten, wie Randolph Tiefenthaler in "Angst".
Wenn unser bürgerliches Selbstbewusstsein so gefestigt wäre, wie wir gerne von uns denken, lachen wir über den Proll und stopfen uns nachts einfach Watte ins Ohr. Aber so souverän sind die meisten eben doch nicht, machen wir uns da nichts vor. Wäre es nicht da deshalb nicht besser, sich den Nachbarn einmal vorzuknöpfen, ihm zu drohen, vielleicht sogar körperlich? "Unser Problem ist, dass wir gut darin sind, eine Gesellschaftsform zu entwickeln, die uns schützt, aber nicht gut darin sind, uns zu verteidigen, wenn es die Gesellschaft nicht gibt. Wir mögen uns ja nicht einmal auf eine handfeste Schlägerei einlassen, weil wir Angst haben, dass am Ende Gehirnflüssigkeit ausläuft, unsere Gehirnflüssigkeit", heißt es in "Angst".

Kein Aufruf zur Selbstjustiz

Das ist kein Aufruf zur Selbstjustiz oder dazu, das Gewaltmonopol zu schleifen. Aber ein bisschen mehr Mut und Eigenverantwortung in sozialen Konfliktsituationen wären auch ein Signal bürgerlicher Selbstachtung. Der Architekt Randolph Tiefenthaler dagegen verpasst es aus geistiger Trägheit, seinen liberalen Überzeugungen vom rücksichtsvollen Zusammenleben der Menschen frühzeitig den nötigen Nachdruck zu verleihen. Am Ende wird er, der Waffen und Gewalt so abgrundtief zu verachten vorgibt, aus lauter Verzweiflung zum Täter. Dann liegt ein Herr Tiberius plötzlich in seinem Blut.

Buch Dirk Kurbjuweit: Angst, Rowohlt Verlag, 252 Seiten, 18,95 Euro